Kopf des Fontanedenkmals in Neuruppin
Audio: Inforadio | 04.06.2019 | Roland Berbig | Bild: imago/Steinach

Interview | Fontane-Gesellschaft - "Wir sind gut beraten, Fontane auf kein Podest zu stellen"

Journalist, Heimatdichter und Romanautor - Theodor Fontane hatte viele Facetten. Auch die dunklen Seiten habe es gegeben, sagt Roland Berbig, Vorsitzender der Fontane-Gesellschaft im Interview.

rbb: Herr Berbig, ist "Effi Briest" Ihr Lieblingsroman von Theodor Fontane? Oder welches Werk von ihm nehmen Sie immer wieder in die Hand?

Roland Berbig: Ich habe mich neulich bei einer Umfrage daran erinnert, dass ich "Effi Briest" in der Schule völlig daneben fand. Ich habe es mit 15 gelesen und damals hatte ich Liebeskummer – der sich aber weit von dem unterschied, was der Effi widerfuhr. Die Wirkung dieses Romans scheint mir von den ganzen Romanen Fontanes die zu sein, die am größten und am entschiedensten ist. Das hat mit der Schule zu tun, hat mit der Rezeption zu tun. Es ist auch schon zu Zeiten Fontanes vielleicht das erste Buch gewesen, mit dem er als Roman so etwas wie Erfolg hatte. Je älter man wird, umso näher ist man am Wasser gebaut. Ich vergieße dann manchmal auch eine kleine Träne, wenn ich das Ende lese oder einige Passagen, die ich für mich unglaublichen literarischen Rang haben. Aber mein liebster Text von Fontane ist, ich glaube auch altersgemäß, "Der Stechlin" – aber schon ganz lange. Mit ist klar, wenn ich auf Reisen gehe und die sind etwas länger, dann stecke ich den "Stechlin" ein.

Stechlinsee
Der Stechlin-See, Landkreis Ostprignitz-Ruppin | Bild: imago stock&people/ blickwinkel

Was gibt es dabei heute noch für uns zu entdecken? Was macht den "Stechlin" so modern?

Es sind immer Leselieben – diese Beziehung zwischen dem alten Stechlin und dem Mädchen Agnes. Darüber nachzudenken, was da zwischen den beiden gar nicht auserzählt erzählt wird, finde ich unglaublich wichtig. Es ist natürlich auch die Sympathie mit einer Haltung, etwas Abstand zu den Dingen zu halten, die uns alltäglich in der Politik, im Umgang, im Leben, in der Wirtschaft geboten werden. Diesen Abstand zu haben und dennoch beteiligt zu sein – das ist, glaube ich, die Leistung des "Stechlin".

Eigentlich war Fontane Kriegsberichterstatter, er war Journalist, politischer Korrespondent für Preußen in England. Später war er Theaterkritiker – und auf der anderen Seite Schriftsteller und Dichter. Wie hat das sein Selbstverständnis und sein Schreiben geprägt?

Das ist sehr schwer zu sagen. Aber es ist eine sehr zentrale Frage, die gerade auch bei der Ausstellung in Neuruppin und bei den Forschungen zu den Notizbüchern eine große Rolle spielt: Wie kann paralleles oder fast paralleles Schreiben an unterschiedlichen Projekten überhaupt gehen? Er war sehr gut geordnet und sehr streng mit sichn - überhaupt ist das Ordnen von Stoff und Wissen eine ausgesprochene Stärke Fontanes. Und diese Parallelität: Ich denke, sie hat ihn belastet, aber sie war auch anregend für das Schreiben.

Er hat ja mit Vorliebe über Frauen geschrieben, die an der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts – den Zwängen, den Konventionen – verzweifelt und zerbrochen sind. Was hat ihn zum Frauenversteher gemacht?

Ich bin ein bisschen vorsichtig, es so sehr zu isolieren. Bei den Frauen, die er im Blick hatte –das ist ja auch nur ein Teil der gesellschaftlichen Spannbreite – hat er gesehen, dass der Wandel, den er beschreiben wollte, bei den Frauen enorme Veränderungen hervorgerufen hat. Damit meine ich besonders die Zeit nach 1870. Ihn hat interessiert, woher diese Unfähigkeit kommt, bestimmte Beziehungen einzugehen, und warum bestimmte Konventionen sie quälen. Das ist tatsächlich sein Interesse gewesen, aber er hat sich auch für Männer interessiert.

Roland Berbig (Bild: Maja Wiens)Roland Berbig

Was sind denn für Sie die faszinierendsten Figuren aus diesem Kosmos?

Ich liebe sehr die Corinna aus "Frau Jenny Treibel". Wenn Sie jetzt gar nichts von Fontane gelesen hätten, dann würde ich "Frau Jenny Treibel" empfehlen. Das ist eine Geschichte, die einen Gegenwartsbezug hat, amüsant erzählt, eine Komödie in Erzählung übersetzt. Das Schönste an Fontane: Er hat einen unglaublichen Humor.

Was empfiehlt Sie zu lesen, um diesen Humor zu entdecken?

