Die Berliner Philharmoniker in der Waldbühne 2019 (Quelle: rbb)
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Video: rbb | 29.06.2019 | Die Berliner Philharmoniker live in der Waldbühne 2019 | Bild: rbb

Konzertkritik | Philharmoniker in der Waldbühne - Erst gebraten, dann berauscht

Es ist eine schöne Tradition, dass die Berliner Philharmoniker ihr letztes Konzert der Saison in der Waldbühne zelebrieren. Diesmal war besonders schönes Wetter, der Beginn entsprechend heiß. Und dann bekam Jens Lehmann doch Gänsehaut.

Es empfiehlt sich ja bei Waldbühnenkonzerten immer, möglichst früh zu kommen. Freie Platzwahl und so. An einem so sonnigen und heißen Tag brät man dann schon mal eine Stunde lang in der vollen Sonne, die auf das Halbrund runtermetert. Da ist das schmale Programmheft des Abends bald arg zerfleddert, wenn es als Fächer herhalten muss.

Doch pünktlich zum Konzertbeginn verschwindet die Sonne hinter den Bäumen, der Himmel erglüht langsam. An diesem Abend muss nun wirklich niemand einen Abbruch wegen Unwetters fürchten. Hat's ja alles schon gegeben. Diesmal schmälert auch kein Regengeprassel auf Plastikplanen den Hörgenuss, stattdessen kann man sich daran erfreuen, wie das kleine Kind vor einem bevorzugt in leisen Stellen auf seiner Plastikflasche herumtrommelt - oder ein Paar daneben nur wenige pianissimi später beherzt Chips knuspert.

Zu leise für die Chips-Tüte

Spätestens da merkt man, dass sich Tugan Sokhiev doch ein sehr zartes, diffiziles Programm für das Open-Air-Event ausgesucht hat. Schon die Filmmusik zu "Leutnant Kijé" von Sergej Prokofiev schwebt eher so vorbei. Man muss sich schon konzentrieren, um die ungewöhnliche Instrumentierung mit Soli von Saxophon, Tuba oder Kontrabass wirklich zu erfassen.

Dabei ist das Orchester hörbar in Form. Es folgt Sokhievs klaren, eleganten Gesten auf der Stuhlkante. Man arbeitet gerne mit dem ehemaligen Chef des Deutschen Symphonie Orchesters zusammen. Er bringt auch die rhythmische Präzision und den wunderbaren Blechbläser-Klang der Philharmoniker zurück, die zuletzt in so manchem Konzert - teils auch in B-Besetzung - fehlte.

Durch die Waldbühne geht ein Ruck

Was einem an romantischem Rauschen bei Prokofiev fehlt, macht das Orchester in den folgenden "Sheherazade"-Liedern von Maurice Ravel wieder wett. Die französische Mezzosopranistin Marianne Crebassa singt sie mit Inbrunst. Selbst durch die blechernen Lautsprecher kann man sich vorstellen, mit welch wunderbarem Timbre sie zuletzt auch als Melisande in der Staatsoper begeistert hat. Und zum ersten Mal, auf einem dieser Ravelschen Wellenberge, ist auch endlich die Waldbühne ganz von Musik erfüllt, geht ein Ruck durch das Publikum: So kann das hier auch klingen!

Was passt besser zu dieser hochemotionalen, französisch duftigen Musik als Bratwurst und Bier?! In der Pause tummeln sich auch einige Philharmoniker auf den Rängen, begrüßen Familie und Freunde, schließlich ist auch für die Profis ein Saisonabschluss immer etwas Besonderes.

Russische Glut

Prokofievs Ballettmusik "Romeo und Julia" schließt den märchenhaften Reigen an diesem Abend. Es ist eine extrem wirkungsmächtige Auswahl, die der Dirigent des Abends, Tugan Sokhiev selbst zusammengestellt hat. Und auf dem Höhepunkt, in Romeos Verzweiflung am Grab seiner geliebten Julia, hört man auch, dass hier ein Russe "seine" Musik dirigiert. So schmerzhaft, glutvoll, hinreißend todessehnsüchtig habe ich diese Musik lange nicht mehr gehört. Und das durch diese gurkigen Lautsprecher. Gänsehaut.

Dass sich Sokhiev in seiner Suite so überhaupt nicht um die Handlung von Shakespeares Drama schert und das effektvolle Duell mit Tybalt an das Ende des offiziellen Programms stellt - geschenkt. Für die Waldbühne ist das perfekt. Genauso wie die programmatisch eher wahllos wirkenden Zugaben: das Salut d'Amour von Elgar und die Slawischen Tänze von Dvorak. Es geht jetzt nur noch um Show - und da weht sie auch schon heran, die heute so warme Berliner Luft. Angenehm unprätentiös das Ganze - und ganz ohne müde Bühnenwitze wie noch zu Rattles Zeiten. So muss Waldbühnenkonzert.

