22.06.2019, Berlin: Die Band Rammstein tritt im Olympiastadion auf. Die aus Berlin stammende Gruppe tritt im Rahmen ihrer Europa Stadion Tour im Olympiastadion auf (Quelle: dpa / Christoph Soeder).
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Audio: Inforadio | 23.06.2019 | Steen Lorenzen | Bild: dpa

Konzertkritik | Rammstein in Berlin - Noch größer, noch lauter

Groteske Show und brachialer Sound: Im Berliner Olympiastadion löst die weltweit erfolgreichste Band Deutschlands viele Erwartungen ein. Und positioniert sich deutlich. Von Steen Lorenzen

So also tanzen Rammstein zu ihrem Lied über Deutschland: als leuchtende Strichmännchen. Das Video zu diesem neuen Song hatte für Furore gesorgt. Ein Abriss der deutschen Geschichte, in der die Bandmitglieder sich aus dem Urschleim bis zum RAF-Terrorismus vorkämpfen und mittendrin auch noch als KZ-Häftlinge am Galgen baumeln. Doch beim Konzert im nicht minder geschichtsträchtigen Olympiastadion sind die Bilder aus dem Video schnell vergessen.

Rammstein glimmen wie Neonröhren unter der DJ-Kanzel, auf der der Gitarrist Richard Kruspe für einen Moment thront und seinen Kraftwerk-verdächtigen Remix vom Song "Deutschland" spielt.

Musikalischer Höhepunkt erinnert an Kraftwerk

Das ist der musikalische Höhepunkt eines ansonsten ohne große Überraschungen aufgebauten Konzerts von Rammstein. Eine Band, die wie nur wenige das Stadionoval ausfüllen kann. Das Sextett ist von Anfang an präsent mit seinem schweren, stumpfen Beat, den breitbeinig gespielten "schrubb-schrubb"-Gitarren und dem Sänger Till Lindemann als Schmerzensmann mit rollendem R.

Lindemann verkörpert den Seelenhaushalt dieser Band - grotesk geschminkt und wie alle Bandmitglieder verkleidet für den Kostümball der kalten Herzen, die auch das pyrotechnische Spektakel nicht erwärmen kann. Das Rammstein-Publikum ist deutlich weniger einfallsreich verkleidet. Zu sehen sind viele schwarze T-Shirts, viele mit Slogans versehen wie: "Manche Führen… Manche Folgen" oder "Ja. Nein. Rammstein".

22.06.2019, Berlin: Christoph "Doom" Schneider, Schlagzeuger von Rammstein, tritt beim Konzert der Band Rammstein im Olympiastadion auf (Quelle: dpa / Christoph Soeder).Christoph "Doom" Schneider, Schlagzeuger von Rammstein, tritt beim Konzert der Band Rammstein im Olympiastadion auf.

Das Herz schlägt Links 2 3 4

Rammstein - ja oder nein? Dieses Lagerdenken gibt es nur in Deutschland. Andernorts wird diese Band als die gelungene Überzeichnung aller Deutschland-Klischees widerspruchslos gefeiert. Der weltumspannende Erfolg wird in der Heimat hingegen immer noch kritisch beäugt. Sind Rammstein mit ihrer Kraftsprache und der Verwendung von Nazi-Kitsch doch der Soundtrack für Pegida und AfD?  

Um diese Kritik nicht mehr hören zu müssen, spielen Rammstein nicht nur ohrenbetäubend laut, sondern beginnen ihr Set gleich mit dem militärisch gedrillten "Links 2 3 4". Ein Song, in dem das Herz nicht auf dem rechten Platz sitzt, sondern ausdrücklich links schlägt.

22.06.2019, Berlin: Dichter Rauch und Flammen steigen beim Konzert von Rammstein über dem Olympiastadion auf (Quelle: dpa / Paul Zinken).Dichter Rauch und Flammen steigen beim Konzert von Rammstein über dem Olympiastadion auf.

