Pressefoto <<Chicago - The Musical>>. (Quelle: Tristram Kenton)
Tristram Kenton
Audio: Inforadio | 05.07.2019 | Ute Büsing | Bild: Tristram Kenton

Musicalkritik | "Chicago" im Admiralspalast - Eiskalte Engel auf mörderischer Männerjagd

Am New Yorker Broadway bricht das Musical seit 1996 alle Rekorde, weltweit haben 31 Millionen Menschen "Chicago" gesehen: Jetzt ist das Original bis zum 13. Juli mit einer Tour-Produktion im Berliner Admiralspalast zu sehen. Von Ute Büsing

"All that Jazz", der schnörkellose Eröffnungs- und Schluss-Song, er hallt noch lange nach. Denn fast alles an dieser englischsprachigen Tour-Version des Broadway-Longsellers ist erstklassig: Die großartige, wie in einem Club auf Tuchfühlung spielende zwölfköpfige Jazzcombo, der gesamte, überwiegend aus Südafrika stammende Cast, die Choreografien.

"Chicago" ist heute noch so aktuell wie vor bald 23 Jahren, als das Revival dieses 1975 uraufgeführten Musicals mit den Kompositionen von John Kander und Fred Ebb und den Choreografien von Bob Fosse seinen Siegeszug antrat. Eingängig sind die Songs, allesamt heimliche Hits, cool und sexy ist das Setting, erstaunlich modern erscheint die vor bald 100 Jahren spielende Story um Habgier, Korruption und Skrupellosigkeit.

Todesurteile für Mord

Im Mittelpunkt der Kriminal-, Gerichts- und Knasthandlung stehen zwei eiskalte Engel, die männermordenden Vaudeville-Girls Roxie Hart (Carmen Pretorius) und Velma Kelly (Samantha Peo). Die eine ist eine mit allen Wassern gewaschene, süßliche Südstaaten-Blondine. Die andere ein im Knast gehärtetes, teuflisches Luder.

Über beiden schwebt das Todesurteil für Mord. Und doch sind Roxie und Velma eben auch zwei starke Frauen, die im Milieu der von der Prohibition geprägten 1920er Jahre mit allen Mitteln und reichlich weiblichen Reizen um Aufmerksamkeit und Anerkennung buhlen. Schließlich erkämpfen sie sich ihren Platz in der durch und durch verkommenen Gesellschaft. Behilflich ist ihnen dabei der aalglatte, so geld- wie Show-besessene Anwalt Billy Flynn, ein Frauen- und Medienliebling. Dieser erstaunlich aktuell wirkende "Mr. America" verkauft alles, so lange er dabei Profit macht.

Wie ein Brecht'sches Lehrstück

Jeder betrügt hier jeden, nichts als Fake News drängen sich ins Rampenlicht. Skandalreporter füttern ihre Leser mit fetten Schlagzeilen über Männermörderinnen und ihr Star-Potenzial: "Roxie rocks Chicago". Wie in einem Brecht'schen Lehrstück werden die Charaktere auf karger, grell ausgeleuchteter Bühne vorgestellt, vorgeführt und demaskiert. Das funktioniert in edler Schlichtheit: Schwarz ist die Farbe der Wahl bei den meist knappen, erotischen Kostümen. Auf Requisiten-Pomp wird verzichtet. Nichts ist hier süßlich-kitschig wie sonst bei marktdominanter Musical-Meterware.

Besonders die Darstellerinnen der beiden Mörderinnen, Konkurrentinnen erst, die schließlich im finalen Sister Act zusammenfinden, haben stimmlich und darstellerisch großes Kaliber. Die Frauenknast-Strippenzieherin Mama Morton mit ihrer Soulröhre ist ebenso bombig wie die operettenreifen Auftritte der Boulevardjournalistin Mary Sunshine - die auch nicht ist, was sie zu sein scheint. Rührend wirkt Roxies betrogener, ewig übersehener, tölpelhafter Ehemann Amos, "Mr. Cellophane". Wie immer bei "Chicago" ist dieser durch und durch anständige, unglamouröse Antiheld der heimliche Liebling des Publikums.

"The Power of Nothing"

Ständig ist doppelter Boden eingezogen in das bei aller Brutalität und Verlogenheit dennoch schwebend leichte Sing-Spiel in der Regie von Walter Bobbie und den von Ann Reinking weitergeführten Choreografien. "Mord ist eine Form der Unterhaltung", heißt es im Stück – und die geht bei der Weltmarke "Chicago" eben weit über das Musical-übliche hinaus. Gerade die radikale Reduktion lässt die zweieinhalbstündige Produktion noch lange nachhallen. "The Power of Nothing" hat Choreograf Bob Fosse einst seine Tänzerinnen und Tänzer gelehrt. Und genau diese Kraft lehrt auch dieser großartige Abend: die Besinnung auf das Wesentliche.

Sendung: Inforadio, 05.07.2019, 7:55 Uhr

Beitrag von Ute Büsing

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