Daniel Barenboim, Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper, aufgenommen im Rahmen der Lateinamerika-Konferenz im Auswärtigen Amt in Berlin am 28.05.2019. (Bild: imago/Florian Gärtner)
Audio: rbbKultur, 05.06.2019 | Maria Ossowski | Bild: imago/Florian Gärtner

Kommentar | Vertragsverlängerung - Auf das Leben, Daniel Barenboim!

Daniel Barenboim bleibt bis 2027 Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper und der Staatskapelle Berlin. Doch die Vorwürfe gegen ihn hinterlassen einen Nachhall, der seiner Lebensleistung nicht gerecht wird, kommentiert Maria Ossowski.

Auf güldenen Sesselchen im neobarocken Apollosaal hatten sie Platz genommen - der junge Intendant, der allseits beliebte Kultursenator, der um Ausgleich bemühte Orchestervorstand und natürlich er, um dessen Vertragsverlängerung es ging: Daniel Barenboim. Klaus Lederer begründete redegewandt die Entscheidung: Berlin habe dem Generalmusikdirektor viel zu verdanken, das Orchester stehe hinter ihm. Kein Vorwurf des Machtmissbrauchs sei rechtlich relevant, wenngleich Orchester und Dirigent weiterhin darüber im Gespräch blieben.

Das Orchester wiederum legt Wert darauf, sich von der Presse nicht den Umgang mit seinem Dirigenten erklären lassen zu wollen und autark zu entscheiden.

Daniel Barenboim schließlich kokettiert ein wenig mit seinem Alter: Im November wird er 77, er möchte nicht als Reliquie enden. Wenn ihm die Kräfte schwinden oder das Orchester ihn nicht mehr mag, werde er gehen.

Es bleibt ein Nachhall, der seiner Leistung nicht gerecht wird

Ende gut, alles gut? Nein. Aus zwei Gründen.

Erstens frage ich mich, wie ein seelisch differenzierter, kluger und nachdenklicher Charakter all die nach außen getragenen Vorwürfe gegen seine Person verarbeiten wird. Obwohl Barenboim früh zu Gesprächen bereit war, Einsicht zeigte und gelobte, zukünftig auf seinen Ton zu achten und sein Temperament zu zügeln, schien das, was er 28 Jahre aufgebaut hat, im plötzlichen Mediensturm unterzugehen.

Keine Frage: Musiker haben gelitten und vor ihm Angst gehabt. Im Zentrum aller Ressentiments aber schien irgendwann vor allem Barenboims Größe zu stehen, seine Macht, sein Erfolg und sein Charisma. Ohne diese Aura, ohne seine Biografie, seine Leidenschaft und seine Professionalität wäre die Staatskapelle niemals zu einem international gefeierten Orchester geworden, hätten wir in Berlin keine Barenboim-Said-Akademie und keinen Boulez-Saal. Diese Lust am Zerstören eines solchen Erfolgs macht nachdenklich, mag der Sturm sich auch gelegt haben.

Barenboim konnte zwar manch üble Nachrede stoppen. Aber es bleibt ein Nachhall, der seiner Leistung nicht gerecht wird. Warum tun wir uns so schwer, die Ambivalenz im Wesen eines Ausnahmekünstlers zu ertragen? Ist es wirklich nur Mitleid mit den Schwächeren oder eher eine innere Freude an der Demontage einer Legende? Schon jetzt kommentieren selbsternannte Experten, mit dieser Verlängerung habe mal wieder der alte, weiße Mann gesiegt, der zudem sehr angegriffen aussehe und von dem keine neuen Impulse kämen. Welch eine Arroganz und Härte, aber auch Missgunst gegenüber einer Lebensleistung.

Es gab keine Alternative

Zum Zweiten blicken wir kurz auf die Dirigentenszene. Zwar konnte Klaus Lederer (Linke) entscheiden zwischen Verlängern oder nicht Verlängern, aber der Kultursenator hätte keine Alternativen präsentieren können. Es warten reihenweise junge, bestens ausgebildete Dirigentinnen und Dirigenten auf ihre Chance, endlich ein perfekt geformtes Orchester leiten zu dürfen und an einem renommierten Haus Akzente zu setzen. Allein, es dauert viele Jahre, bis jene Strahlkraft sich entwickelt (wenn sie sich entwickelt), die Barenboim zum Publikumsmagneten werden ließ. Sind die Orchester, die Zuhörer, die Intendanten und Sponsoren geduldig genug, einen solchen Weg mit zu gehen?

Es wird ihnen nichts anderes übrig bleiben. 2027 wird der dann älteste Generalmusikdirektor der Welt verabschiedet. Bis dahin: L'chaim, Daniel Barenboim, auf das Leben! Gesundheit! Und Mazel tov, viel Glück!

Beitrag von Maria Ossowski

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

8 Kommentare

  1. 8.

    Liebe Frau Ossowski,
    "Lebensleistung" und "Erbarmen" sind in dem Zusammenhang unzulässige Kategorien. Hier ging es um die Frage, ob man den Vertrag eines nach regulärem Ablauf dann 80-jährigen noch einmal um weitere fünf Jahre verlängert oder der Staatsoper endlich erlaubt, nach Nazi-Diktatur, SED-Vereinnahmung und anschließenden Jahrzehnten des Star-Kults um einen absolutistisch durchregierenden Alleinherrscher wieder so etwas wie eine eigene Identität zu entwicklen. Stattdessen hat sich der Senat (auch durch öffentliche Fürsprecher) in die Rolle des Richters über die Führungsqualitäten des GMD drängen lassen und deren Zumutbarkeit für das Orchester zum alleinigen Entscheidungskriterium gemacht - wodurch der nun erfolgte "Freispruch" (zweiter Klasse) zur eigentlichen Demütigung wird. Denn verhandelt wurde ja nicht mehr darüber, zu welchen Konditionen man den Maestro in der Stadt halten kann. Nein, ER musste Besserung geloben, um bleiben zu dürfen. War es DAS wert?