Der große Chor singt "Engel" und trägt die Band

Ansonsten ist alles wie immer, nur noch größer und lauter in diesem Stadion. Lindemann will heiraten und hassen, Puppen den Kopf abreißen und in menschliches Fleisch beißen, er spielt mit dem Feuer und dem Leben von Keyboarder Flake und rettet am Ende seine Band. Die hat sich nach einer Piano-Version vom Song "Engel", bei der das Stadion zu einem riesigen Chor wird, in Schlauchboote gesetzt und vom Publikum durchs Oval tragen lassen. 

Am Ende kommt die Band auf der Bühne wieder an. Das darf man durchaus symbolisch verstehen. Im Olympiastadion ein Lied über Deutschland spielen, das so wenig mit Vaterlandsliebe zu tun hat wie Lindemanns riesige Konfetti-Kanone mit Sex, und obendrein die Rammstein-Fans "Ich bin Ausländer" singen lassen - damit haben Rammstein alle Zweideutigkeiten aus dem Weg geräumt.

Sendung: Inforadio, 23.06.2019, 12 Uhr

Beitrag von Steen Lorenzen

Kommentar

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30 Kommentare

  1. 30.

    Stimmt. Ich war in 28.2 Reihe 13 und hier war der Sound wie du beschreibst. Nur dröhnendes Bassgewummer und Echo, Gesang und Gitarre nur selten richtig wahrnehmbar. War wohl extrem platzabhängig. Der Wind hat den Ton dann auch noch wechselnd beeinflusst.

    Die Show selbst war natürlich unschlagbar. Konzertlänge und Titelzahl war auch i.O.

    Die Preise sind leider auf dem Niveau anderer Top-Bands. Da kann man nichts anderes mehr erwarten. Billiger wird da nichts mehr.

  2. 29.

    Ich verstehe den Kommentar von Herr Lorenzen nicht, warum sollte es "Zeit für die Abschiedstournee" sein? ????

    Hoffentlich sieht das Rammstein anders!!!

    Zeit für viele, viele Konzerte in Waldbühne, Wuhlheide bzw. an Orten, wo der Sound auch Qualität verspricht und für viele, viele Fans, die NOCHMAL hingehen wollen oder ENDLICH AUCH MAL WIEDER EINE KARTE BEKOMMEN WOLLEN .
    Und die, die nur meckern, müssen ja nicht hingehen.

  3. 28.

    Ihr letzter Satz lässt daran zweifeln, dass Sie keine Probleme mit demokratischen Strukturen haben. "Die Presse" soll doch Fässer aufmachen, das gehört zur Marketingstrategie der Bandmacher, so bleibt Rammstein stets im Gespräch und die Umsätze steigen. Insofern könnte man "der Presse" höchstens den Vorwurf machen, über jedes Stöckchen zu springen, das Rammstein hinhält.

    Diese Konzertkritik hier ist eine durchweg wohlmeinende, für meinen Geschmack etwas zu distanzlos in ihrer Nettigkeit. Aber das ist nur meine persönliche Meinung. Ich halte andere Ansichten aus, sogar die Ihre.

  4. 27.

    Nein, Rammstein ist keine rechtsextreme Band, sie machen "nur" mit faschistoiden Stilmitteln richtig Kohle.

    Ich finde es widerlich aber so läuft es halt. Sex & Crime sells.

  5. 26.

    Ja, war alles ganz supi und da der rbb Rammstein den Persilschein erteilt, können sich ja jetzt alle auch Reflexion und kritische Distanz sparen. Toll.

