Tür zur Stahlkammer der Discothek "Tresor" in Berlin (Foto vom 08.02.2005) (Quelle: dpa/Soeren Stache)
Video: rbb|24 | 19.06.2019 | Bild: dpa/Soeren Stache

Tür vom Kult-Club Tresor zieht ins Humboldt-Forum - "Das ist etwas wie die neue Nofretete"

Wenn diese Tür sprechen könnte, hätte sie viel zu erzählen. Vor 100 Jahren schützte sie den Zugang zum Tresor der Wertheim-Bank in der Leipziger Straße, nach der Wende wurde sie zur Pforte eines Techno-Clubs. Am Dienstag wird sie zum Ausstellungsstück. Von Oliver Kranz

Rostiges Metall, hämmernde Beats und viel Rauch aus der Nebelmaschine – das war der Tresor. Der Techno-Club in der ehemaligen Stahlkammer der Wertheim-Bank in der Leipziger Straße in Berlin-Mitte wurde im März 1991 von Dimitri Hegemann eröffnet. "Dieser Raum strahlte eine besondere Kraft aus. Er war vergessen und spätestens seit Mitte der 50er Jahre war da niemand mehr drin. Er lag nämlich im Niemandsland zwischen den beiden Mauern, näher zur Ostseite hin", erzählt Hegemann.

Eine junge Frau steht im vergitterten Eingang zur Stahlkammer der Discothek "Tresor" in Berlin (Foto vom 08.02.2005) (Quelle: dpa/Soeren Stache)
Neben der Tür werden im Humboldt-Forum auch ein paar Schließfächer ausgestellt | Bild: dpa/Soeren Stache

Überraschung im Keller

Das Kaufhaus Wertheim mit der Wertheim-Bank war im Zweiten Weltkrieg ausgebrannt und in den 1950er Jahren abgerissen worden. Nur ein kleines, barackenartiges Gebäude blieb erhalten, in dem sich der Eingang zu den Tresorräumen verbarg. Dimitri Hegemann und seine Freunde wollten dort eine Party veranstalten. Als sie den Keller betraten, staunten sie nicht schlecht. "Wir haben die Feuerzeuge angemacht und dann sind wir plötzlich auf diese Tür gestoßen, in diese Stahlkammer. Dieser Moment war magisch, weil die Tür stand auf. Es war alles verrostetes Eisenmaterial. Ein Raum im Raum, in diesem großen Keller", so Hegemann.

Der Raum wurde durch massive Gitter abgeteilt. An den Wänden standen Schränke mit Schließfächern. Dimitri Hegemann wusste nicht, dass er sich im Tresorraum der Wertheim-Bank befand. Von der Bedeutung des Warenhauses in der Leipziger Straße erfuhr er erst später: "Das war das größte Warenhaus in Kontinentaleuropa, so etwas wie Harrod's in London oder Lafayette in Paris. Es war ein wunderschönes Gebäude im Jugendstil gebaut. Es war so erfolgreich, dass dieses Kaufhaus eine eigene Bank aufbaute, die Wertheim-Bank, die einer jüdischen Kaufmannsfamilie gehörte. "Aber als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wurde es arisiert. Und von der Eigentümerfamilie Wertheim konnten einige nach Amerika gehen, aber drei Brüder sind in Auschwitz gelandet", erzählt Hegemann.

Postkartenansicht vom Kaufhaus Wertheim, um 1910 (Quelle: dpa/akg)
Postkartenansicht auf das Kaufhaus Wertheim in der Leipziger Straße (um 1910) | Bild: dpe/akg

"Soundtrack der Wiedervereinigung"

Auch davon erzählt die Tür. Berühmt wurde sie jedoch als Eingang des Techno-Clubs. Als Dimitri Hegemann 1991 den Tresor eröffnete, war er Chef einen kleinen Plattenlabels. "Wir kamen von der Musik und hatten Kontakte auch zu Freunden nach Detroit. Die hatten uns eine Musik vorgestellt, da krähte dort in Michigan kein Hahn nach. Aber wir warteten auf etwas Neues und hier funktionierte diese Musik auch", sagt Hegemann. Die Kids mochten das und so wurde Techno der Soundtrack dieser Wiedervereinigung. "Also die Wiedervereinigung fand in unserer Szene schon auf dem Dance-Floor statt."

Tresor-Tür stieß auf wenig Interesse

Techno war in Ost und West gleichermaßen beliebt und zog auch internationale Besucher an. Dass Berlin bis heute weltweit als Zentrum der Jugendkultur gilt, hat mit Clubs wie dem Tresor zu tun. So ist der Tresor nach Ansicht Hegemanns immer noch das Symbol für diesen Aufbruch. "Diese Tür erinnert uns aber auch daran, dass diese Freiräume immer weniger werden, dass die Verantwortlichen aufpassen sollen, dass diese Räume erhalten bleiben, weil sie machen Berlin aus."

Deswegen hat Hegemann die Tür auch gerettet, als der Tresor im Jahr 2005 einem Bürogebäude weichen musste. Der Club zog ins Heizkraftwerk Mitte um, wo Dimitri Hegemann die Schließfächer und die Gitter aus der Stahlkammer einbauen ließ. Die Tür musste wegen ihres enormen Gewichts aber draußen bleiben. Obwohl sie kaum größer ist, als eine normale Hauseingangstür wiegt sie dreieinhalb Tonnen. Dimitri Hegemann bot sie mehreren Künstlern und Ausstellungsmachern an, stieß aber auf wenig Interesse - bis Paul Spies kam, der Direktor der Stiftung Stadtmuseum, der zugleich Chef-Kurator des Landes Berlin im Humboldt-Forum ist.

"Es wird die jüngere Geschichte der Stadt erzählt"

Spies war begeistert: "Das ist etwas wie die neue Nofretete für das Humboldt-Forum", zitiert Hegemann den Chef-Kurator. "Das ist auch richtig, denke ich, weil es die jüngere Geschichte der Stadt erzählt. Und auch der Jugend und des Aufbruchs."

Im Humboldt-Forum werden neben der Tür auch ein paar Schließfächer zu sehen sein. Auch eine Techno-Soundinstallation soll es geben, um die Atmosphäre des Tresor-Clubs in Erinnerung zu rufen.

Beitrag von Oliver Kranz

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