Die Theaterkritiken haben beispielsweise diesen Fontane-Ton. Die sind als Texte in sich geschlossen und stimmig, die kann ich sehr empfehlen. Und die Briefe. Wir haben in der deutschen Literatur ganz wenig vergleichbare Briefschreiber, die in diesem Umfang und dieser absoluten Originalität in der Lage waren, den unterschiedlichsten Menschen Briefe zu schreiben, in denen das Leben pulsiert.

Welchen Stellenwert nehmen die "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" in Fontanes Werk ein?

Unser Fontane-Bild ist ein Bild des 20.Jahrhunderts. Die Zeitgenossen haben Fontane anders empfunden, anders erlebt, den Romanautor haben sie eher am Rande wahrgenommen. Mir ist die Betonung der "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" ein bisschen sehr stark.

Wenn man über Fontane redet, muss man ja auch über seinen Antisemitismus reden. Wie antisemitisch war Fontane? Wie wird das inzwischen in der Forschung gesehen?

Das ist ein ganz schwieriges Thema. Wir haben gerade in dem Fontane-Blog mit Studenten ganz lebhaft und sehr kontrovers darüber diskutiert. Das ist nicht auf einen Punkt zu bringen. Fontane hat antijüdische Äußerungen notiert – und in einigen Briefen von einem bestimmten Zeitpunkt am Ende der 1870er Jahre fast bis zu seinem Lebensende ziemlich pur entsprechende Äußerungen geschrieben. Er teilte mit vielen Zeitgenossen diese antijüdischen Vorbehalte, was aber keine Entschuldigung ist. Es gehört zu ihm - und wir sind sehr gut beraten, Fontane auf kein Podest zu stellen.

Wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Interview führte Nadine Kreuzahler.

Dieser Text ist eine redigierte und gekürzte Fassung. Das gesamte Interview können Sie hören, wenn Sie auf das Abspielsymbol im Titelbild klicken.  

Kommentar

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7 Kommentare

  1. 7.

    Und die Juden waren deswegen reicher, weil es vor Urzeiten verpönt war, sich mit Geldgeschäften zu beschmutzen, dies hat man den Juden überlassen. Alles hat immer eine Ursache, man muss bloß weit genug in die Historie

  2. 6.

    „Er teilte mit vielen Zeitgenossen diese antijüdischen Vorbehalte, was aber keine Entschuldigung ist.“ Doch, der damalige Zeitgeist ist zu berücksichtigen, oder um es schlicht auszudrücken „man wusste es damals nicht anders“. Bitte hört auf, jeden aus der Zeit vor den Nazis unter dem Lichte des heutigen Wissens zu bewerten. Das ist nicht logisch.

  3. 5.

    Meiner Meinung nach, war Th. Fontane kein Antisemit und hat einen Sockel verdient. Zitat: "Seine Absage an Assimilation und Emanzipation endet Fontane mit dem Satz: „Und das alles sage ich (muss es sagen), der ich persönlich von den Juden bis diesen Tag nur Gutes erfahren habe.“ - https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article190316443/Adelskritik-und-Antisemitismus-Theodor-Fontanes-Widersprueche.html

  4. 4.

    Es ist überhaupt nicht mehr an der Zeit, Menschen auf ein Podest zu stellen. Allenfalls können ganz spezifische Leistungen gewürdigt werden. Die auf ein Podest, die auf einem Sockel stehenden Menschen könnten, sofern eine Restaurierung ansteht, höchstens auf einen Halb- oder Viertelsockel gestellt werden, um den Bruch mit einem vergangenen Denken nicht all zu heftig ausfallen zu lassen.

    Heinrich Heine steht auf dem Hamburger Rathausplatz auf einer leicht erhöhten Bodenplatte, damit ihm die Kehrmaschinen nicht über die Füße fahren. Er steht da in 1 : 1 -Körpergröße. Die Stadt Trier hat sich leider etwas an einen Chinesen verkauft und einen 5,50 Meter hohen Marx in ihrer Stadt errichten lassen, wobei die Lebensgröße besser gewesen wäre. Die aberwitzige 19 Meter hohe Lenin-Figur in Blin-Friedrichshain, die von Künstlern schon zu DDR-Zeiten kritisiert wurde, ist verschwunden.

  5. 2.

    Ich denke mal, der Antijudaismus war seinerzeit stark verbreitet. Seit Jahrhunderten. Und er gründete darauf, dass Juden die vergleichsweise Reicheren waren, während die Lage bei anderen sehr viel unterschiedlicher war. Allerdings waren die Zeitgenossen seinerzeit nicht in der Lage, zu differenzieren: Juden wurden förmlich in das Geldgeschäft hineingedrängt und zwar aus dem Grunde, weil ihnen andere Berufszweige verschlossen blieben. (Angehörigen anderer Religionen waren Geldgeschäfte verboten, Juden war es nach ihrer Religion erlaubt.)

    Diese beschriebene, nicht an die Wurzel gehende Denkhaltung verband viele Zeitgenossen - bis hin zu Sequenzen im "Panzerkreuzer Potemkin", des filmischen Selbstbildnisses der Russ. Revolution.

    Umso wichtiger ist es, heute diese Differenzierung zu vollbringen.

  6. 1.

    "antijüdische Äußerungen" - Welche und welchem Zusammenhang, bitte?

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