Die Autorin und Kolumnistin Elif Shafak (Bild: dpa)
Audio: Radioeins | 03.06.2019 | Marie Kaiser | Bild: dpa

Autorin Elif Shafak in Berlin - Türkisch für die Melancholie, Englisch für den Humor

Die türkische Schriftstellerin Elif Sharak will in "Unerhörte Stimmen“ denen Gehör verschaffen, die sonst nicht gehört werden. Bei der Deutschlandpremiere des Romans beim rbb gab sie Einblicke in ihr Schreiben und ihr Verhältnis zur Türkei. Von Marie Kaiser

"Berlin hat einen besonderen Platz in meinem Herzen." Mit dieser Liebeserklärung an Berlin eröffnete Elif Shafak am Sonntag ihre Lesung im Großen Sendesaal des rbb. "Manche Städte haben eine magnetische Anziehungskraft. Berlin gehört dazu. Hätte ich Deutsch sprechen können, dann wäre ich vielleicht nach Berlin gezogen."

Nun lebt die türkische Autorin in London und schreibt mittlerweile auch ihre Romane auf Englisch. Das brachte Shafak auch Kritik von türkischen Nationalisten ein. Sie sagt dazu ganz entwaffnend, die Entscheidung auf Englisch zu schreiben, sei keine Entscheidung gegen das Türkische. Sie liebe eben die Vielfalt und Vielstimmigkeit. "Ich liebe beide Sprachen sehr. Aber ich habe über die Jahre festgestellt, dass ich auf Türkisch besser über Melancholie, Trauer, Sehnsucht schreiben kann. Aber gerade Humor, insbesondere Ironie und Satire, lassen sich eben viel besser auf Englisch ausdrücken."

Mit Sätzen wie "Ich kann nicht zu optimistisch sein, schließlich bin ich Türkin" brachte Elif Shafak das Publikum auch immer wieder zum Lachen. "Wenn du eine Europakarte nimmst und mit dem Finger die Donau verfolgst von Deutschland bis zum Schwarzen Meer, sinkt das Optimismusniveau immer weiter ab", scherzte Shafak.

Keine Angst, Unbequemes auszusprechen

Ganz zart, unauffällig in Schwarz gekleidet und mit geflochtenem Zopf saß Elif Shafak auf der Bühne des Großen Sendesaals. Doch trotz aller Zartheit hat die Schriftstellerin eine kraftvolle Ausstrahlung. Trotz aller Zurückhaltung fürchtet sie nie, unbequeme Dinge anzusprechen. Elif Shafak schlug von sich aus immer wieder eine  Verbindung von "Unerhörte Stimmen"  zur Lage in der Türkei. Dass sie in dem Roman über eine Prostituierte, aber auch einen Transsexuellen und eine Kleinwüchsige schreibt, ist kein Zufall. Sie feiert in ihrem Roman die Vielfalt, während Minderheiten in Türkei unterdrückt werden. "Die Tragödie von Ländern wie meinem Heimatland ist, dass die Menschen dort ihrer Regierung weit voraus sind. Auch wenn wir ihre Stimmen nicht hören. Es gibt in der Bevölkerung eine große Vielfältigkeit und viele wünschen sich nichts sehnlicher als eine wirkliche Demokratie. Gerade in Gesellschaften, in denen die Luft zum Atmen immer dünner wird, wächst der Zusammenhalt zwischen den Menschen am Rand der Gesellschaft."

Zwei Frauen haben Elif Shafak geprägt

Elif Shafak hat diesen Zusammenhalt in ihrer eigenen Familie erlebt. Im Gespräch mit Moderator Thomas Böhm ("Die Literaturagenten" auf Radioeins) erzählte sie auch sehr persönliche Dinge, etwa dass sie in Frankreich geboren und dann später in Ankara ohne ihren Vater aufgewachsen sei. Erzogen wurde sie von zwei Frauen: ihrer Großmutter und ihrer Mutter. Die Großmutter kümmerte sich viel um Elif Shafak, damit ihre Mutter studieren und später Diplomatin werden konnte. "Diese zwei unterschiedlichen Frauen verkörpern für mich eine weibliche Solidarität, die mich sehr geprägt hat. Von meiner Großmutter, einer sehr abergläubischen Frau, einer Heilerin habe ich die mündliche, die orientalische Tradition des Erzählens mitbekommen. Von meiner Mutter, die westliche, schriftliche Erzähltradition."

Beide Traditionen verknüpft Elif Shafak gekonnt in "Unerhörte Stimmen", der letztlich ein Roman über jene Menschen ist, die wir immer fälschlicherweise für die sogenannten anderen halten. Elif Shafak fasst das an diesem Abend im Großen Sendesaal so zusammen: "Der andere ist mein Bruder. Der andere ist meine Schwester. Der andere ist wie ich."

Sendung: Radioeins, 03.06.2019, 09:10 Uhr

Beitrag von Marie Kaiser

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