Besucher eines Rolling-Stones-Konzertes im Olympiastadion in Berlin (Quelle: dpa/Paul Zinken)
Audio: Inforadio | 20.06.2019 | Interview mit Berthold Seliger | Bild: dpa/Paul Zinken

Interview | Berliner Konzertagent Berthold Seliger - "Die überzogenen Ticketpreise müssen reduziert werden"

Tickets für über 100 Euro sind keine Seltenheit mehr. Das hat Methode und macht die Kulturlandschaft kaputt, sagt der Berliner Konzertveranstalter Berthold Seliger. Hendrik Schröder hat mit Seliger über die Entwicklungen in der Konzertbranche gesprochen.

rbb: Ihr Buch "Vom Imperiengeschäft - Wie Großkonzerne die kulturelle Vielfalt zerstören" ist voller Zahlen. Diese sollen belegen, wie einige wenige Großkonzerne die Macht auf dem Markt haben und das Geld einsacken, Fans und Künstler übervorteilen und die Kulturlandschaft - und das ist die Conclusio - dadurch immer ärmer wird. Was ist das Problem genau?

Berthold Seliger: Tatsächlich ist es so, dass es mittlerweile drei Großkonzerne gibt, die weltweit das Konzertgeschäft dominieren und unterschiedliche Geschäftsmodelle haben. Die Anschutz Entertainment Group etwa investiert mehr in Immobilien. Sie haben auch eine weltweite Agentur, aber ihnen gehört auch die Mehrzweckhalle am Ostbahnhof. Sie haben dort ein komplettes Entertainment District gebaut. Immobilien sind für das Unternehmen ein wichtiges Geschäft, wo sie weltweit reüssieren, wie in London, Shanghai oder Los Angeles. Die anderen beiden Player, Live Nation und CTS Eventim, haben ein Modell, Ticketing und Konzerte zu organisieren und gleichzeitig Sponsoring massiv zu betreiben. Sie haben eine irrsinnige Marktmacht und im Grunde genommen ein Oligopol entwickelt.

Und das geht dann Hand in Hand, das darf man nicht vergessen, mit dem Superstar-Geschäft. Das Konzertgeschäft ist ja massiv von Superstars geprägt: ein Prozent der weltweit agierenden Musiker und Bands machen 60 Prozent des Umsatzes; fünf machen 95 Prozent des weltweiten Umsatzes. Diese Konzerne sind natürlich auch nur an diesem Superstar-Geschäft interessiert, und dadurch kümmern sie sich wenig um neue und kleinere Bands. Daraus ergibt sich auf vielen Ebenen die Eintönigkeit des Konzertgeschäfts - weil es nur noch von diesen Großkonzernen geprägt ist.

Sie beschreiben, warum Tickets zum immer teurer werden, wie Ticketverkäufer immer mehr Gebühren draufschlagen, wie neue Ticket-Modelle erdacht werden, die nicht mehr unbedingt die Hallen füllen sollen, sondern jedes Ticket so teuer wie möglich machen – egal, ob die Halle ganz voll ist oder nicht. Das ist nicht schön, aber wenn die Leute unbedingt 150 Euro für Lady Gaga bezahlen wollen, warum soll mich das stören?

Das ist falsch gedacht, denke ich. Natürlich machen das die Menschen, denn wenn sie die Rolling Stones oder Beyoncé sehen wollen, zahlen sie den Preis, der aufgerufen wird. Zumindest solange sie sich das leisten können. Man darf ja nicht vergessen, die Tickets für diese Konzerte sind mittlerweile so teuer, dass es ein Teil der Leute gar nicht mehr in die Konzerte schafft, weil sie es nicht leisten können. Ich glaube, aber dass es wichtig ist, dass man die Kultur grundsätzlich zu einem Preis anbietet, der für viele Menschen bezahlbar ist.

Wir würden es ja auch nicht akzeptieren, wenn es im Opernhaus zum Beispiel nur die superteuren Tickets gibt und nicht auch Angebote von 10 oder 15 Euro, die es eben ermöglichen, dort reinzugehen. Kultur benötige ich, um mich überhaupt als Mensch erleben zu können und um meinen geistigen Horizont ausleben zu können, um sozusagen eine eigene Persönlichkeit darzustellen.

Aber leitet sich davon so eine Art Grundrecht ab, für einen schmalen Taler zum AC-DC-Konzert ins Olympiastadion gehen zu können?

