zu unseren füßen, das gold, aus dem boden verschwunden von Svealena Kutschke (Quelle: Arno Declair)
Bild: Arno Declair

Theaterkritik | Lange Nacht der Autorinnen - Neustart mit Netz und Stuhlkreis

Drei kurze Uraufführungen an einem Abend: Die Lange Nacht der Autorinnen am Deutschen Theater Berlin setzt sehr unterschiedliche Texte in Szene - doch so richtig Hand in Hand gehen Stück und Inszenierung nur in einem Fall.  Von Fabian Wallmeier

Am Anfang ist der Stuhlkreis: Ein dicker, rotgemusterter Teppich, darauf 38 im Kreis angeordnete Stühle, in der Mitte hängt eine Lampe. Das Bühnenbild zur Uraufführung von Svealena Kutschkes "zu unseren füßen, das gold, aus dem boden verschwunden" lässt eher an eine szenische Lesung denken als an einen vollwertigen Theaterabend. Doch dieser Eindruck täuscht: Regisseur András Dömötör lässt dem Text in der intimen Box des Deutschen Theaters viel Raum - ganz wie es sich für eine Uraufführung gehört. Er bringt die Worte zum Schwingen. Dabei setzt er auf einfache, aber effektive Mittel - und auf ein spielstarkes Ensemble.

Die Geschichte schält sich erst nach und nach heraus. Sie spielt in einem Mietshaus in Pankow, nah an der ehemaligen Mauer. Fünf Menschen berichten in Monologen, was sie bewegt und was sie beobachten. Diese Beobachterposition spiegelt sich in der Bühnensituation wieder: Die Zuschauenden beobachten neben dem Spielgeschehen auch die anderen Zuschauenden beim Beobachten.

Entschuldigung von Lisa Danulat, Koproduktion mit dem Theater Neumarkt Zürich. (Quelle: Judith Schlosser)
Szene aus "Entschuldigung" | Bild: Judith Schlosser

Zu viele Themen und Motive für 70 Minuten Theater

Bei aller Unterschiedlichkeit haben die fünf Protagonisten ein gemeinsames Thema: Nabil, einen Geflüchteten, der seit einiger Zeit im Haus lebt. Im Stück tritt er nicht als Figur auf. Nicht einmal kennen ihn alle beim Namen - für den alkoholkranken Gerichtsvollzieher Holm etwa ist er einfach nur "der Araber". Jörg Pose spielt diesen Holm mit flirrender Nervosität. Er nestelt an seinem Hemd herum, tapert im Kreis um die Lampe herum, spricht erst stockend, dann immer schneller und rastet irgendwann aus. Auch DT-Neuzugang Lorena Handschin und Maike Knirsch als ungleiches Paar Kim und Darija loten behutsam Tiefen und Untiefen ihrer Rollen aus. Helmut Mooshammer gibt süffisant den giftig-überheblichen Ahmed - allein Katrin Klein als dessen Ex-Frau Sarah bleibt im Vergleich farblos.

Svealena Kutschkes Text ist der klarste und bestgebaute der Langen Nacht der Autorinnen - er hat nur ein kleines Manko: Man merkt ihm an, dass seine Verfasserin das komprimierte Schreiben nicht gewohnt ist: "zu unseren füßen" ist ihr erster Theatertext, sie hat zuvor Romane geschrieben, der neueste, "Stadt aus Rauch", umfasst 672 Seiten. Beim Texten für knapp 70 Minuten Theater hat sie es etwas übertrieben mit der Dichte an Themen und Motiven: NSU, Nazi-Omas, Stolpersteine, Islamisierung tauchen am Rande auf - und bleiben versatzstückhaft, unausgeleuchtet.

Neustart mit Partnern aus Graz und Zürich

Dömötörs Arbeit wird auch ins Repertoire des DT übergehen, die anderen beiden Inszenierungen sollen an Häusern in der Schweiz und in Österreich weiter gespielt werden. Bislang waren das Wiener Burgtheater und das Schauspielhaus Zürich die beiden Produktionspartner der Langen Nacht. Doch diese Kooperation ist mit den anstehenden Intendanzwechseln in beiden Theatern nun vorbei. Zwei Häuser aus der zweiten Reihe sind nachgerückt: aus Österreich das Schauspiel Graz und aus der Schweiz das Theater Neumarkt Zürich.