    Dass im Zuge der Überzeichnungen von Klischees auch Mehrdeutigkeiten mitschwimmen, die Anklang bei diversen, nicht sonderlich demokratisch eingestellten Leuten finden, ist egal. Komplexität ist der Feind. Egal ist auch, dass man sich Original-Propaganda-Material der NSDAP zum eigenen "ironisch verzerrenden" Blick auf deutsche Geschichte, inklusive Mitläufertum (lustiges Thema angesichts von teils dogmatisch zeternden Musikfans) zu eigen macht und mal eben so - trunken vor Provokationsabsichten - Täter-Opfer-Umkehr bzgl. Shoa anwendet.

    'Das ist Ironie oder Provokation.' Ich kann es nicht mehr hören. Man ist für die eigenen Handlungen verantwortlich, inkl. aller Mehrdeutigkeiten. In Zeiten eines Rechtsrucks und der stetigen Normalisierung rechter Narrative ist das unkritische ufa-Unterhaltung.

  6. 25.

    Wenn jemand unsachlich antwortet, mit Hörgerät usw. das ist total daneben, auch wenn es lustig gemeint war. Meine Frau und ich wissen was wir gesehen und gehört haben.Die Fans, ich meine auch die richten Fans so wie meine Frau und ich waren enttäuscht, nicht von der Show, sondern von der Technik-Klang! Es sind wirklich viele Fans, ich meine auch richtige Fans früher gegangen. Habe gerade mit einer Kollegin gesprochen und der erging es genauso.
    Ich finde es für Rammstein schade, das die Mehrheit die Technik Schei.... fanden.
    Meine Cousine war in Dresden zum Konzert, da soll es genauso gewesen sein.
    Und zu den Texten von Rammstein, die sind gesellschaftskritisch und nehmen Themen auf, die manchen Menschen peinlich sind.
    Wir freuen uns schon auf das nächste Konzert, dann hoffentlich wieder in der Wuhlheide oder in der Waldbühne und mit einem super Klang, so wie wir es gewöhnt sind von Rammstein!!!!!!!

  7. 24.

    Danke Thomas Kroh!!!

    Was den Sound angeht - ich stand auch mittig zwischen den beiden kleinen Zelten und der Hauptbühne und kann mich nicht beschweren. Ja, der Gesang war etwas leiser, aber ich hatte Ohrfilter, wo ich ihn super verstehen konnte. Dass das Olympiastadion nicht gerade bekannt für guten Sound ist, ist weit bekannt. Daher sollte man es sich vorher überlegen, ob man es riskieren möchte oder nicht.

    Ich war 45Min vor Einlass da und kann nur sagen, dass der Soundcheck noch lief, sprich sie haben versucht das Beste aus der Situation rauszuholen. Wenn man in einen geschlossenen Kessel reinspielt hat man eben den Hall.

  8. 23.

    Das Lied war Thomas gewidmet, einem Freund der Band, insbesondere von T. Lindemann. Er hatte den Prater an der Kastanienallee betrieben und war vor einer Woche gestorben.

  9. 22.

    Danke für Ihren Tipp. Doch wie schon erwähnt, findet diese Band bei mir keinen Anklang. Im übrigen tun Sie dem rbb24 Team unrecht. Denn von schlechtreden oder gar von einer Propaganda gegen diese Band habe ich nichts dergleichen gelesen. Muß aber auch nicht gleich jede/jeder in Ohnmacht fallen oder in Hysterie ausbrechen, nur weil der Name Rammstein auftaucht.

  10. 21.

    Vielleicht nächstes Mal das Hörgerät umstellen? :-D
    Spaß beiseite - die Wahrnehmung mancher Menschen ist eben unterschiedlich.
    Aber das einige Menschen das Konzert früher verlassen haben trifft nicht zu, absoluter Quatsch.
    Warum ich das weiß? Meine Polizeikollegen hatten alles gut im Blick und können Ihre Aussage einfach nicht bestätigen.
    Ich verstehe manche Menschen nicht, die aufgrund ihrer persönlichen Unzufriedenheit gleich gnazig werden und unwahre Behauptungen aufstellen... Menschen gibts........

  11. 19.