Es geht auch nicht darum, dass die Ticketpreise unbedingt super niedrig sein müssen. Es ist natürlich auch ein Geschäft, in dem alles seinen Preis hat. Aber es geht darum, dass man die überzogenen Preise sozusagen reduziert. Beispielsweise lagen beim letzten AC-DC-Konzert die Ticketpreise bei 80 Euro. CTS Eventim, der deutsche Marktführer, hat dieseTicketpreise mit 40 Euro Zusatzgebühren versehen, unter anderem für den Versand, wobei das Briefporto 70 Cent kostet. Zudem gab es keine andere Möglichkeit, als das Ticket mit dieser Luxusvariante zu bezahlen. Da merkt man doch, dass da was falsch läuft.

Die Band und der Konzertveranstalter, die die wirkliche Arbeit machen, die bekommen 80 Euro. Die Mitesser, die Tickethändler, die gar keine Arbeit machen, die auch gar nicht in diese Kunst investieren, bekommen 50 Prozent. Da läuft doch objektiv etwas falsch. Es ist meiner Meinung nach schon viel gewonnen, wenn wir diese Zusatzgebühren und die Tickethändler drastisch reduzieren. Damit haben die Fans automatisch ein günstigeres Ticket, ohne dass für die Künstler irgendetwas wegfällt.

Sie stellen diese Musikimperien den kleineren Veranstaltern gegenüber und machen die Rechnung auf: Je mehr in dieses sogenannte Superstar-Geschäft fließt und die Gewinne sich in immer weniger Händen konzentrieren, desto weniger bleibt übrig für Leute, die auch kleinere Künstler veranstalten. Die gehen das Risiko ein, auch mal draufzahlen. Wieso steht sich das so gegenüber? Ich denke immer, jemand der 150 Euro für Lady Gaga ausgibt, ist ein ganz anderer Fan, als der, der für 12 Euro in eine Clubshow geht.

Das Hauptproblem, das wir haben, ist: Die Popkultur entsteht immer aus den Clubs und aus den kleinen soziokulturellen Zentren. Das können Sie sich querbeet durch die Rock- und Pop-Geschichte anschauen. Die Rolling Stones haben monate- und jahrelang in den kleinen britischen Clubs gespielt, bevor sie immer größer wurden. Die Beatles haben ein paar Monate im Hamburger "Star-Club" residiert und wurden dort überhaupt erst zu der Band, die dann weltweit erfolgreich war. Die Clubkultur ist doch das, wo eigentlich das Neue entsteht.

Deswegen müssen wir unbedingt daran denken, dass wir die Clubkultur fördern. Heute ist es so, dass die Clubs und die örtlichen Veranstalter mit dem Rücken zur Wand stehen - zum einen, weil sie viele Bands gar nicht mehr bekommen, und zum anderen auch, weil sie die Möglichkeit nicht mehr haben, quer zu finanzieren. Sie bekommen also nicht mehr die größeren Konzerte, weil das von den drei Großkonzernen veranstaltet wird.

Damit haben sie keine Einnahmen, die sie in die kleineren Clubs reinvestieren und damit zum wertvollen Aufbau von neuen Themen beitragen können. Die Großkonzerne sind Aktiengesellschaften, das heißt die Shareholder, und haben kein Interesse an Kultur. Ein CEO kann den Aktionären nicht sagen: Hey, wir haben ganz viele tolle Konzerte veranstaltet, aber leider ein bisschen Defizit gemacht. Die Shareholder haben vor allem Interesse an Profit, daran dass die Aktien steigen.

Wir brauchen eine Art Kulturraumschutz wie im Denkmalschutz, dass man sagt: Die Kulturräume, die wir haben, müssen generell unter Schutz stehen. Sie dürfen nicht mehr beseitigt werden.

Was kann man dagegen tun?

Zum einen schlage ich Maßnahmen des Ordoliberalismus vor, das heißt: Es gibt einen Markt, aber der braucht Regeln. Man bräuchte auch ein stärkeres Kartellrecht. Die horizontale Verflechtung von Konzert- und Ticketfirmen muss beseitigt werden. Wir bräuchten auch lokale Ticket-Plattformen, die von den Kommunen eingerichtet werden könnten, bei denen unabhängige Veranstalter oder Clubs ihre Tickets zu fairen Bedingungen einstellen könnten mit geringeren Ticketgebühren.

