Die Band Kiss spielt am 03.05.2019 ein Konzert in Mexico Stadt (Bild: imago)
Audio: Inforadio | 05.06.2019 | Hendrik Schröder | Bild: imago

Konzertkritik | Kiss in der Waldbühne - Ein Mal alles - und zwar richtig viel davon

Die Band Kiss wurde mit wildem Make-up, Fantasy-Kostümen und Hits wie "I was made for lovin' you" zur Legende. Nun sind die Musiker nach 46 Jahren auf einer allerletzen Abschiedstour. Am Dienstag spielten Kiss in der Waldbühne. Von Hendrik Schröder

Es grummelt massiv aus den Boxen, der riesige Bühnenvorhang mit dem legendären Kiss-Logo fällt, dann fahren die Musiker auf Podesten wie Halbgötter hinab auf die Bühne. Die Gesichter in den bekannten schwarz-weißen Masken geschminkt, teils in monströsen Kostümen, die nach Weltraum und Fantasy aussehen. Auf absurd hohen, blitzenden Plateauschuhen kommen sie nach vorne an den Rand. Die Menge bebt. Feuerfontänen schlagen in den Himmel. So stellen sich Kinder die Landung von Außerirdischen vor.

Leuchtraketen und Konfetti

Ein Kiss-Konzert bedeutet in Sachen Show: ein Mal alles - und zwar richtig viel davon. Kanonenschläge kommen punktgenau auf den Schlagzeuggroove, rote Leuchtraketen zischen dutzendweise wie Geschosse zu allen Seiten. Es ist ein Wahnsinn.

Mit "Detroit Rock City", "Lick it up" und anderen Hits hauen Kiss gleich im ersten Viertel ein paar Songs raus, die nur wenige auf den Plätzen halten. Geschätzt 15.000 Leute sind am Dienstag in die nicht ganz ausverkaufte Berliner Waldbühne gekommen. Sie recken ihre Fäuste in die Luft und schreien mit Sänger Paul Stanley: "Shout it out loud!". Und noch einmal: "Shout it out loud!" Basser Gene Simmons, der mit der unglaublich langen Zunge, spuckt Kunstblut, während er dämonisch grün angestrahlt wird, aus der Gitarre sprühen Funken, noch mehr Feuerwerk explodiert.

Bier in Strömen

In anderen Städten soll die Stimmung bei der Kiss-Tour erst am Ende gut gewesen sein, in Berlin ist auf Knopfdruck Alarm und das bleibt die vollen fast zweienhalb Stunden lang so. Zweieinhalb Stunden Konzert - in den Klamotten, bei der Hitze und die Musiker gehen wohlgemerkt auf die 70 zu... irre! Im Publikum sind Männer mit langen grauen Bärten, Frauen in Lederwesten, alle tragen Kiss-T-Shirts, riesige Tätowierungen, Totenkopftücher, Bier fließt wie Wasser die Kehlen hinab. Im Rund sieht es aus, als hielte der Motorradrocker Deutschland e.V. seine Jahreshauptversammlung hier ab.

Tränen am Ende

Musikalisch waren Kiss noch nie die Überflieger. Ganz schön gebolzt und gebraten ist ihr Hardrock, aber in der Inszenierung macht ihnen keiner was vor. Künstliche Hüftgelenke, Stimmband-OPs, kaputte Knie - die Band redet in Interviews ziemlich offen über diese Gründe, warum sie zukünftig nicht mehr touren wollen. Aber bis auf die ramponierte, oft krächzende Stimme von Sänger Stanley merkt man beim Konzert nichts davon. Klar, dass selbiger zu "I was made for lovin' you" wie üblich am Drahtseil über die Menge fliegt und die Leute endgültig ausrasten lässt.

Am Ende wirbeln riesige Luftballons über dem Publikum, minutenlanger Konfettiregen lässt alles weiß und funkeln. Am Ausgang steht später ein Mann und sagt: "Die waren immer da. Ich bin 1972 in die Schule gekommen, 1973 haben die sich gegründet, seitdem höre ich die." Fast kommen ihm Tränen, dann zieht er sich die Mütze mit Kiss-Emblem ins Gesicht und geht. Tschüss Kiss.

