CDU-Politiker Christoph Stölzl (Quelle: dpa/Martin Schutt)
Audio: Inforadio | 02.07.2019 | Interview mit Christoph Stölzl | Bild: dpa/Martin Schutt

Interview | Christoph Stölzl zum Jüdischen Museum - Der schwierigste Vermittler-Job in Berlin

Er sei kein Entscheider beim Zwist im Jüdischen Museum Berlin, sagt der CDU-Politiker und Historiker Christoph Stölzl, den Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) zur Vertrauensperson berufen hat. Er sei eher Punching-Ball, Mittler oder Gesprächstherapeut.

rbb: Herr Stölzl, musste Monika Grütters Sie überreden, Vertrauensperson für das Jüdische Museum zu werden?

Christoph Stölzl: Ich habe mich aus Solidarität gegenüber Frau Grütters dazu bereiterklärt, die ich seit 30 Jahren kenne. Sie war eine überaus kompetente und seriöse Parlamentarierin, als ich im Parlament war, und hat unendlich viel für Berlins Museen getan, seit sie Staatsministerin ist. Aber was ich da tue, ist kein Job, sondern ich mache es ehrenamtlich. Es ist eine Aufgabe, wo ich mit jedem reden darf – im Museum und außerhalb. Das hat den einzigen Zweck, Frieden herzustellen für die Phase, die jetzt notwendig ist. Nämlich für die Suche nach einem neuen Direktor oder einer Direktorin. Da muss man nach diesem ganzen hektischen Durcheinander durchatmen und dafür braucht man Ruhe. Sowas kann man nicht holterdipolter tun.

Welche Aufgabe hat das Jüdische Museum?

Es wurde als Ort der Erinnerung an das deutschsprachige Judentum gegründet. Der Begriff deutschsprachiges Judentum ist etwas hilflos. Es soll an die Geschichte und die großartige Kultur des mitteleuropäischen Judentums erinnern. Aber bei Stiftungsgründung wurden ausdrücklich auf Wunsch von Michael Blumenthal die Themen Migration, Diversity, Miteinander der Kulturen, Minderheiten und Mehrheiten-Fragen mit aufgenommen. Ich glaube, daher kommt im Moment das Problem. Weil es kein rein rückwärtsblickendes Museum ist, sondern auch ein Forum sein möchte. Es ist ja auch die W. Michael Blumenthal Akademie mit Tagungs- und Forums-Betrieb dabei. Das alles ist viel. Es wäre ein Wunder, wenn es nicht manchmal krachen würde.

Sie hatten im Deutschen Historischen Museum das Konzept "Aufklärung und Verständigung". Das klingt richtig schön nüchtern. Steht das auch jetzt im Zentrum?

Für mich ist das eine goldene Regel. Der Satz geht ja weiter: "Aufklärung und Verständigung über die gemeinsame Geschichte von Deutschen und Europäern". Es ist also im Grunde ein dialektisches Prinzip, ein Frageprinzip. Wir sagen nicht: hier ist unsere Mission. Sondern es geht um einen Diskurs. Aufklärung heißt ja, dass man Dinge wägt und anschaut - und dem Publikum auch die Möglichkeit lässt, eigene Wertungen zu treffen. Ich habe im Museum jetzt nicht die Rolle, zu entscheiden oder zu ordnen.

Ich bin so eine Art Parlamentär mit der weißen Fahne oder ein Punching-Ball oder ein Gesprächstherapeut. Oder ein Mittler zwischen den verschiedenen Meinungen. Der Bundesregierung in Gestalt von Frau Grütters hat sich das ausgedacht – die Rolle einer Vertrauensperson gibt es nicht, das ist nicht vorgesehen und vielleicht ist es gerade deswegen gut, weil es eine ungewöhnliche Rolle ist.

Wie politisch ist ein solches Museum? Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat sich eingemischt bei der Jerusalem-Ausstellung. Auch der Zentralrat der Juden war jetzt sehr deutlich wegen des Tweets einer Museums-Mitarbeiterin, der den Rücktritt von Museumsdirektor Schäfer zur Folge hatte.

Politisch sind alle Geschichts- und Kulturgeschichtsmuseen. Das kommt mal mehr, mal weniger raus. Das Jüdische Museum war verwöhnt, weil es durch die eindrucksvolle Figur Michael Blumenthals geschützt war. Da hat niemand gern herumgekrittelt. Nun ist das anders. Das Politische kann man aus einem Geschichtsmuseum gar nicht wegdenken. Trotzdem, und das ist ganz wichtig, muss man auch in der Kommunikation mit der Welt klarmachen, dass dies weder eine Filiale der Bundeszentrale für politische Bildung ist, noch gar Sprachrohr der Bundesregierung. Die Kultur spricht - und ein unabhängiges, selbstverständlich autonomes, Kulturinstitut spricht für sich. Es muss aber auch Kritik aushalten.

