ensemble unitedberlin (Quelle: Mathias Bothor)
Mathias Bothor
Audio: Inforadio | 20.06.2019 | Jens Lehmann | Bild: Mathias Bothor

Konzertkritik | Ensemble United Berlin - Über-Saiten-Kratzen und Auf-Mundstücke-Klopfen

Sie sind aus der Neue-Musik-Szene in Berlin nicht mehr wegzudenken, die Musiker vom Ensemble United Berlin. Am Mittwochabend haben sie im Konzerthaus ihren 30. Geburtstag gefeiert, mit konzentriertem Publikum -  und einer mutigen Parodie. Von Jens Lehmann

Ensemble United Berlin: Der Name ist Programm. Vor 30 Jahren wollten Musiker aus beiden Teilen der Stadt die Wiedervereinigung auch musikalisch feiern. Offenbar hatte man sich gesucht und gefunden, denn jetzt konnte man einen weiteren runden Geburtstag feiern. Aber wer glaubt, zum Ehrentag gibt es ein leicht bekömmliches Jubelprogramm, der kennt die Musiker vom Ensemble United Berlin (Eigenschreibweise: ensemble unitedberlin) schlecht.

Ein bisschen leer war es schon

Zur Eröffnung spielen sie - wie passend - die "Eröffnungsmusik" von Ensemble-Gründer und DDR-Komponisten-Urgestein Hans Jürgen Wenzel. Schön zu hören, dass auch ein Stück von 1978 nichts von seiner Wirkung einbüßt, wenn es denn so gut gespielt ist wie von diesem bemerkenswerten Trio aus Flöte, Cello und Schlagzeug, das doch so klingt, als säße da ein hochengagiertes Sinfonieorchester vor einem. Das Publikum lauscht konzentriert, gibt keinen Mucks von sich - allerdings hätten sich durchaus mehr Menschen in den Werner-Otto-Saal im Konzerthaus hätten verirren können.

Für Stefan Beyers Uraufführung mit dem schönen Titel "Saukalt und Windig" wird es zumindest auf der Bühne voller. Beyer ist 37 und einer der Hoffnungsträger der Neue-Musik-Szene. Sein Stück ist inspiriert vom Anblick eines alten DDR-Wachturms, auf dem der doppeldeutige, ziemlich desillusionierende Wiedervereinigungs-Slogan prangt: "Ab heute: alle glücklich! Aber nur saukalt und windig." Schon klingt Beyers Musik so, als würde sie eine Dokumentation mit alten Schwarz-Weiß-Aufnahmen von der Mauer und ihren Grenzanlagen untermalen. Oder einen sehr subtilen Horrorfilm.

Neue-Musik-Klischees

Dirigent Peter Hirsch hat alle Hände voll zu tun, die Musiker zu koordinieren, ihren Instrumenten die vielen Farben zu entlocken - vom Über-die-Saiten-Kratzen von Harfe und Klavier bis hin zum geräuschvollen Klopfen auf Bläser-Mundstücke. Man möchte fast schon von Klischees, na, sagen wir es ruhig freundlicher: Topoi moderner Musik sprechen.

Die finden sich auch in Vinko Globokars Musik wieder. Unter dem Titel "Sezierte Selbstgespräche" versammelt er virtuose Solo-Passagen. Teilweise mit absurden Vortragsbezeichnungen: "Nur im Einsaugen", "ohne Mundstück" oder "im Einatmen Freudenschrei". Mal stoßen die Musiker auch beim Spielen Textpassagen aus sich heraus. Doch alle Soli beziehen sich aufeinander, ob nun durch den Rhythmus, die ungefähre Tonhöhe - alles fließt ineinander, schwillt an wie ein düsterer Strom. Musik als inneres Theater.

Jurowski kann auch selbstironisch

Bei Georg Katzer ist das anders. Sein "instrumentales Theater" richtet sich stark nach außen, ist grell, humorvoll. In seiner Szene für Kammerensemble von 1975 treffen mal geflüsterte, mal gebrüllte Zitate von Goethe, in denen er sich abfällig über Neue Musik äußert, auf eine groteske Instrumentation von Lineal bis Brummkreisel und verfremdete Versatzstücke aus bekannten Musikstücken. Eine Neue-Musik-Parodie inmitten eines ernsten Neue-Musik-Programms – mutig und selbstironisch.

Vladimir Jurowski macht diesen musikalischen Spaß gerne mit. Hier beim Ensemble United Berlin fühlt sich der Chefdirigent des Rundfunksinfonieorchesters wohl, hier hat er eine Art Spielwiese gefunden. Mögen auf ihr auch in den nächsten 30 Jahren so wundersame Blüten wachsen.

Sendung:  Inforadio, 20.06.2019, 6:55 Uhr

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2 Kommentare

  1. 2.

    Herr Weschke, stellen Sie sich vor, es gibt Menschen, die finden diese Klänge wunderbar und haben sogar Freude am Klamauk. Und, jetzt halten Sie sich fest: es bereichert unsere Erfahrung von dem, was wir als Musik zu kennen glauben. Ensembles wie UnitedBerlin, die uns solche Farben zeigen, sollte man unbedingt erwähnen.

  2. 1.

    Man muss wohl heutzutage auf Saiten kratzen und irgendwelchen Klamauk in der Musik machen, sonst würde das hier keine Erwähnung finden. Traurig!

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