Janelle Monae in New York, August 2018 (Quelle: imago/Barrett)
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Audio: Inforadio | 10.07.2019 | Jens Lehmann | Bild: imago/Barrett

Konzertkritik | Janelle Monae in der Columbiahalle - Eine bleibende Erinnerung tief im Herzen der Fans

In den USA ist sie längst ein Superstar, aber auch bei uns hat sie immer mehr Fans. Die Funk-, Soul- und R&B-Sängerin Janelle Monae. Gestern war sie in der Berliner Columbiahalle zu erleben. Jens Lehmann war zuerst skeptisch, aber nicht lange.

Ich misstraue ja erstmal jedem Hype. Ist wohl so ein Verweigerungsding bei mir. Letztes Jahr ist man kaum um Janelle Monae und ihr neues Album "Dirty Computer" herumgekommen, Schnappatmung bei Kritikern und Fans inklusive - und ich war erst mal skeptisch. Klar, die Mischung aus Funk, Hip-Hop und R&B geht in die Beine, dazu noch eine kräftige Prise Empowerment - fertig ist das Hit-Album. Vielleicht habe ich auch einfach den klassischen Fehler begangen und zu viel über die Sängerin gelesen. Statt ihre Musik auf mich wirken zu lassen, habe ich bei divenhaften Interviews schlechte Laune gekriegt.

Sie habe kein Alter, sie sei zeitlos, könne sogar in die Zukunft sehen, orakelt sie da. Sie ist besessen von Science Fiction und Afrofuturismus, in ihren früheren Alben ist sie als Android Cindi Mayweather durch Raum und Zeit gedüst. Zurück im Hier und Jetzt hat sie in Berlin gerade eine eigene Wodka-Edition vorgestellt.

So weit, so exzentrisch. Da muss ich mich erstmal vom Support-Act, der kommenden Soul-Diva Celeste aus Brighton, beruhigen lassen. Ihr genügen ein Begleiter am E-Piano und ihre unglaubliche Stimme, um die Halle zu berühren.

Großer Auftritt in Fantasieuniform

Bei Janelle Monae braucht es dagegen den ganz großen Auftritt. Bühnennebel wabert, Strauss' "Also sprach Zarathustra" knallt durch die Columbiahalle - und zu den hymnischen Klängen von "Dirty Computer" betritt der Star - begleitet von vier Tänzerinnen - in glitzernder Fantasieuniform die Bühne. Das passt gut, sieht die doch auch ein bisschen nach Raumschiff Enterprise aus. Spätestens beim dritten Song ist der Warp-Antrieb hochgefahren - und zu "Screwed" skandieren jetzt alle kleinen Mädchen, die gerade noch von ihren Papas zur Halle gebracht worden sind, selig "I'm dirty, I'm proud" und bejubeln den bitterbösen Song, der die fehlende Geschlechtergerechtigkeit in den USA mit sexuellen Anspielungen würzt, damit selbst der Typ im Weißen Haus sie begreift.

Janelle Monae wird das an diesem Abend immer wieder machen, zum Beispiel bei "Pynk", einem Song, der die Weiblichkeit feiert - und vor allem durch die berühmt-berüchtigte Vagina-Hose aus dem Video bekannt geworden ist: Die Bässe pumpen, die Gesten sind eindeutig, sie bedient sich klug der Mechanismen machistischer HipHop-Kultur, um sie ins Gegenteil zu verkehren. Das Publikum verehrt sie dafür von der ersten Sekunde an wie eine messianische Erscheinung.

Nicht nur Electric Ladies tanzen

Eine, die auch noch verdammt gut singen und tanzen kann. Begleitet von ihrer exzellenten fünfköpfigen Band, wie im Publikum sind auch dort die Frauen in der Überzahl, kommt sie nun selbst richtig in Fahrt - und reißt auch mich mit. Bezeichnenderweise mit einem ihrer älteren Songs, "Electric Lady". Die beiden Keyboarderinnen greifen zu Trompete und Posaune, Janelle Monae bittet alle "electric ladies in the house" zum Tanz - und sie tun es. Und wie! Und hören gar nicht mehr auf! Und nicht nur die Ladies. Ob weiblich, männlich, divers, lesbisch, schwul, bi, trans, fahnen- oder bierbecherschwenkend, alles tanzt.

Von vorne kommt jetzt pure Energie. "Prime Time", eine Hommage an ihren Mentor, den gottgleichen Prince. Die Tänzerinnen wechseln von Cat- zu Swimsuit, auf der riesigen Leinwand wechseln sich abstrakte Formen und Bewegungsstudien mit Live-Bildern aus der Halle ab. Davor steht Janelle Monae auf einem Podest, wirft sich in Grace-Jones-Gedächtnis-Posen, predigt zwischen den Songs Selbstliebe und Achtsamkeit oder ruft zum Kampf für die Rechte von Frauen und anderen Benachteiligten auf und will dabei, wie sie sagt, nichts weniger als eine bleibende Erinnerung tief im Herzen ihrer Fans sein. Das ist keine Hybris. Das meint sie ernst. Und schafft das auch noch.

Ob sie nun in "Make Me Feel" erneut ihrem verstorbenen Idol Prince huldigt, im R&B-Stampfer "I got the Juice" vier glückliche Fans auf der Bühne tanzen oder sich zum Schluss in ihrer Erweckungshymne "Come Alive" zum Entsetzen der Security in der Menge feiern lässt - das ist  ganz groß, was Janelle Monae da macht. Aus dem Androiden ist ein Mensch geworden. Und was für einer"

Sendung: Inforadio, 10.07.2019, 06:55 Uhr

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1 Kommentar

  1. 1.

    Tolles Konzert, tolle Künstlerin, danke für die schöne Konzertkritik. Der Sound und die Stimmung waren umwerfend!

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