Van Morrison bei einm Konzert in New Orleans, April 2019(Quelle: dpa/Amy Harris)
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Audio: Inforadio | 13.06.2019 | Steen Lorenzen | Bild: dpa/Amy Harris

Konzertkritik | Van Morrison in Berlin - Seelenretter in seelenloser Umgebung

Seinen eigenen Stil aus Blues, Jazz, Soul, Country und Pop hat Van Morrison schon vor Jahrzehnten kreiert. Sein Songkatalog umfasst 40 Alben. Reichlich Stoff für ein Konzert in Berlin, bei dem er sich von seiner ganz souveränen Seite zeigte, findet Steen Lorenzen.  

Land unter vor dem Konzert. Gott probt den Weltuntergang. Jetzt heißt es Zuflucht suchen in einer Mehrzweckhalle. Und Van the Man das Ruder seiner Arche überlassen.

Da ist er auch schon. Pünktlich. Blauer Anzug mit feinen Streifen, blaue Krawatte, blauer Hut, getönte Brille, goldenes Mikrofon und goldrichtige Songs zum Untergang: "Wie weit bin ich von Gott entfernt", fragt Morrison im zweiten Song. Und schon im nächsten beteuert er: "Ich werde nie mehr klagen".

Mit seinen 73 Jahren ist der Nordire kein großer Redner. Die Kanzel ist nicht sein Medium. Er ist eher der strenge Leader. Wenn man seinen Regeln folgt, dann kann es was werden mit der Seelenrettung. Man schaue sich nur seine sechs Gefolgsleute auf der Bühne an: Immer im Auftrag des Herrn unterwegs, spielen sie Van Morrison die Rhythmen und Melodien zu und bekommen zum Lohn ihre Soli. Niemand spreizt sich, alle spielen auf den Punkt.

Ein bisschen Dreck im gut geölten Getriebe

Van Morrison ist verdammt gut bei Stimme, sein Saxophonspiel agil und sogar brillant im Zusammenspiel mit Tausendsassa Paul Moran. Für die vielen Bluesnummern im Set holt Van auch noch die Mundharmonika hervor. Immer wieder verneigt er sich vor seinen Helden: Muddy Waters, Bo Diddley, Rosetta Tharpe, Sonny Boy Williamson. Ihre Songs sind das bisschen Dreck im ansonsten gut geölten Getriebe.

Nach nur wenigen Songs weiß man: Van ist ein working man. Jeder Applaus des Publikums wird sofort mit dem nächsten Song gekontert. Keine Zeit, sich feiern zu lassen. Auch nicht nach den großen Hits "Moondance" oder "Enlightment". Beide mit neuem Anstrich. Beide geschickt getragen von der herausragenden Backgroundsängerin Dana Masters.

Alt aber ungemein souverän

Alles an diesem Abend klingt alt und hat mit dem aktuellen Jazz einer jungen wilden Generation nichts zu tun. Doch die Weigerung Morrisons, etwas Neues in seine Musik zu lassen, verleiht ihm und seiner Band etwas ungemein Souveränes. Das Publikum, das ihn einige Jahrzehnte schon begleitet, weiß das zu schätzen. Nicht alle haben es übrigens in die Arche geschafft, viele Plätze sind leer geblieben.

Irgendwann rutscht Van Morrison ein "Dankeschön" raus. Doch wichtiger ist ihm am Ende, dass seine Band den verdienten Applaus erhält. Denn sie kann allen seinen Manövern folgen und weiß immer eine Antwort, wenn er in die eine oder andere Richtung nickt oder plötzlich den nächsten, nicht verabredeten Song reinruft.

Am Ende ein gemeinsames Gloria!

Natürlich wünscht man sich, bei diesem Konzert nicht an einem Sporthallensitz zu kleben. Natürlich wünscht man sich, die Arche wäre nicht ein so seelenloser Ort, in dem gleich nach dem Konzert der nächste Autokauf propagiert wird. Doch immerhin haben viele hier Zuflucht gefunden und sind zuletzt sogar aufgestanden, um zusammen zu singen: "Gloria"!

Sendung: Inforadio, 13.06.2019, 7:55 Uhr

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    Mensch wie ich die alte Deutschlandhalle oder die Eissporthalle vermisse. An beiden Standorten gab es genügend Raum zum Abtanzen. Sitzen bei einem solchen Konzert wie das von Van Morrison ist für mich ein No Go.

  2. 3.

    Wieso Berlin ist doch seelenlos - da kann mann doch auch in einer solchen Halle sitzen und schwitzen.

  3. 2.

    Ein besonders Dankeschön an Steen Lorenzen, da er es nicht versäumt hat, die Backgroundsängerin( hier nur eine) sogar mit vollem Namen zu erwähnen. Dana Masters. Was bei großen Stars überhaupt nicht üblich ist, leider.

  4. 1.

    Der Grösste unter den Grossen!

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