Das würde bedeuten, dass die Fans mehr Geld in der Tasche behalten und öfter ins Konzert gehen können, weil sie nicht mehr so viel für die Zusatzgebühren ausgeben müssen.

Da sind viele Maßnahmen des Verbraucherschutzes notwendig. Wir brauchen aber auch eine Stärkung der Clubkultur. Wir brauchen wirklich eine Maßnahme, wie eine Art Kulturraumschutz im Grunde wie im Denkmalschutz, dass man sagt: Die Kulturräume, die wir haben, müssen generell unter Schutz stehen. Sie dürfen nicht mehr beseitigt werden.

Bei der Lektüre des Buches und auch bei unserem Gespräch hatte ich das Gefühl, Sie sind durchaus empört. Sie sind wütend auf diese ganzen Entwicklungen im Konzertgeschäft. Haben Sie überhaupt noch Lust auf Musik?

Ja, auf jeden Fall - die Leidenschaft entsteht doch gerade daraus, dass ich Musik liebe und dass ich möchte dass möglichst viele Menschen Musik genießen und erleben können. Ich halte es für den großartigsten Möglichkeitsraum, den wir in unserem Leben haben. Und gerade aus dieser Leidenschaft entsteht auch eine Leidenschaft dafür, fairere Bedingungen herzustellen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Beitrag von Hendrik Schröder

Kommentar

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14 Kommentare

  1. 14.

    Worum sollen sich Künstler noch alles kümmern? Eine Tournee, manchmal sogar Welttournee wird von ganz anderer Seite gemanagt. Da haben die oder der Künstler, Band, rein gar nichts mit zu tun. Umso bekannter, umso teurer. Nur ganz, ganz wenige wehren sich über die überzogenen Ticketpreise. War auch damals schon so. Was jetzt so abläuft beim Ticketkauf im Internet, erfüllt nur sämtliche Wünsche von Veranstaltern und dem jeweiligen Management. Zudem gibt es Musiker*innen, die über Jahre nicht mehr aufgetreten sind( siehe Phil Collins ) und dann tauchen sie auf einmal wieder auf. Auch hier werden horrende Summen vorher vereinbart und diese Summe muß eingespielt werden. Das Musikbusiness ist ein knallhartes Geschäft.

  2. 13.

    Albern.Es gibt kein recht auf günstige/Billige Karten. Vor allem nicht bei Popkonzerten.

  3. 12.

    @Erika: Die Preise würden definitiv fallen, wenn ALLE so handeln würden wie Sie. Aber da gibt es immer noch die Tausenden, die die Preise ruinieren - sprich den geforderten Preis zahlen.

  4. 11.

    Sie haben den Artikel nicht gelesen oder nicht verstanden.
    Es geht darum, daß der Künstler 100 Euro kostet, der Tickethändler sich aber einen Aufschlag von 50% gönnt, das Ticket somit 150 kostet.
    Warum machen die Künstler das mit? Weil sie sich nicht um diese Sachen kümmern. Oder weil sie sonst keine Auftritte bekommen?

  5. 10.

    Früher haben sich Musiker hauptsächlich über die Verkäufe von Tonträgern finanziert (CDs, Schallplatten).
    Durch die Digitalisierung (MP3) und die Billig-Billig-Mentalität der Konsumenten ist auf diesem Weg aber heute fast nichts mehr zu verdienen. Musik als Datei und Streaming ist zum Wegwer-Artikel geworden, der oft auch noch ohne Geldzahlung und ohne Qualitätsverlust kopiert wird. Das ganze ist eine brotlose Kunst für die Musiker. Der einzige Weg, wo noch etwas verdient werden kann, sind Auftritte und Konzerte. Wer Musik billig aus dem Internet holt, der braucht sich auf der anderen Seite nicht über teure Konzert-Tickets zu wundern. Denn auch Musiker müssen am Ende des Tages etwas zu Essen kaufen, die Familie ernähren und irgendwo wohnen. Das alles ist nicht gratis - wie wir alle wissen. Nicht jeder ist Multimillionär wie Madonna oder die Stones. Wovon sollen denn sonst die ganzen Studiomusiker, Gitarristen, Schlagzeuger, DJs und Sänger von speziellen Musikrichtungen leben?

