Denkmal für Kaiser Wilhelm II. in Köln (Quelle: dpa/Joko).
Video: rbb24 | 17.07.2019 | Franziska Tenner, Anja Meyer | Bild: dpa/Joko

Interview | Historiker zum Hohenzollernstreit - "Wir können nicht zulassen, dass Museen geplündert werden"

Die Hohenzollern befinden sich seit Jahren in einem Rechtsstreit mit dem Bund und den Ländern. Es geht um ein Wohnrecht in Schlossanlagen und die Rückgabe von Kulturgütern. Historiker Martin Sabrow erklärt, welche Ansprüche gerechtfertigt sind.

rbb|24: Herr Sabrow, gibt es überhaupt einen begründeten Anspruch des Hauses Hohenzollern für die Forderungen?

Martin Sabrow: Es ist zu unterscheiden zwischen Immobilien und Objekten. Auf Immobilien kann die Familie keinen legitimen Anspruch machen. Der Vorstoß zu einer entschädigungslosen Fürstenenteignung per Volksentscheid ist 1926 gescheitert - und das ist auch gut so. An seine Stelle traten Einzelverträge mit den Ländern des Deutschen Reiches. Im Ergebnis der Verhandlungen 1926 mit dem Land Preußen ist ein Großteil der Immobilien, nämlich die sogenannten Lastobjekte, damals an den preußischen Staat gegangen. Ein kleinerer, aber beträchtlicher Teil, die sogenannten Renditeobjekte, blieb größtenteils im Privatbesitz der Hohenzollern. Dieser Besitz ist wiederum mit der Bodenreform ab 1945 verstaatlicht worden und im Zuge der Wiedervereinigung haben beide deutsche Teilstaaten rechtskräftig einen Restitutionsausschluss für die zwischen 1945 und 1949 in der sowjetischen Besatzungszone auf besatzungsrechtlicher oder besatzungshoheitlicher Grundlage durchgeführten Enteignungen erklärt. Insofern ist bei Immobilien die Sachlage eindeutig. Deswegen fordert der Chef des Hauses Hohenzollern auch nur eine Teilhabe im Rahmen eines Wohnrechtes. 

Die Forderungen von Prinz Georg Friedrich von Preußen gehen aber darüber hinaus.

Daneben fordert er eine geschichtspolitische Einflussnahme durch die Gründung eines Hohenzollern-Museums sowie ein Mitspracherecht in allen Ausstellungen, in denen das Haus Hohenzollern als Leihgeber auftritt. Das stellt eine Grundsatzfrage, die die öffentliche Hand nur verneinen kann, weil wir sonst über diesen Fall hinaus die Leihgabe in ein Einflussrecht verwandeln, während für die Geschichtsschreibung auch in visuller Form zu gelten hat, dass die Quellen zum Betrachter sprechen, aber sich nicht selbst interpretieren sollen.

Sind die Ansprüche gerechtfertigt?

Inwieweit der Anspruch des Hauses Hohenzollern auf die Rückgabe von Kunstwerken und Gebrauchsgegenständen mit kulturgeschichtlichem Wert berechtigt ist, muss gerichtlich geklärt werden, wenn sich keine gütliche Einigung erzielen lässt. Vor Gericht aber können alle Seiten nur verlieren. Deswegen muss der Appell lauten: Zurück an den Verhandlungstisch! Die Hohenzollern geben an, nicht so sehr an einer marktwirtschaftlichen, sondern vor allem an einer geschichtskulturell förderlichen Lösung interessiert zu sein. Sie wollen nach eigenem Bekunden die Auseinandersetzung mit dem Erbe der Hohenzollern durchaus stärken und die historische Rolle des preußischen Königshaus nicht etwa aus der öffentlichen Betrachtung zurückdrängen. Das wäre auch ein seltsames Vorhaben. Insofern sind die Voraussetzungen für einen Vergleich immer noch gegeben. Die öffentliche Hand und die beteiligten Stiftungen haben freilich in den seit fünf Jahren laufenden Verhandlung zurückhaltend auf die von Prinz Georg Friedrich geltend gemachten Restitutionsforderungen reagiert. Das mussten sie auch. Wir können im öffentlichen Interesse nicht zulassen, dass die von Bundesmitteln getragenen Museen und Schlösser geplündert werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dies dem Chef des Hauses Hohenzollern nicht klar ist. Der jetzige, in seiner Härte überraschende Vorstoß des Hauses Hohenzollern, zielt vermutlich eher darauf, die eigene Verhandlungsposition zu stärken und nicht darauf, sich in einem streitigen Verfahren durchzusetzen. 

