Caetano Veloso bei einem Konzert am 18.05.2019. (Quelle: imago/Fernando Cabrera)
Audio: Inforadio | 26.06.2019 | Magdalena Bienert | Bild: imago/Fernando Cabrera

Konzertkritik | Caetano Veloso im Tempodrom - Wohlfühlabend mit Ferienstimmung

Die derzeitigen Temperaturen sind eine gute Ausgangsbedingung, um sich an die Copacabana versetzt zu fühlen. Die brasilianischen Musik-Legende Caetano Veloso fühlte sich am Dienstag im Berliner Tempodrom ganz offensichtlich heimisch - zur Freude seiner Fans. Von Magdalena Bienert

Eine Gruppe Latinas in bunten Kleidern zieht aufgekratzt eine pudrig-süße Parfum-Wolke hinter sich her. Sie mischen sich mit jungen Hipstern und älteren Paaren. Portugiesische, englische und deutsche Wortfetzen fliegen durch die schwüle Luft des Tempodroms. Irgendwo brummt ein Handventilator.

Der Innenraum ist bestuhlt, was wahrscheinlich auf die, wie der Künstler auch, in die Jahre gekommenen Fans abzielt, aber eine Schnapsidee ist – bei dieser Musik! Tropicalismo nennt sich der Stil, den Veloso mitgeprägt hat und der Bossa Nova, Volksmusik und amerikanische Rock- und Folkmusik miteinander verbindet.

Familienausflug im Sitzen

Der 76-jährige Brasilianer ist mit Familienanhang auf Tour: Anfangs sitzt auch er noch etwas steif zwischen seinen drei Söhnen Zeca, Moreno und Tom Veloso, mit denen er das gemeinsame aktuelle Album Ofertório präsentiert. Es ist seine 46. Platte! Aber die Tour mit seinen erwachsenen Söhnen ist weit mehr als ein Schachzug, es ist ein musikalisches Familienalbum. Veloso sagt auf Englisch: "Das Lied, das wir gerade gespielt haben, habe ich geschrieben, als Zeca geboren wurde. An diesem Abend feiern wir die Reproduktion!" Das volle Haus johlt und beklatscht den stolzen Vater.

Seine drei Söhne begleiten ihn nicht nur mit Akustik- und E-Gitarre, sondern auch mit wundervoll harmonischem Gesang. Und natürlich hat jeder auch seine überzeugenden Solo-Parts. Schließlich sind sie alle Vollprofis. Die vier Velosos sind gleichberechtigt, Papa wird auch mal unsichtbar, wenn Zeca das Publikum allein in seinen Bann zieht, oder er führt einen lustigen Tanz im Sitzen auf, als Tom seinen englischen Song singt.

Caetano Veloso und seine Söhne Moreno, Zeca und Tom bei einem Konzert am 18.05.2019. (Quelle: imago/Fernando Cabrera)
| Bild: imago/Fernando Cabrera

Zu jedem Sohn eine Anekdote

Immer wieder fallen Caetano Veloso Anekdoten ein: wann das erste gemeinsame Lied geschrieben wurde, Tom habe ja Physik studiert und Moreno mag "sophisticated music", deshalb habe er dieses eine Lied für die Setlist gewählt . Veloso selber sei Atheist, zwei seiner Söhne Christen.  

Der Gitarrist und Sänger plaudert sehr charmant, wie bei einem großen Familientreffen, wo der Verwandtschaft, die man selten sieht, alles Verpasste berichtet wird.

Zauberhaftes Bühnenbild

Das Bühnenbild ist so zauberhaft wie der im Sitzen tanzende Caetano Veloso. Ein einziger Punkt ziert eine Leinwand. Wie ein Mond sieht das aus, mal mit oder ohne Aura. Vor der Leinwand hängt quer ein Seil, das, wie der Mond, farblich angestrahlt wird. Das ist alles.  Schlicht, aber wirkungsvoll.

Wohlfühlabend mit Urlaubsflair

Es ist ein Wohlfühlabend mit Ferienstimmung.  Die Fans bekommen Hits und Geschichten. Und das, obwohl der Liedermacher aus Bahia, als eine zentrale Figur der brasilianischen Musik schwere Zeit kennt. Er wurde 1968 vom Militär inhaftiert, konnte aber ins britische Exil, nach London flüchten. Doch davon an diesem Abend kein Wort. Auch nichts über die aktuelle politische Situation in seiner Heimat. Mit 76 lohnt nur noch der Blick nach vorn.

Irgendwann steht Veloso auf, seine Söhne haben schon getanzt, jetzt stellt sich der Maestro mit gelenkig kreisenden Hüften an den Bühnenrand und wie Groupies strömen die Fans in die erste Reihe. Im Oberrang springt ein Mann auf und flitzt in den Innenraum, um zu tanzen. Erst zur Zugabe kommt er wieder zu seinem Platz zurück: "Das musste jetzt mal sein!", sagt er zu seiner Begleitung.

Nach einer Stunde sitzt unten im Saal keiner mehr, die letzten 40 Minuten wird das Tempodrom zum absoluten Sehnsuchtsort. Ach, läge doch die Copacabana am Anhalter Bahnhof…

Sendung:  Inforadio, 26.06.2019, 6:55 Uhr

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