Daniel Barenboim und Klaus Lederer, Pressekonferenz am 4. Juni 2019 (Quelle: imago/Bartilla)
Audio: Kulturradio | 05.06.2019 | Bild: www.imago-images.de/Bartilla

Kommentar | Barenboim-Verlängerung - Nach mir die Sintflut

In einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz verkündete Kultursenator Lederer am Dienstag, dass der Vertrag von Daniel Barenboim mit der Staatsoper vorzeitig bis 2027 verlängert wird. Damit offenbart Lederer Führungsschwäche. Von Kai Luehrs-Kaiser

Im Grunde war es klar, dass Kultursenator Klaus Lederer (Linke) nicht die Traute haben würde, Daniel Barenboims Vertrag an der Berliner Staatsoper einfach zu kündigen. Barenboim ist der berühmteste Klassik-Künstler der Gegenwart; er hat zudem unbestritten zahllose Verdienste um den Musikstandort Berlin.

Übrigens wäre auch unklar gewesen, wer ein geeigneter Nachfolger für ihn hätte werden können - im Anschluss an eine Ära, die schon jetzt mehr als ein Vierteljahrhundert andauert.

Die Entscheidungsschwäche Lederers

Trotzdem zeigt das simple und einschränkungslose Bekenntnis zu Barenboim eine empfindliche Führungs- beziehungsweise Entscheidungsschwäche des Kultursenators. Barenboim, durch mehrere Erkrankungen ersichtlich geschwächt, war auch aufgrund seines autoritären Probenstils zuletzt stark in die Kritik geraten. Ein kleiner, keineswegs nur lokaler Sturm, den Barenboim hiermit erfolgreich ausgesessen hat.

Durch seine vorzeitige Verlängerung bis zum Jahr 2027 wird ein Nachfolgeproblem verschärft, wie es durch fast jede Ära verursacht wird, die so lange währt. Barenboim wird im Jahr 2027 fast 85 Jahre alt sein.

Loslassen kann er nicht

Man darf annehmen: Gerade weil ihm selber nicht klar war, wie arbeitsfähig er dann noch sein wird, war ihm an einer großzügigen Verlängerung sehr gelegen. Denn eines ist ganz klar: Loslassen kann Barenboim nicht.

Dass die Vertragsverlängerung ohne Wenn und Aber, also ohne jede Andeutung einer Übergangsregelung, getroffen wurde, zeigt vielleicht ein letztes Mal Barenboim in unumschränkter Machtvollkommenheit - auch über seine Befugnisse hinaus. Denn die Entscheidung trägt zu sehr Barenboims eigene Handschrift. Er hat sich voll aktiv in dieser Angelegenheit durchgesetzt - während sich der Kultursenator passiv verhielt.

Nach außen hin Ruhe im Karton

Immerhin hätte die Möglichkeit bestanden, Barenboim einen jüngeren Dirigenten (seiner Wahl) zur Seite zu stellen. Aber eben nicht mit Barenboim, wenn es nach dessen Alleinherrscher-Wünschen geht.

Was es bedeuten kann, große Leute allzu lang an ein Haus zu binden, hat Berlin schmerzlich im Fall der Deutschen Oper erfahren (nach dem Abgang von Götz Friedrich) - und ebenso bei der Volksbühne (nach der Demission von Frank Castorf).

Ein solcher Vorgang kündigt sich auch an der Berliner Staatsoper an. Die Stabilität Unter den Linden mag nach außen hin für Ruhe im Karton sorgen. Sie verrät das Bekenntnis eines Kultursenators: Nach mir die Sintflut.

Sendung: Kulturradio, 05.06.2019, 11.30 Uhr

Beitrag von Kai Luehrs-Kaiser

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11 Kommentare

  1. 11.

    Zu viel Meinung und zu wenig Denker beklagt hier ein professioneller Beobachter, der dann statt eigener Gedanken und Argumente leider auch wieder nur Kollegenschelte und polemische Schmähungen beizutragen hat. Schade, Herr Balitzki, denn warum und wofür genau sie sich schämen wäre tatsächlich viel interessanter gewesen als die bloße Unmutsbekundung. Auffällig ist schon, dass ein Großteil der veröffentlichten Barenboim-Fürsprache sich neben dem Hinweis auf (unbestrittene) Verdienste vornehmlich verunglimpfend an seinen Kritikern abarbeitet und das, worum es bei der Personalentscheidung in erster Line gehen sollte – nämlich das traditionsreiche Haus Unter den Linden mit seiner bald 280-jährigen Geschichte – dabei komplett aus dem Blick gerät. Dem Senat hat's anscheinend gereicht, aber wirklich gewonnen hat dabei niemand.