Wie sollte das Museum mit dem Nahost-Konflikt umgehen?

Ein Land, das sich seit Jahrzehnten im Kriegszustand befindet, ist weniger gelassen, was diesen Konflikt betrifft, als wir, die wir weit weg sind – und das Glück einer nationalen Einigung erlebt haben, bei der kein einziger Schuss gefallen ist. Das ist im Nahen Osten anders. Es ist ein Territorium, wo die Ideen, die Menschen, die politischen Ansprüche und die militärischen Kräfte uneins sind.

Das kann man nicht wegdenken aus dem Jüdischen Museum. Aber wenn ich einen Rat geben darf: Es kann nicht die Hauptsache sein. Es gibt viele Foren bei uns. Die Außenpolitik, das Parlament, die Zeitung, die Medien, die sich seit der Gründung Israels absolut heftig engagieren im Hinschauen, im Kommentieren. Das Jüdische Museum hat ja kein Monopol auf dieses Thema. Aber wenn es das Thema in seine Betrachtungen aufnimmt, finde ich, muss das wissenschaftlich sauber und auch im Sinne dieser Aufklärung und Verständigung geschehen. Aber ich habe nichts zu bestimmen, sondern höchstens einen Rat zu geben.

Wir haben eine sensible Gemengelage. Einerseits wächst der Antisemitismus in Deutschland besorgniserregend. Andererseits haben wir mit der Shoah eine unendliche Schuld auf uns genommen. Ist es nicht normal, dass sich die jüdischen Gemeinden oder der Zentralrat der Juden zur Wehr setzen?

Ich finde das vollkommen normal und absolut legitim. Dass sich diejenigen melden, die sich in einer Sache besser auskennen, die sensibler sind und deren Herzen nicht gleichmütig sein können, nachdem was geschehen ist – und die auch in Bezug auf Israel nicht gleichmütig sein können, weil der Staat Israel die Fluchtburg des Judentums ist. Israel ist zwar staatsrechtlich gesprochen Ausland, aber alle Bundeskanzler und die Bundeskanzlerin haben mit Recht gesagt: Die Existenz Israels gehört zur Staatsräson der Bundesrepublik. Dessen müssen sich die Ausstellungs- und Museumsmacher bewusst sein. Das heißt nicht, dass wir eine Zensurschere im Kopf haben müssen. Aber natürlich muss man hier sensibel sein.

Würden Sie vorschlagen, dass das Jüdische Museum sich noch politischer positionieren sollte?

Es kommt gar nicht darum herum, Hilfe bei der Antwort auf Grundsatzfragen zu geben. Schauen wir von der Gegenwart in die Vergangenheit: Die Frage, wie man die jüdische Geschichte Alteuropas bewertet, kann man nicht mit Meinungen beantworten. Die gigantische Kulturleistung muss man erstmal ausbreiten. Das ist, finde ich, ist zunächst die Hauptaufgabe eines Jüdischen Museums. Dass es die vielen vielen unbekannten Dinge zeigt. Es bleibt natürlich die Frage nach Israel. Man kann Israel nicht wegdenken. Israel ist nicht Kalifornien. Wie man damit umgeht, wie sehr man sozusagen auch ein Ausstellungsort wird für Gegenwartsfragen Israels – das muss man mit allergrößtem Feingefühl und wie ich finde mit allergrößter Wissenschaftlichkeit beantworten.

Der Direktor des Jüdischen Museums, Peter Schäfer, der nun gegangen ist, war ein hervorragender Wissenschaftler, ein großartiger Judaist – allerdings kein Jude. Sollte oder müsste die neue Direktorin oder Direktor jüdisch sein?

Da muss man mal ins Arbeitsrecht reinschauen. Dann glaube ich, dass man das so nicht in die Annonce hineinschreiben kann. Das Jüdische Museum ist kein sogenannter Tendenzbetrieb wie beispielsweise die katholischen Krankenhäuser. Aber ich glaube, dass das eine Frage ist, die sich von alleine lösen wird. Man wird jemanden suchen, der oder die aufs Innigste vertraut ist mit jüdischer Geschichte, Kultur, Vergangenheit und Religionsgeschichte. Inzwischen gibt es – das ist anders als vor 30 Jahren – viele jüdische Museumsleute.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Maria Ossowski. Dieser Text ist eine gekürzte Fassung. Das komplette Gespräch können Sie hören, wenn Sie auf das Abspielsymbol im oberen Bild klicken.

Sendung: Inforadio, 02.07.2019, 10:45 Uhr

Beitrag von Maria Ossowski

Kommentar

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1 Kommentar

  1. 1.

    Danke für das schöne Interview. Es zeigt; Stölzl ist eine gute Wahl in dieser schwierigen Gemengelage. Und btw. - er war ein feiner Chef im DHM!

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