Archivbild: Eddie Vedder während eines Konzerts in Chile. (Quelle: imago/Agencia EFE)
Audio: Inforadio | 29.06.2019 | Steen Lorenzen | Bild: imago/Agencia EFE

Konzertkritik | Eddie Vedder in Berlin - Gemeinsam singen mit dem Kumpel im Jeanshemd

Pearl Jam ist die letzte verbliebene große Band des Grunge-Genres. Ihr Sänger Eddie Vedder ist derzeit solo unterwegs - und spielt jeden Abend ein anderes Programm. Steen Lorenzen erlebte in der Berliner Max-Schmeling-Halle ein stimmungsvolles Konzert.

Eine Weile lässt Eddie Vedder auf sich warten. Männer in weißen Laborkitteln schleichen über die Bühne, testen immer wieder Mikrofone und Gitarren und  korrigieren die Bühnendekoration, so dass Tonbandgerät, Kerzen, Koffer, Tretorgel und noch viel mehr Klimbim richtig stehen. Endlich treten die Kittelträger auf der Bühne ab, als hätten Sie alle Vorbereitungen für das nun folgende ein Experiment abgeschlossen.

Jeden Abend eine neue Setlist

Die Versuchsanordnung bei Eddie Vedder-Konzerten ist dabei äußerst variabel: Songs aus Vedders zwei Soloalben, der 30-jährigen Karriere seiner Band Pearl Jam und neue Versionen von Bob Dylan-, Beatles-, The Clash oder Tom Petty-Originalen werden jeden Abend zu einem neuen Programm zusammengesetzt, manche Songs sogar von einem Abend zum nächsten in unterschiedlichen Arrangements gespielt.

Die Fans lieben es, wie Eddie Vedder jeder Stadt eine andere Setlist schenkt und ziehen von einem Konzert zum anderen. Entsprechend international ist das Publikum. Macht nichts, das Vedder in einer abgelesenen deutschen Ansprache ankündigt: Er könne gar kein Deutsch, er spreche lediglich die Sprache der Musik.

Lagerfeuerstimmung unter Basketballkörben

Mit dem ersten Akkord ist sofort die Nähe zum Publikum hergestellt. Man vergisst, dass am Abend vorher hier vielleicht noch unter Basketballkörben gefightet wurde. Stattdessen glaubt man, am Lagerfeuer zu sitzen - und ist drauf und dran, sich dem Kumpel im Jeanshemd mit dem Vornamen Eddie anzuvertrauen. Auf jeden Fall will man die ganze Nacht mit ihm zusammen zu singen.

Für viele im Publikum ist dieses Konzert eine Reise zurück in die frühen 90er Jahre. Als die großen Bands des Genres Grunge nicht mehr in schäbigen Garagen und Clubs in Seattle spielten, sondern Arenen und bald Stadien füllten. Als sie den Nerv der ziel- und antriebslosen Generation X trafen - ein letztes Aufbäumen in der Rockmusik mit dreckig gespielten Gitarren.

Weltschmerz für alle - ohne Kitsch

Dem enormen Druck, der mit dem urplötzlichen Erfolg einherging, konnte Nirvana-Sänger Kurt Cobain nicht standhalten. Er brachte sich um. Eddie Vedder wählte einen anderen Weg: Statt sich einzuigeln, öffnete er sich im Laufe der Jahre, wurde immer nahbarer. Und auch an diesem Abend in Berlin teil er seinen Weltschmerz, ohne dabei die Schwelle zum Kitsch zu überschreiten. Jedenfalls meistens. Seine Stimme ist ein mächtiges raues Organ, sein Anschlag beim Gitarrenspiel kraftvoll. Dass er ohne Rhythmussektion an seiner Seite auskommt, nimmt weder seinen noch den Pearl-Jam-Songs die Dynamik.

In Berlin gehören die dunklen Hits von Pearl Jam wie "Porch" oder "Alive" zu den Höhepunkten des Konzertes. Eddie Vedder grölt sie nicht mehr wie einst in den 90ern. Er beobachtet, wie sie ein Eigenleben bekommen. Ein Streichquartett spielt die Harmonien, das Publikum ist der vielstimmige und leidenschaftliche Chor. Spätestens jetzt verstehen alle die Sprache der Musik.

Sendung: Inforadio, 29.06.2019, 09:55 Uhr

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