Beitrag von Jens Lehmann

Kommentar

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10 Kommentare

  1. 10.

    Vielen Dank für die Glückwünsche! ;) Allerdings saß ich selbst in G, nicht weit weg von Ihnen. Und wenn Sie "zart" mit "leise" und "man muss sich schon konzentrieren" mit "zu wenig Schmackes" übersetzen, sind wir doch fast schon einer Meinung. :)

  2. 9.

    Ach dieser Veranstalter auch noch. Dann wundert mich bei den horenden Preisen schlichtweg gar nichts mehr. Abzocke im ganz großem Stil.

  3. 8.

    Es war sicher die hohe Kunst aber die Berliner und ihre Gäste hätte bei den extrem warmen Temperaturen dann Alt-Berliner Musik doch mehr begeistert. Es hätte etwas Flottes, Bekanntes, Mitreißendes für Open Air sein müssen. Da hätte es tosenden Applaus gegeben, der nun aktuell nur sehr brav und verhalten war. Als Saisonabschluss wäre da wesentlich mehr drin gewesen.

  4. 7.

    Ich habe es im Fernsehen gesehen und teile die Meinung derer, die hier geschrieben haben. Es war nicht so mitreissend wie in vergangenen Jahren . Ich habe eigentlich auch mehr bekannte und eingängige Musik erwartet, wie sonst üblich. Und selbst den Ton am Fernseher musste ich stellenweise lauter drehen. Das zum Thema Lautstärke. Wenigstens war mein Wasser aus dem Kühlschrank ziemlich billig. Ich hätte mich sicher geärgert, wenn ich mich bei dem Wetter auf den Weg von Südbaden bis Berlin gemacht hätte.

  5. 6.

    Sagen wir mal so: ich hätte dieses Programm doch lieber im Grossen Saal gehört als Open Air.

  6. 5.

    Also mich hat das ganze auch nicht vom Hocker gehauen. Es war viel zu leise. Den zweiten Teil fand ich auf jeden Fall besser ausgewählt. Und das war auch mein letztes Konzert in der Waldbühne. Ich kann mich nicht erinnen, in den Jahren davor soviel Geld für Wasser ausgegeben zu haben. Das ist eine Unverschämtheit und grenzt schon an Körperverletzung und Nötigung bei diesen Temperaturen. Auch sollte beim Verkauf der Karten unbedingt auf die Einlassbedingungen hingewiesen werden (ja ich weiß, die stehen auf der Karte und ich spreche auch nicht von mir), denn sehr viele Leute mussten ihre Taschen abgeben - natürlich gegen Gebühr. Hier scheint sich eine neue Einnahmequelle aufzutun. Aber das braucht der Veranstalter Eventim AG wahrscheinlich, da börsennotiert. Unter Schwenkow gefiel mir das ganze Konzept Waldbühne besser!

  7. 4.

    Hallo, also ich war das erste Mal live in der Waldbühne dabei und muss ehrlich sagen, mich hat es nicht vom Hocker gerissen. Die Stücke waren nicht so bekannt und mich hat die Musik nicht wirklich emotional berührt. Ich bin regelmässiger Operngänger und höre viel Klassik. Aber ich werde es nächstes Jahr nochmal probieren.

  8. 3.

    Dem kann ich leider nur zustimmen! Die Musikauswahl war für das Ambiente und den Großteil der Zuschauer, die nicht so oft klassischen Konzerten lauschen, nicht angemessen! Auf der Waldbühne erwartet man eher gängige, bekanntere Stücke, bei denen das Publikum mitgehen kann! Schade, bei diesem phantastischen Sommerabend!!
    Zudem lagen die Preise der dort angebotenen Getränke jenseits des Vertretbaren, 10€ für einen Liter Wasser- das ist schon fast Wucher!

  9. 1.

    Ich beglückwünsche den Kritiker zu der Freikarte im offensichtlich akustisch besseren vorderen Bereich...Schon im Block H sprang kein Funke über! Und viele der Mensch um uns herum empfanden die Vorstellung als NICHT mitreissend, auch zum Teil wegen der Musikauswahl, die dem Ort und dem Anlass nicht wirklich angemessen waren.
    Aber so ist das halt....Kritikerohren sind besondere Ohren :)

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