Archivbild: 26.06. 2012 West Side Story Musical unter Regie und Choreographie: Joey McKneely
Audio: Inforadio | 08.07.2019 | Ute Büsing | Bild: imago

Frühkritik | West Side Story in der Staatsoper - Die Mutter aller Musicals

Trotz Original-Choreografien von Jerome Robbins wirkt die Inszenierung der legendären West Side Story brav und veraltet. Der Umsetzung der hochaktuellen Thematik fehlt das Kämpferische. Dafür stimmt der Sound. Von Ute Büsing

Manchmal sind Mütter durchaus etwas in die Jahre gekommen. Leonard Bernsteins "West Side Story" ist 62 Jahre alt. Und Joey McKneelys Inszenierung mit den Original-Choreografien von Jerome Robbins – die einzige ihrer Art weltweit - wirkt heutzutage doch etwas aus der Zeit gefallen. Die schließlich tödlichen Revierkämpfe der rivalisierenden New Yorker Gangs, der allamerikanischen weißen "Jets" und der frisch eingewanderten puertorikanischen "Sharks", wirken eher wie brave Hebefiguren als wie blutiger Ernst. Ballett geht vor Kampfkunst.

Romeo und Julia in New Yorker Straßenschluchten

Auch das an "Romeo und Julia" angelehnte Rührstück - hier als "amerikanische Tragödie" - dargeboten, die verbotene Liebe zwischen "Jet" Tony und der Schwester des "Shark"-Bosses, Maria, versinkt, allzu urernst genommen, in ziemlich hölzernem Kitsch. Schauspielerisch unbeholfen und staksig wirken die für diese Runde der zehn Jahre alten Tourneeproduktion in Australien neu gecasteten Kids oft.

Die "Opera Australia" ist schließlich Koproduzent. Extra-Applaus erhält allein Chloé Zuel, weil Herzblut in ihre starke Rollengestaltung der mit dem "Shark"-Boss verbandelten  Puertoricanerin Anita fließt.  

Typischer Bernstein-Sound

Es bleibt der authentisch amerikanische Bernstein-Sound, diese kühne Mischung aus Jazz, Latin und Arien, die an der Staatsoper mit ihrer neuen Akustik kristallklar wie selten klingt. In ein Opernhaus passt die "West Side Story" gut. Dirigent Donald Chan hat seinerzeit Meisterklassen bei Leonard Bernstein genommen und die "West Side Story" so oft dirigiert wie kein anderer. Die typische Kombination aus mit lateinamerikanischen Schlagwerken aufgerüsteter Rhythmusgruppe, variablen Bläsern und einer klassischen Streichersektion überzeugt.

Staatsoper Unter den Linden Foto: Schöning/imago
Bild: Schöning/imago

Unvergängliche Evergreens

Es bleiben auch die Hits, unvergängliche Evergreens wie "Maria", "Something's Coming", "America", "Tonight" – getextet von Stephen Sondheim. Und sängerisch sind die jungen Interpreten aus down under alle top. So entwickelt sich das übrigens in dieser Version am Broadway nicht gezeigte Musikdrama zwischen New Yorker Fassaden mit Feuerleitern - auf einer davon spielt die Balkonszene - und Schwarz-Weiß-Fotos wie es im Buche von Arthur Laurents steht. Es dauert zweieinhalb nur selten mitreißende Stunden.

Brennendaktuelle Thematik

Schade, denn die Thematik von "West Side Story", der Dauerkonflikt zwischen armen Angestammten und zugewanderten noch Ärmeren und der schwelende Rassismus, der die Revierkämpfe immer wieder befeuert, ist immer noch brennend aktuell. Doch bei dieser Tourneegroßproduktion mit insgesamt 110 Mitwirkenden überwiegt das Gediegene, Gesetzte. Nebenan, in der Komischen Oper, hatte Barry Kosky eine zeitgemäßere Version aufgelegt – und demnächst kommt der lange geplante Film von Stephen Spielberg. So oder so: "West Side Story" bleibt ein Dauerbrenner – und auch diesmal bleiben die Songs im Ohr.

Beitrag von Ute Büsing

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