Beitrag von Hendrik Schröder

Kommentar

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8 Kommentare

  1. 8.

    Habe sie 1984 das erste Mal gesehen. Dann hier und da. 2019 dann in München und Hannover - einfach nur klasse !
    Chapeau vor den Herren , die präzise eingetaktet wie ein Schweizer Uhrwerk für gute 2h Spaß und Rock n Roll sorgen und bei 30 Grad Außentemperatur plus Schweinwerfer- und Feuerwärme noch mit den kiloschweren Klamotten auf der Bühne herum springen. Pauls Stimme war wesentlich besser als 2015, ich finde alle haben sich richtig den Popo aufgerissen um dem Publikum einen würdigen Abschied zu bieten. 40 Jahre KISS in meinem Leben - das werde ich nicht so schnell vergessen...*snief

  2. 7.

    Moin! Ich bin extra aus Schleswig Holstein angereist... Durch die Baustellen über 10 Stunden Autofahrt hin und zurück. . Jetzt zu Hause... schau ich mir die Videos an.... Das Konzert war einfach nur genial! Danke KISS daß ich Euch noch ein mal sehen konnte!

  3. 6.

    Konnte leider dieses Jahr nicht in der Waldbühne sein.Bin immer sehr gerne Hingefahren !!! Ich Danke den Jungs sehr , das sie mit ihrer Musik und Show über Jahrzehntelang mich glücklich gemacht haben!!!Sie werden mir sehr fehlen!!!!!GOODBYE KISS

  4. 5.

    Wenn man alleine bedenkt, dass die Montur von Gene Simmons fast 20 kg wiegt, glühende Abendsonne, der "Junior" (Tommy Thayer) dieses Jahr auch schon 59 wird, dann kann man echt nur seinen Hut ziehen. 2012 die letzte Platte veröffentlicht und trotzdem reißen sie einen von Anfang an mit. Man weiß was kommt, sogar die Reihenfolge ändert sich kaum. Man weiß was Paul Stanley sagt und tut und man wartet sehnsüchtig auf den spektakulären Konfettiregen zu "Rock & Roll All Nite". Es gibt keinen besseren Song um ein Rock-Konzert glanzvoll zu beenden.
    Spaßig, spektakulär und das Paul Stanleys stimmbandoperierte Stimme nicht mehr ganz die zwei Stunden durchhält, was solls... KISS ist Rockgeschichte und genau so haben sie sich auch verabschiedet. Alles unter gigantisch ist ihnen zu klein.

  5. 4.

    Ich habe in den vergangenen Jahren mehrere Ikonen der Rockmusik auf Berliner Bühnen gesehen, u.a. Bruce Springsteen, Aerosmith, etc. Alles Musiker die auf die 70 zugehen oder es bereits sind. Eines haben alle mit Kiss gemeinsam. Sie rocken die Bühne wie nichts Gutes. Es ist eine wahre Freude diese Vollblutmusiker zu sehen und zu hören. Da lohnt sich jeder Cent der Eintrittskarte. KISS, danke für alles.

    Ganz anders die musikalischen Vertreter der Generation Snowflake, die gerne mal auf der Bühne herumheulen, sie wären doch keine Maschine, etc. Da denkt man sich dann auch: Junge, leiste und erlebe doch erst mal was, bevor du anfängst den Unbill des Lebens zu beklagen und glaubst die Last der Welt ganz alleine auf deinen schmalen Schultern zu tragen.

  6. 2.

    "Detroit City", schon klar...

  7. 1.

    Bevor man einen Bericht schreibt, vielleicht mal erkündigen wieviele Leute in die Waldbühne passen. Auch wenn es gestern nicht ganz ausverkauft war, ist es immer noch ein Unterschied ob man von 22.000 oder 15.000 Menschen schreibt. Und gestern waren mindestens über 20.000 in der Waldbühne.

    Und nebenbei das Konzert ging nur ca. 2 Stunden. Ungefähr 20:18 - 22:25 Uhr.

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