  2. 7.

    Liebe Frau Ossowski, Aussagen Betroffener sprechen wiederholt von Erniedrigung, Demütigung, Beleidigung. Berichte die sich mit meinen, in 38 Berufsjahren an deutschen Theatern gemachten Erfahrungen absolut decken. Zudem gibt es gravierende Unterschiede zu Büros, Banken etc., unabhängig davon, dass dieser Vergleich keine Form von Machtmissbrauch entschuldigt. Insbesondere aber den Unterschied, dass wir mit unserer Kunst angetreten sind menschliche Werte zu vermitteln. Umso verurteilenswürdiger ist es, in Verwendung dieses Credos, Menschen körperlich, geistig oder seelisch zu verletzen, ihre Existenz zu zerstören. Journalisten, Juristen, Verbände und Politiker, die dazu schweigen, dies banalisieren, billigen oder legitimieren, machen sich letztlich mitschuldig.

  3. 6.

    Liebe Frau Schütz,
    Im Gegensatz zu vielen anderen Kommentatoren habe ich ca 40-50 Proben mit Daniel Barenboim erlebt. Er war oft streng, manchmal ungeduldig und auch heftig. Aber nie persönlich demütigend. Nach der Publikation im VAN hat er zugegeben, dass er zu temperamentvoll sei. Er meinte wörtlich, er sei doch nicht ganz dumm, er verstehe schon, dass er da was ändern müsse. Mit 76 Jahren. Das ist eine Leistung. Huldigung? Nein, aber im Gegensatz zu vielen Barenboim- Gegnern betrachte ich seine Lebensleistung und finde es erbarmungslos, wie er angegriffen wird.
    Dass Theater kein Hort des immer sensiblen Umgangs sind, ist mir sehr bewusst. Meinen Sie, das sei anders in Büros, Banken, Drogeriemärkten, im Einzelhandel oder in Redaktionsstuben? Es ist leider conditio humana, dass wir nicht immer freundlich zu unsren Mitmenschen sind. Der Narzissmus in Theaterkreisen und die Abhängigkeit der schlecht bezahlten Schauspieler, da gebe ich Ihnen recht, verschärft die Situation.

  4. 5.

    Liebe Frau Ossowski,

    ich denke, und dass ist keinesfalls zynisch gemeint, Sie wissen nicht wirklich worüber Sie reden. Ihre Betrachtung ist einseitig und eine schier alles entschuldigende Huldigung an den großen Meister. Wie kann man den offenkundig nicht mehr unterdrückbaren Aufschrei der Betroffenen mit „Lust am Zerstören“ oder „Arroganz“ erklären? Als Journalistin sollten Sie diesen Fall zum Anlass nehmen, die Situation an hiesigen Theatern und Orchestern ehrlich zu recherchieren. Sie würden ob des täglichen Machtmissbrauches erschrecken und sich fragen ob Sie in Deutschland leben.

  5. 4.

    Liebe Frau Ossowski,
    hätten Sie auch nur ein einziges Mal persönlich miterleben "dürfen", wie der Maestro einzelne Kollegen vorgeführt und sich auch noch über deren Stress in diesen Momenten vor dem ganzen Orchester lustig gemacht hat, ich glaube, Sie würden Ihren Kommentar etwas anders formulieren. Er ist unbestritten ein musikalisches Genie, das rechtfertigt aber doch nicht sein Verhalten. Die Staatsopernmusiker sind von ihm abhängig, das nutzt er natürlich sehr gerne aus. Die Kollegen der Mailänder Scala haben sich nicht schikanieren lassen, dort hat er es nicht lange ausgehalten.

  6. 3.

    Sie sprechen mir so was von aus der Seele. Vielen Dank, Frau Ossowski!

  7. 2.

    In Gesprächen mit Staatsopernmitarbeitern gewinnt man den Eindruck, der Maestro wäre dort sogar noch willkommener, wenn er nicht mehr regieren, sondern nur noch dirigieren würde. Und das hätte er ja nun auch über 2022 hinaus mit einem Gastvertrag unter einem dann anderen GMD tun können, ohne dass es seine Verdienste und den Respekt vor der beeindruckenden Lebensleistung schmälern würde. Im Gegenteil: Es wäre ein überzeugenderes Zeichen ehrlicher Verbundenheit des Hauses mit seinem gefeierten Star(und ein Zeichen wahrer Größe des Stars selbst) gewesen als die erneute Vertagung der Nachfolgefrage und damit fälliger strategischer Weichenstellungen. Lederer musste ja jetzt noch gar nicht entscheiden. Zumindest die künstliche Verlängerung des zurecht beklagten unguten "Nachhalls" hat er mit der Verweigerung eines konsequenten Schlussstrichs unter die Debatte auch selbst mitzuverantworten.

  8. 1.

    ein kluger und wunderbarer Kommentar, liebe Frau Ossowski.
    Vielen Dank dafür.

Das könnte Sie auch interessieren