  6. 9.

    Ich hab mir die letzten drei Konzerte - keine Megastars, nur normal bekannte Musiker und Bands - auf ich gerne mal wieder live gesehen hätte und die in Berlin gespielt haben verkniffen. Rund 100€ für ein Ticket auf den höheren Rängen war mir schlicht zu viel. Ich würde mich freuen, wenn die Preise wieder sinken und die Tickets erschwinglicher werden würden.

  7. 8.

    Das sehe ich völlig genauso. Marktradikalem Extremismus sei dank, dass nicht dem möglichen, sondern tatsächlichen Profit alles untergeordnet wird. Gewinnende bei Konzerten sollten aber Musiker*innen, Veranstaltende und Fans/ Gäste sein.

    Auch wenn es um große, besonders gewinnbringende Künstler*innen geht, machen diese kartellartigen Netzwerkstrukturen auch vor kleineren Veranstaltenden und Musikschaffenden keinen Halt. Auch im SO36 und Co. werden Karten per Eventim vermittelt.

    Auch mal passiert: Für einen Verwandten wollte ich einen Eventim-Gutschein für ein best. Konzert einlösen. Im Zuge des Online-Bestellvorgangs wurde nicht nur eine schufa-Auskunft eingeholt, sondern auch Facebook über die Aktivitäten benachrichtigt, selbst ohne existierenden Account. Nein danke. Die Datenkrähe hackt der Geldkrähe kein Auge aus.

    Es braucht gesetzgeberische Regelungen, die sich dekartellisierend und vergesellschaftend auswirken.

  8. 7.

    Wir sprechen hier von den Megashows der wirklichen Megastars, nicht von Clubkonzerten a la BiNu oder FRANTZ Club. Aber es ist schon eine Zumutung, dass es keinen Wettbewerb beim Verkauf gibt. Man ist gezwungen den hohen Preis zu zahlen. Ein Kontingent wird immer ausgeklammert für Promis und Fan Clubs und die guten teuren Plätze sind bei großen Shows sofort weg. Das waren noch Zeiten vor über 40 Jahren, als man noch große Stars für unter 20 DM sehen konnte.

  9. 6.

    Danke für die Insights, insbesondere die zahlenbasierten. Gruß an die FDP: Klares Beispiel fü ein Marktversagen. Es gibt eben neben der profitorientierten Hauptbedingung "Entertainment" auch soziale Nebenbedingungen wie "Kultur" und "Zugänglichkeit" an einen Markt, die allein aus Marktmechanismen heraus nicht gelöst werden können.

  10. 5.

    Hmm, ich sage einfach mal: Angebot und Nachfrage. Es gibt bestimmmt kein Grundrecht auf günstige Ticketpreise. In den 70'ern 80'ern habe ich es mit links bezahlt, heutzutage fühle ich mich irgendwie immer abgezockt. C'est la vie. Man kann, muss aber nicht.

  11. 4.

    Besonders schlimm finde ich diese Machenschaften, wo einzelne massanhaft Karten kaufen und dann, wenn es keine Karten mehr gibt (was durch diese Praxis manchmal schon nach wenigen Stunden der Fall ist) zu horrenden Preisen weiterverkaufen - weil diejenigen, die eine Band oder einen Künstler umbedingt sehen wollen, dann aus verzweiflung auch die überteuerten Karten kaufen.

  12. 3.

    Gier frisst Hirn. Die Tickets werden immer teurer und die Spielstätten immer größer. Da hat man keinen Genuss mehr wenn die Stars nur noch über die Videowand erkennbar sind.

  13. 2.

    Anzumerken sei noch, dass die Bruttopreise für Konzertkarten auch deshalb, in den letzten Jahren, in die Höhe geschossen sind, weil für Künstler allgemein eine wichtige Einnahmequelle weggebrochen ist. Musikstreaming-Dienste haben (für Musikliebhaber Gott sei Dank) das Geschäft mit "Tonträgern" regelrecht einbrechen lassen. Damals waren CD's und Co. "unglaublich" teuer. Jetzt braucht es auch das Kartellrecht, um Ticketpreise wieder fairer für ein breites Publikum auszugestalten.

  14. 1.

    Ist natürlich sehr schade, dass viele junge Leute die noch nicht so viel Geld verdienen , in einem Konzert mit horrenden Preisen nicht gehen können.

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