    Wie man des Öfteren bereits gesehen hat, wird immer sofort das Negative überall rein interpretiert! Siehe Clip zum Song Deutschland. Es wurde - nur wegen dieser kleinen Szene - ein riesiges Fass aufgemacht, ohne überhaupt die Bedeutung dahinter zu kennen. Es ist leider ein großes Problem, welches die Presse hat: Die Klappe wird zu schnell zu weit aufgerissen!

  12. 18.

    Viele Songs von Rammstein sind zwei- oder mehrdeutig und das ist auch beabsichtigt! Vielleicht sollte man sich einmal mit den Bedeutungen der einzelnen Songs auseinandersetzen; Wiki hilft :-)

  13. 16.

    Selten so einen unsinnigen, einseitigen und verachtenden Beitrag gelesen. Das klingt für meinen Geschmack eher nach Propaganda und Schlechtmacherei! Darf ja jeder seine Meinung bekunden, aber einseitiges Runterziehen ist echt Format. Journalistisch eher vom und für's Klo.

  14. 15.

    War mein erstes Rammstein Konzert - kann aber die Aussage von Waldi aus Erkner nur bestätigen. Wir haben seitlich gesessen, eine Videowand hat den Blick auf die Bühne eingeschränkt. Haben im Prinzip nur die Hälfte gesehen - wenn überhaupt. Die Akustik war eine Katastrophe. Hauptsächlich Bass Drums vom Schlagzeug und das enorm laut. Gesang, Gitarre Keyboard - Fehlanzeige. Die Techniker würde ich rausschmeißen. Der Band kann man wahrscheinlich keinen Vorwurf machen. Die wussten das bestimmt nicht. Mein Kumpel (hat mir die Karte geschenkt) war stocksauer. Die Fans allerdings waren echt Klasse.

    Worum geht es letztendlich – um Kommerz. 90,- € für die Karte, 30,- € für ein T-Shirt, 5,- € für ein Bier. Chapeau! Aber 90,- € so einen Platz zu verlangen ist aus meiner Sicht unverschämt. In der Waldbühne hätte die Band wohl mindestens drei Konzerte machen müssen. Aber so ist das in der Branche. Dann kaufe ich mir lieber eine DVD und genieße das Konzert zu Hause auf dem Sofa.

  15. 14.

    Wie unterschiedlich die Wahrnehmungen sind. Ich gehe seit ca. 15 Jahren an den verschiedensten Orten zu R+ und fand, dass es das beste Konzert war. Ich stand genau zwischen Haupt- und Zweitbühne bei den Booten. Der Sound war sehr gut und alle Texte waren deutlich zu verstehen.

  16. 13.

    Danke für Ihre ausführliche Info. Daran habe ich tatsächlich nicht gedacht. Als Homosexueller denkt man oftmals gleich an das naheliegende. Somit ziehe ich meine Aussage zurück.

  17. 12.

    War mein fünftes Rammstein Konzert, war das schlechteste Konzert !!!!!!!!!!!
    Meine Frau und ich finden Rammstein richtig geil, aber der Sound im Olympia Stadion war so schlecht. Text war garnicht zu verstehen und die Musik hat eigentlich nur gedröhnt. Schade haben auch schon von anderen Rammstein Fans das selbe gehört.
    Wie hatten uns so auf das Konzert gefreut.
    Wir hatten auch noch nie bei einem Rammstein Konzert es erlebt, das so viele Fans früher gegangenen sind.

  18. 11.

    Wie kommen Sie auf soetwas? Ich habe nirgendwo davon geschrieben Rammstein sei rechts oder gar Nazis. Habe nur meine Meinung kundgetan, dass ich z.B. den Song „Bück Dich“ sexistisch finde und mir diese Musik überhaupt nicht zusagt. Im übrigen ist mein Musikgeschmack sehr vielfältig. Von zart bis hart. Deichkind und Nine Inch nails gehören ebenso dazu.

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