Take That Pop-Band (Quelle: imago/Myles Wright)
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Video: Inforadio | 21.06.2019 | Cora Knoblauch | Bild: imago/Myles Wright

Konzertkritik | Take That in Berlin - Früher war mehr Konfetti

Take That waren in den 1990ern die Boyband schlechthin. Von fünf auf drei Mitglieder zusammengeschmolzen, sind sie jetzt auf Greatest-Hits-Tour. In Berlin brachten sie die Show souverän über die Bühne - trotz des schlecht gemischten Sounds. Von Cora Knoblauch

Eine Kollegin hatte mich gewarnt: "Nimm dir Ohrstöpsel mit", sagte sie, "auch 40-Jährige können laut kreischen." Das Tempodrom hatte dem Publikum wohl nicht ganz so viel Energie zugetraut, jedenfalls war der Innenraum voll bestuhlt. Ein Fehler. Denn schon beim ersten Akkord sprangen die Fans auf - und sollten sich nicht mehr setzen, bis die Show nach anderthalb Stunden beendet war. Das Problem: Mit einem Stuhl in den Kniekehlen lässt es sich schwer tanzen und 40-jährige Fans können nicht nur einigermaßen laut kreischen, sondern auch immer noch mit den Poster-Boys von damals mittanzen.

Take That (Bild: Live Nation GmbH)
| Bild: Live Nation GmbH

Gut gealtert sind sie

Nach einem Warm-up mit Hits aus den 2000er Jahren wie "Greatest Day" und "Giants" biegen die drei verbliebenen Take-That-Sänger Mark Owen, Howard Donald und Gary Barlow dorthin ab, wo alle hin wollen an diesem Abend: in die 1990er Jahre. Mehrfach fragen Barlow und Donald das Publikum ab, wer denn 1993 und 1995 eigentlich schon dabei war. Dabei im Kosmos Take That, diesem damals gigantischem Pop-Phänomen. Einer Band, nicht organisch entstanden, sondern 1990 vom britischen Musikmanager Nigel Martin-Smith mit Kalkül in Manchester gecastet, mit dem Ziel, viel Geld zu verdienen. Groß gemacht zu einer fünfköpfigen Mega-Band, die mit Preisen, Auszeichnungen und Superlativen überhäuft und zur erfolgreichsten britischen Boygroup nach den Beatles werden sollte.

Ja, ein Großteil des hauptsächlich weiblichen Publikums an diesem Abend im Tempodrom war 1993 schon dabei. Eine Band wie Take That kann sich also auf ihre Fans verlassen. Die kennen jede Zeile, jedes Wort. Die Ehemänner, die mitgekommen sind, klatschen höflich im Takt. Die Gesichter aller Beteiligten an diesem Abend auf und vor der Bühne waren natürlich glatter damals. Aus den Boys auf der Bühne sind gestandene Familienväter geworden, die stramm auf die 50 zugehen. Aber gut gealtert sind sie, wie man so schön sagt: die Haare voll, die Körper trainiert - und als nach einer Stunde Singen, Tanzen und Klatschen dann Gary Barlow und Howard Donald ihre glitzernden Jacketts ausziehen und in engen Shirts weitermachen, kreischen die Frauen wie damals – da müssen sogar die drei Männer auf der Bühne etwas kichern.

Eine große Arena füllt die Band heute nicht mehr - das Berliner Tempodrom ist nicht ganz ausverkauft. Im Hintergrund sorgt eine namenlose Band für das Soundbett, leider verlieren sich die Stimmen der drei Take-That-Sänger bisweilen im schlecht gemischten Soundbrei. Die Fans nehmen es hin. Anstelle von Feuerzeugen wie in den 1990ern leuchten die Handydisplays, Konfetti-Kanonen lassen weiße Papierschnipsel vom Zeltdach regnen. Souverän bringen die drei Pop-Stars die Show hinter sich, Luftküsschen und Selfies gibt es für ein paar Fans in der ersten Reihe, eine Zugabe gehört nicht zum Service. Nach anderthalb Stunden verlässt die Band ohne ein Wort zu viel die Bühne. 

Sendung: Inforadio, 21.06.2019, 06:55 Uhr

Beitrag von Cora Knoblauch

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    Soweit kann ich der Autorin zustimmen. Die Stimmung war grandios und das Tempodrom hat sicher nicht erwartet, das so viele Fans die Halle zum "kochen" bringen. Die Raum-Temperatur war teilweise sehr grenzwertig.
    Eines muss ich der Autorin ankreiden. "Eine große Arena füllt die Band heute nicht mehr". Schlecht recherchiert, denn in Großbritannien haben Sie in den letzen Monaten, die größten Hallen und Stadien gefüllt. Hut ab für eine "Boyband", die 30 Jahre auf dem Musikmarkt beständig ist.
    Fazit: Für jeden Fan der alten und neuen Stunde ein muss zum Konzert der Jungs zu gehen.

  2. 3.

    Wir waren in Düsseldorf und haben leide das gleiche erleben müssen. Ich war auch sehr enttäuscht. Alles fing an mit einer nicht vorhandenen Einlasskontrolle. Lediglich die Karten wurden abgerissen. Keine Taschen oder Körperkontrollen. Alles, aber wirklich alles hätte man mit reinnehmen können. Getränkepreise von 5,50€ fand ich auch recht happig. Und die Show, nun ja, schlechter Sound, kein Bühnenbild, keine Leinwand. Es hätten auch Double auf der Bühne stehen können. Von hinten hätte man es nicht erkennen können. Ebenso gab es nicht wirklich eine echte Zugabe. Die 400€, die ich investiert habe, hätte ich besser nutzen können. Schade

  3. 2.

    Großteils kann ich dem Artikel zustimmen! Aber Glitzer gab es lediglich bei Mark, nicht bei Gary und Howard. Die hatten ein schwarzes (Samt?)Jackett und ein knallgelbes ZARA Women Jackett an (schwarz/rot/gold - auch nicht aufgefallen?).
    Eine Zugabe gab es auch! Leider ist es etwas untergegangen, dass "Never Forget" die Zugabe war, weil die drei nach dem eigentlich letzten Song "Rule the World" (wie angekündigt!) gleich auf der Bühne stehen blieben.
    Ausverkauft war das Konzert übrigens bereits relativ schnell nach Verkaufsstart. Ein paar Tage vor Konzert wurden dann aber an den äußeren Tribünen an der Bühne noch vereinzelt Tickets freigegeben. Da waren tatsächlich noch ein paar wenige übrig. Praktisch also nicht ausverkauft, theoretisch war die Halle aber voll!

  4. 1.

    Konzerte sind sicherlich Geschmackssache. Als regelmäßiger Konzertgänger traue ich mir aber durchaus das Urteil zu, dass hier anderthalb Stunden lang beste Unterhaltung geboten wurden. Die Stimmung im Saal war erstklassig.

    Interessant ist dann aber doch, dass die Autorin bei einem Konzert, das innerhalb weniger Stunden ausverkauft war, noch freie Plätze entdeckt haben will. Eine steile These, die nachweislich falsch ist.

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