Kurator Niklas Nitschke erklärt Besuchern zur Vernissage die Kunstwerke auf dem Klosterhof Neuzelle (Quelle: rbb/Rocco Thiede)
Audio: Kulturradio | 05.07.2019 | Rocco Thiede | Bild: Rocco Thiede

Erste Ausstellung - "Utopie und Passion" im Kloster Neuzelle

Moderne Kunst inmitten von barocker Pracht und Fülle: Im Stiftshof des Klosters Neuzelle wird derzeit die Ausstellung "Utopie und Passion" gezeigt. Vier leuchtend blaue Kuben dominieren nun den blassgelben historischen Stiftshof. Von Rocco Thiede

"Sind hier Ufos gelandet?", fragt einer der Besucher des Klosterhofes Neuzelle. Die vier großen blauen Kuben, die hier stehen, haben tatsächlich etwas Außerirdisches an sich.

Der eine Kubus hat eine Schaufensterfront mit Figuren dahinter. Ein anderer ist zum Betreten gedacht, der Dritte irgendwie in sich aufgelöst, durchlöchert, wo das innere nach außen möchte und umgekehrt. Der vierte Kubus ist kompakt verschlossen – nur auf dem Dach steht eine etwa 40 Zentimeter hohe Bronzeplastik. "Die kleine Figur repräsentiert unsere Kultur. Es ist Big Joe und es ist ein Super Hero". Er repräsentiere die heutige Zeit, sagt die in Tiflis geborene Tamara Ke, eine der vier Künstlerinnen und Künstler, die hier ihre Installationen ausstellen. Der Name ihres Kunstwerks lautet "Craving for wind and honey" – Verlangen nach Wind und Honig.

Vier blaue Kuben im Stiftshof von Kloster Neuzelle (Quelle: rbb/Rocco Thiede)
Vier Mal Kunst auf dem Stiftshof des Klosters | Bild: rbb/Rocco Thiede

Eine Verbindung zwischen Kunst und Kloster

Seit ein paar Monaten beten und arbeiten wieder Mönche aus dem Zisterzienserorden in Neuzelle. Auch das Kloster und das geistige Leben "verlangten" nach etwas, sagt Tamara Ke.

Mindestens zwei Jahre alt sei die Idee, sagt der Kurator der Ausstellung Niklas Nitschke. "Der Anfangsimpuls war: Wie geht man mit diesem leeren Stiftsplatz um?" Doch was dort gemacht werde, sei bisher selten verbunden mit dem Umfeld, so Nitschke. "Wenn da Oldtimer stehen oder Jahrmarktsbuden, hat das ja nichts mit dem Kloster zu tun." Mit seinem Konzept hat Nitschke Verbindungen zum Vorhandenen hergestellt. Er konfrontiert das Museum der Stiftung, wo barocke Passionstheaterkulissen gezeigt werden, mit moderner Kunst.

Neue Mönche, altes Kloster

Auch die Künstlerin Alexandra Hopf nahm die Themenvorgabe des Kurators auf und setzte sich mit den neuen Mönchen im alten Kloster auseinander. In ihrer Arbeit beschäftige sie sich intensiv mit gesellschaftlichen Utopien, sagt Hopf. "In dem blauen Kubus befindet sich eine Figurenkonstellation: Es sind fünf Schaufensterpuppen." Sie habe durch große Kapuzen bewusst eine Referenz an die Silhouette der Mönche gesetzt.  

Die Arbeit des Münchners Michael Hofstetter wiederum nennt sich "Inkarnation (Black Box) Entzückung" und hat Bezüge zur christlichen Mystik. Es sei eine Form der Kommunikation zwischen Menschen und Gott, sagt der Künstler.

Der Düsseldorfer Maler Armin Hartenstein in seinem Kubus mit dem leeren Grab Christi (Quelle: rbb/Rocco Thiede)
Der Düsseldorfer Maler Armin Hartenstein in seinem Kubus mit dem leeren Grab Christi | Bild: rbb/Rocco Thiede

Der Düsseldorfer Maler Armin Hartenstein hat seinen Kubus in enger Verbindung zum himmlischen Theater und zum wiederbelebten Kloster geschaffen. "Es ist ein Raum im Raum und die eine Außenwand des Raumes durchstößt die andere und trägt ein Bild, das von beiden Seiten gemalt ist". Das sei die sogenannte Kulissengrabdarstellung. "Aber ohne Christus, ohne Maria Magdalena, ohne St. Simeon."

Hartenstein liefert auch gleich eine Erklärung für den Titel der Sonderausstellung - Utopie und Passion: "Das Motiv der Utopie bezog sich im Wesentlichen auf Eisenhüttenstadt als stalinistische Idealplanstadt, mit dem Anspruch, die perfekte soziale Lebensform zu finden". Von dieser Utopie sei aber gar nichts mehr zu spüren. "Im Gegenteil. Der Ort hat ein ganz besonderes Drama oder eine besondere Tragik in diesem umgekippten, fatal schiefgelaufenen Utopischen."

Die Kunst stört, zerstört aber nicht

Die öffentliche Hand und private Sponsoren haben das Kunst-Projekt mit 40.000 Euro unterstützt. Gründungsmitglied des neuen Kunstvereins, der die Ausstellung verantwortet, ist Pater Kilian, einer der neuen Zisterzienser in Neuzelle. "Ich glaube, dass Kirche - und gerade Klöster - und Kunst grundsätzlich eine Verbindung miteinander haben, die jahrhundertelang zurückreicht", sagt er. Zwar störe die Kunst die "idyllische Einheit dieser barocken Anlage" – aber verstöre oder zerstöre sie nicht. Er glaubt, dass "diese Spannung zwischen Neuzelle und Eisenhüttenstadt, zwischen zwei sehr starken Ideologien, die ihre Spuren hinterlassen haben" Leben an den Stiftsplatz bringt.

Pater Kilian Müller, Ökonom des Priorates Kloster Neuzelle und Gründungsmitglied des Kunstvereins - im Hintergrund die Kloster- und Wallfahrtskirche St. Marien (Quelle: rbb/Rocco Thiede)
Pater Kilian, der Ökonom von Kloster Neuzelle und Gründungsmitglied des Kunstvereins | Bild: rbb/Rocco Thiede

Sendung: Kulturradio, 05.07.2019 19:04 Uhr

Beitrag von Rocco Thiede

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