Produktion Drachenherz (Bild: Nasser Hashemi/ Neuköllner Oper)
Audio: Inforadio | 14.06.2019 | Lotte Glatt | Bild: Nasser Hashemi/ Neuköllner Oper

Musicalkritik | Drachenherz in der Neuköllner Oper - Mittelalte Helden der Neuzeit

Mittelaltersagen neu zu inszenieren ist gerade im Trend. Auch die Neuköllner Oper widmet sich einer alten Heldengeschichte: dem Nibelungenlied. Das Musical "Drachenherz" versetzt die Geschichte jedoch in die heutige Zeit. Ob dieser Zeitsprung gelingt? Von Lotte Glatt  

Günni ist der Boss einer kleinen Clique in der fiktiven Kleinstadt Deutschhagen. Als König unter den Jugendlichen bestimmt er, wer dazu gehört und wer nicht. Seine Cliquenmitglieder müssen ihm die Treue halten. Das ist das oberste Gebot in dem Stück "Drachenherz".

Die Spielregeln rund um Ehre und Treue werden dem Zuschauer in stakkatoartigen Sätzen aufgedrückt und ziehen sich durch das gesamte Stück. Die Regeln sind wohl ein Versuch, an die Hierarchien in der Nibelungensage anzuknüpfen. Auch dort zählte das Wort von König Gunther und seine Gefolgsleute befolgten ehrfürchtig dessen Anweisungen.

Siegfried in modernen Diskolichteffekten

Bühnenbild und Kostüm haben allerdings wenig mit Mittelalterepos zu tun. Boden und Bühnenwände sind graue Quadrate, die eine fiktive deutsche Kleinstadt in seiner Tristesse zeigen. Moderne Diskolichteffekte und auf die Wand projizierte Bilder geben dem Geschehen Farbe. Mal zeigen sie einen Wald (auch eine Anspielung auf die Abenteuerreisen aus Mittelalterzeiten), mal Fotos der Jugendlichen, die sie von einer anderen, oft verletzlichen Seite zeigen, die sie meist zu verbergen suchen.

Wie es sich für die Coolsten der Stadt gehört, tragen Günni und seine Gang-Untertanen, zu denen neuerdings auch Fred alias Siegfried gehört, allesamt Jogginghose. Ein bisschen viel Klischee einer Kleinstadtgang, könnte man meinen, aber so wie sich die Darsteller bewegen, brauchen sie solche elastischen Hosen: Egal ob Hip Hop getanzt wird, Akrobatikelemente oder Breakdance gezeigt werden, das neunköpfige Ensemble liefert erstklassige Tanzeinlagen, die beinahe Lust machen, mitzutanzen. Man kann den Schauspielern an ihrem Gesichtsausdruck ablesen, dass sie großen Spaß an der Performance haben.

Von Liebe über Neid bis zu Rachsucht

Beim Tanzen können die Figuren ihre Gefühle ausdrücken. Emotionen zeigen gelingt ihnen mit ihrer Körpersprache besser als mit Worten. So ziemlich jeder hat Gefühle für jeden. Günnis Schwester Jenny hat sich in den Neuen der Truppe, in Fred verguckt. Das passt Günnis treuestem Gefolgsmann Hagen gar nicht in den Plan. Der hat nämlich selbst längst Augen für Jenny. Auch Günni ist sich selbst nicht über seine Gefühlslage im Klaren. Außerdem ist er stets darauf bedacht, den Anführer raushängen zu lassen. Schwäche zeigen, weil er verliebt ist, kommt für ihn niemals in Frage; das wäre nun wirklich nicht heldengleich. Sein Getue als starker Anführer wird ihn noch mächtig ins Schwitzen bringen.

Von Liebe über Neid bis zu Rachsucht sind alle Gefühlszustände bei den Jugendlichen vertreten. Was zwei Rivalen im Kampf um die Liebe damals mit der Lanze ausgetragen hätten, führt hier zu einem elektrisierenden Breakdance-Battle. Die Gefühle entladen sich auch im Gesang, der mal durch ruhige Töne berührt, mal durch schrilles Geschrei wachrüttelt.

Eigentlich ist "Drachenherz" ein Stück, das sich den Fragen rund ums Erwachsenwerden annimmt. Die Figuren sind auf der Suche nach ihrem Platz in der Welt und versuchen ihn auf ganz unterschiedliche Art und Weise zu finden. Das Musical liefert kluge Antworten zu Liebe, Eifersucht und Treue in der heutigen Zeit. Diese Themen spielten bereits bei Siegfried, Kriemhild und König Gunther im Nibelungenlied eine Rolle. Den Heldenepos-Überbau hätte es in "Drachenherz" aber gar nicht gebraucht.

Sendung: Inforadio, 14.06.2019, 7:55 Uhr

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