Pressebild des Stücks: "(in)Visible" (Quelle: Ballhaus Naunynstrasse/Hassan Taheri)
Ballhaus Naunynstrasse/Hassan Taheri
Audio: Inforadio | 18.06.2019 | Magdalena Bienert | Bild: Ballhaus Naunynstrasse/Hassan Taheri

Kritik | "(in)Visible" im Ballhaus Naunynstraße - Echt, ehrlich und auch mal nackt

Das Kreuzberger Bildungsprojekt Akademie der Autodidakten hat am Montagabend im Ballhaus Naunynstraße die Uraufführung der Tanz-Performance "(in)Visible" gefeiert. Über das Sichtbare und Unsichtbare berichtet Magdalena Bienert.

Der Titel "(in)Visible", also (un)sichtbar, macht klar, um was es geht - und zwar nicht nur an diesem Abend, sondern grundsätzlich: Was ist sichtbar, beziehungsweise was bleibt unsichtbar, wenn wir Menschen zum ersten Mal begegnen?

In der Ankündigung zum Tanzprojekt heißt es etwas sperrig: "(in)Visible ist ein Tanzprojekt mit jungen Schwarzen, People of Color, und (post-)migrantischen Menschen aus der LGBTQI*-Community, die zusammengekommen sind, um sich auszutauschen und Strategien des Widerstands auszuprobieren. Kein Mensch ist psychisch und physisch ausschließlich männlich oder weiblich..."

Die Performance beginnt im Dunkeln und man hört das sechsköpfige Ensemble kaum hörbar in Portugiesisch, Arabisch, Englisch oder auch Deutsch wispern:

 "My heart is mine in a house of hearts". / "Mir gehört mein Mund, um zu sprechen und meine Beine um zu laufen". / "Mein Herz gehört mir im Haus der Herzen. Mir gehört mein Herz".

Sichtbares wirft stets Fragen auf

Als das Licht angeht, werden die Sechs sichtbar. Und mit dem Licht ihre Vielfalt, ihre Tattoos, ihre Hautfarben, ihre Frisuren, nackte Füße oder Rüschensöckchen. Während die Künstler und Künstlerinnen anfangen, sich zunächst als Einheit über die ebenerdige Bühne zu bewegen, spulen die Zuschauer, in dem Fall ich, unterbewusst das übliche Programm ab: "merkwürdige Klamotten, interessante Frisur, Schnauzer zum Rock - aha,  oh ein Schwabbelbäuchlein, wie sympathisch. Wer davon ist jetzt trans oder schwul?" - Autsch.

Das, was sichtbar ist, wirft Fragen auf. Das ist zwar menschlich, aber sich dem auszusetzen, erfordert Mut. Genau, wie eigene Denkstrukturen zu hinterfragen. "(in)Visible" ist also ein Stück für beide Seiten.

Schwulsein in Brasilien? Leider lebensgefährlich

Der Brasilianer Ugo Rex ist vielleicht der heimliche Star des Abends. Mit dem knielangen Rock, seinem zarten Schnauzbart und den klobigen weißen High Heels karikiert er sich selbst, vielleicht, weil es endlich geht. Weil er endlich angekommen ist in seinem wahren Selbst. Auf seiner Facebook-Seite kann man lesen, dass er in einer sehr konservativen und homophoben Familie groß geworden ist und erst in Berlin ein sicheres Leben als schwuler Mann ausleben kann. Sein Tanzstil ist witzig und ergreifend zugleich. Man wünscht sich mehr zu erfahren, nicht nur von Ugo Rex. Wie sind die Lebensläufe der anderen? Doch bei der Akademie der Autodidakten dürfen alle selbst entscheiden, was sie preisgeben und was nicht. Zeit genug gäbe es – die Performance dauert gerade mal 50 Minuten.

Existentielle Dringlichkeit, die ans Herz geht

"I've never been interested in being invisible and erased. Laverne Cox (transsexuelle Schauspielerin bei "Orange ist the New Black" und LGBTQI-Aktivistin

Vor zwölf Jahren wurde die Akademie als Bildungsprojekt von Shermin Langhoff ins Leben gerufen. Sie fördert seitdem die kulturelle Teilhabe und Selbstermächtigung von jungen Menschen, vor allem mit (Post-)Migrationshintergrund. Die Laiendarsteller*innen produzieren und entwickeln unter Anleitung (in diesem Fall hatte die Spielleitung Marcelo Omine inne) die Stücke selbst und das ist bei "(in)Visible" gelungen.

Die 50 Minuten gehen ans Herz, denn da stehen eben keine Profis, sondern was die 90 Zuschauer erleben, ist zutiefst echt, ehrlich und auch mal wortwörtlich nackt. Die Dringlichkeit, mit der die Geschlechter-Thematik aus der LGBTQI-Community von allen individuell interpretiert wird, ist existentiell. Das ist zu spüren und das berührt.

Sendung: Inforadio, 17.06.2019, 7:55 Uhr

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 1.

    Was kostet denn das "Bildungsprojekt" den Steuerzahler, und haben die Akteure auch noch einen Tagesjob?

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