  2. 10.

    Stimme im Wesentlichen zu, wenngleich eine Kündigung meines Wissens ja gar nicht zur Debatte stand. Hier ging es lediglich um die Frage, ob man den Vertrag eines nach regulärem Ablauf dann 80-jährigen noch einmal um weitere fünf Jahre verlängert oder der Staatsoper endlich erlaubt, nach Nazi-Diktatur, SED-Vereinnahmung und anschließenden Jahrzehnten des Star-Kults unter einem absolutistisch durchregierenden Alleinherscher wieder so etwas wie eine eigene Identität zu entwicklen. Stattdessen hat sich der Senat in die Rolle des Richters über die Führungsqualitäten des GMD drängen lassen und deren Zumutbarkeit für das Orchester zum alleinigen Entscheidungskriterium gemacht - wodurch der nun erfolgte Freispruch zweiter Klasse zur eigentlichen Demütigung wird. Denn verhandelt wurde ja nicht mehr darüber, zu welchen Konditionen man den Maestro in der Stadt halten kann. ER musste Besserung geloben, um bleiben zu dürfen. Strahlende Siege sehen anders aus.

  3. 8.

    Was für ein erbärmlicher Kommentar. Musikkritiker, die Politik machen wollen, sind ein großes Ärgernis. Da schämt man sich ja, also ich meine mich, für seine ehemalige Arbeitsstelle. Aber noch schlimmer ist der Kommentar Nummer 7 (oder könnte das Ironie sein?). Soll das holprige Statement von Luehrs-Kaiser etwa heißen, daß der dynamische Herr Müller und sein noch dynamischerer Herr Renner mutig waren, bloß weil sie die Volksbühne zerstört haben? Es gibt im Mediengeschäft nach wie vor zu viele Meinungen und viel zu wenig Denker!

  4. 7.

    So konservativ ist die SED. Eine Riege alter Männer in Berlin. Sonst nichts.

  5. 6.

    "Damit offenbart Lederer Führungsschwäche" - ach nee, die Erkenntnis kommt aber spät.
    Schön bei der Knabe-Affäre um die Stasi- Gedenkstätte offenbarte er "Führungsschwäche.
    Nun eben hier bei Barenboim. Berlin wird zur Versorgungsstadion für alternde Künstler und für überforderte Senatoren.
    Mich wundert, dass sich nicht auch hier die Kulturstaatsministerin Grütters einmischte.
    Die Unfähigkeit einiger Senatoren scheint in Berlin zwingend zur Jobbeschreibung zu gehören.

  6. 5.

    Der Kommentar ist keineswegs zynisch. Zynisch sind die Entscheidungen und das Kuschen von Kultursenator Lederer vor Barenboim. Außerdem hätte es sehr wohl Nachfolger-Möglichkeiten gegeben. Man muss kein Hellseher sein, um zu wissen: Lahav Shani (nicht nur optisch, sondern auch von seinem arroganten Nicht-Dirigierstil her eine totale Barenboim-Kopie und dessen gläubiger Zögling) oder Gustavo Dudamel (Marketing-Erfüllungsgehilfe eines Diktators aus Venezuela)werden Barenboim nachfolgen. Im Übrigen ist Ihr letzter Satz unvollständig. Wollten Sie noch etwas sagen?

  7. 4.

    Was für ein widerwärtiger Bericht aus der Feder von Journalisten, die nur kritisieren können, selbst aber nichts produktives zustande bringen. Und nun schäumen sie, weil man in Berlin ihren Giftpfeilen keine Bedeutung beigemessen haben. So ist das, wenn Pygmäen sich an großen Künstlern reiben.

  8. 3.

    Der Kommentar ist an Zynismus nicht zu überbieten. Eine für den RBB!

  9. 2.

    Soll eigentlich alles kaputt geschrieben werden ? Warum ?

  10. 1.

    Der Artikel spricht mir aus dem Herzen. Lederer traut sich nicht, etwas Neues anzuschieben. Das wäre, auch für eine weitere Zukunft der Staatsoper, wichtig und richtig gewesen.

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