Man könnte darin einen Bedeutungsverlust der Langen Nacht sehen, doch was die beiden Theater in Berlin beim Neustart präsentieren, kann sich insgesamt sehen lassen. Allerdings bilden Stück und Inszenierung bei keiner der beiden Arbeiten eine so überzeugende Einheit wie bei Dömötör. Das liegt in einem Fall am Text, im anderen an der Regie.

Hübscher Kontrast zur Angestrengtheit des Textes

Bei "ruhig Blut" von Eleonore Khuen-Belasi ist der Text das Problem. Bei aller Kunstangestrengtheit mäandert er seltsam konturlos umher. Ausgehend vom mutig abwegigen Grundthema der Instandhaltung einer Straße spricht er von allerlei Dingen, steuert dabei aber weder auf ein Ziel zu, noch erklärt er die eigene Ziellosigkeit überzeugend zum ästhetischen Prinzip. Stattdessen gibt es Fußnoten, die in keinem klar erkennbaren Zusammenhang zum Rest des Textes stehen.

Umso klarer ist dagegen der Zugriff der Inszenierung, die Clara Weyde für das Schauspiel Graz besorgt hat. Auch ihr Beitrag ist mit 70 Minuten kurz geraten - und hat trotzdem genügend Zeit, um den Text aufzufangen. Die Fußnoten lässt Weyde von einer jeweils nur dafür auf- und wieder abtretenden Schauspielerin ganz trocken frontal ins Publikum sprechen. Drei weitere Schauspielerinnen und ein Schauspieler, darunter die kürzlich schon als Attraktion des Grazer Gastspiels "Die Revolution frisst ihre Kinder!" am DT zu bestaunende Julia Gräfner, und ein Schauspieler hocken in einem Netz. In einem halb nach hinten gekippten Kasten über die gesamte Breite der Bühne sind längs und quer Stricke gespannt. Minutenlang bewegen sich die vier erst einmal nach und nach von den Ecken in die Mitte des Kastens. Die betonte Schwerfälligkeit ihrer Bewegungen bildet dabei einen hübschen Kontrast zur neunmalklugen Angestrengtheit des Textes.

ruhig Blut von Eleonore Khuen-Belasi, Koproduktion mit dem Schauspiel Graz. (Quelle: Lupi Spuma / Schauspiel Graz)
Bild: Lupi Spuma / Schauspiel Graz

Komplexer Text, alberne Inszenierung

"Entschuldigung" von Lisa Danulat funktioniert auf dem Papier ganz gut: Die eigentlich simplen Geschichten zweier Frauen werden aufgemotzt, indem Danulat sie parallel montiert, mit Wiederholungen und Variationen - und am Ende mit subtilen Verschiebungen versetzt. Die eine dieser Frauen hat beschlossen, sich das Leben zu nehmen, die andere sitzt in Schweden im Gefängnis. Allmählich werden die jeweiligen Gründe offenbar.

Doch Regisseur Peter Kastenmüller zeigt kein ausgeprägtes Gespür für die textlichen und inhaltlichen Feinheiten. In seiner Inszenierung für das Theater Neumarkt Zürich macht er aus den beiden Protagonistinnen offenbar witzig gemeinte Abziehbilder. Als sterbewillige ältere Frau lässt er den mit alberner Brille und noch albernerer Perücke gestraften Martin Butzke an Nordic-Walking-Stücken über die Bühne hechten. Aus einem Märchenwald aus Bäumen und herabhängenden Spiegel-Dreiecken stakst er hervor an die Rampe. Hanna Eichel muss, um als deutsche Touristin in Schweden erkennbar zu sein, einen Backpacker-Rucksack tragen. Sarah Sandeh als Sohn der alten Frau trägt aus irgendeinem Grund ein groteskes schwarzes Königin-der-Nacht-Kleid mit ausladendem, weißem, rüschigem Stehkragen. Wird telefoniert, spricht die eine in eine Art umgedrehtes Megafon, die andere in einen Topfdeckel. So viel fade Witzischkeit hat der Text nun wirklich nicht verdient. Immerhin ist seine Inszenierung mit 60 Minuten die kürzeste.

Sendung: rbbKultur, 07.06.2019, 16:45 Uhr

Beitrag von Fabian Wallmeier

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