"Tonight" von Melanie Jame Wolf in den Sophiensälen (Quelle: Sophiensäle)
Audio: Inforadio | 28.06.2019 | Cora Knoblauch | Bild: Sophiensäle

Performancekritik | Melanie Jame Wolf - Heute gibt's Popstar-Posen - die Revolution vielleicht morgen

Das Wort "Tonight" ist eines der häufigsten Wörter, das in der Pop-Musik vorkommt, sagt die australische Video- und Performancekünstlerin Melanie Jame Wolf. In den Sopiensälen widmete sie diesem Wort einen ganzen Abend - mit viel Posing und Pantomime. Von Cora Knoblauch

Wer kennt sie nicht, diese lässigen, lustigen und manchmal peinlichen Moves auf der Tanzfläche, die vom jeweiligen Tänzer scheinbar individuell und singulär aufs Parkett gelegt werden - die in Wirklichkeit aber eine endlose Wiederholung allgemein etablierter Bewegungen für Amateurtänzer sind. Da wäre zum Beispiel der Scheibenwischer, also einer, der beim Tanzen imaginäre Scheiben rhythmisch mit seinen Händen wischt. Oder der Kippen-Austreter, der penetrant mit der Fußspitze den Boden wienert. Es gibt den lässigen Busfahrer und den In-die-Luft-Zeiger - diese Tanzbewegung hat John Travolta berühmt gemacht.

Die drei Tänzer, die am Donnerstag in den Berliner Sophiensälen auftreten, jedenfalls beherrschen sie alle: diese ulkigen, mitunter legendären Moves. Sehr zur Freude des Publikums.

Alles irgendwie schon mal gesehen

Als sich die drei Performer schließlich die Mikrophone schnappen und zum immer gleichen Beat sämtliche Popstar-Posen einnehmen, spätestens da wird klar: Auch die Größten im Show-Bizz haben nur ein begrenztes Repertoire an Bewegungen. Man hat alle Posen irgendwie schon mal gesehen.

Die australische Performance-Künstlerin Melanie Jame Wolf ist mit MTV und dem stundenlangen Schauen von Musikvideos groß geworden und hat jetzt diesen Abend choreographiert. Einen tanzfreudigen, bisweilen pantominischen Abend, der nicht nur die Posen des Pop zelebriert, sondern die Endlos-Schleife eines großen Versprechens: Tonight! Dieses sei eines der meist gesungen Wörter in der Popmusik, sagt Wolf. Dieses "Tonight" kündige immer etwas besonders an, etwas Großes. Heute Nacht, da ist es soweit, da passiert es! Doch was denn eigentlich?

Melanie Jame Wolf kommt zu dem Schluss, dass es im Grunde immer nur drei Dinge gibt, die so ein Abend im Club oder in einer Bar versprechen kann: einen Lover, einen Entertainer oder die Revolution.

Doch man ahnt es: Die Popmusik kann dieses hehre Versprechen nicht einlösen. Das Wort "Tonight" fällt an diesem Abend nur ein einziges Mal ganz zum Schluss. Dabei liegt es in der Luft, spätestens als sich Phil Collins Song "In The Air Tonight" in den Abend schleicht. Auf eine scheinbar endlose halbe Stunde gestretcht und verlangsamt, schwankt die Performance hier zwischen Persiflage und Hommage an diesen Megahit der 80er Jahre. Die drei Tänzer winden sich auf der vernebelten, dunklen Bühne, jeder für sich, jeder allein.

Für die drei hat sich das Versprechen nicht eingelöst: kein Lover weit und breit und die Revolution hat auch nicht vorbei geschaut. Vielleicht ja morgen? Da ist ja auch noch ein Abend.

Sendung: Inforadio, 28.06.2019, 7:55 Uhr

Beitrag von Cora Knoblauch

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Das könnte Sie auch interessieren