Können Schlösser und Kulturgegenstände überhaupt zurückgegeben werden?

In Bezug auf Immobilien nicht, in Bezug auf das bewegliche Gut grundsätzlich schon. Zwar gibt es ein öffentliches Interesse an dessen Bewahrung, aber damit sind privatrechtliche Ansprüche nicht grundsätzlich ebenso ausgeschlossen. Tatsächlich ist das Kulturgut, das etwa im kriegsbeschädigten und dann abgetragenen Schloss Monbijou lag und in der Kriegszeit ausgelagert wurde, teils durch die Rote Armee beschlagnahmt und 1958 zurückgegeben, teils in den Wirren der Nachkriegszeit verstreut worden. Soweit sie 1958 der DDR zurückgegeben oder anderweitig wieder in staatlichen Besitz gelangt sind, müssen die Besitzrechte verhandelt werden und können nicht summarisch zugeteilt werden. Die Abwägung von Restitutionsansprüchen und legitimen Erwerbsrechten ist nie einfach, wie sich in den langwierigen Auseinandersetzungen über die Rückgabe von NS-Raubkunst oder im Umgang mit kolonialen Erwerbungen immer wieder zeigt. Es ist in der Tat eine Abwägungssache zwischen unterschiedlichen rechtlichen und historisch gefestigten Ansprüchen. Sie verlangt Zeit, Dialogbereitschaft und Sensibilität im Umgang mit Fragen, die sich weder moralisch noch rechtlich eindeutig entscheiden lassen.  

Wie schätzen Sie die Erfolgschancen für die Hohenzollern bei einem Verfahren ein?

Vor Gericht und auf hoher See ist man bekanntlich in Gottes Hand. Niemand kann gegenwärtig den Ausgang eines möglichen Verfahrens zuverlässig prognostizieren. Wir alle, auch die Hohenzollern, sollten die gerichtliche Auseinandersetzung fürchten. Es würde alle Seiten der Lächerlichkeit preisgeben, wenn eine abgeschaffte Monarchie, deren revolutionäre Entmachtung wir gerade mit viel Pomp und Freude gefeiert haben, sich einhundert Jahre später mit ihren republikanischen Nachfolgern öffentlich um die Erbrechte duelliert. Das Scheitern eines gütlichen Ausgleichs würde der deutschen Kulturpolitik ein schlechtes Zeugnis ausstellen. Der Vorwurf des Raffgeistes würde einen Schatten auf die Ehre des Hauses Hohenzollern werfen, das sich mit seinem früheren Chef, Louis Ferdinand, so erfolgreich der Wertewelt der Demokratie assimiliert hatte. 

Demnach besteht aber ein historisch begründeter Anspruch der Hohenzollern?

Das lässt sich nur von Einzelfall zu Einzelfall entscheiden. Wir haben das bei den vor einem Jahr im Neuen Palais in Potsdam gefundenen Briefen von Kaiserin Auguste Viktoria gesehen, bei denen die Eigentumsverhältnisse bis heute kontrovers diskutiert werden. Es reicht nicht, zu behaupten, die Briefe gehörten dem Staat wie ein mittelalterlicher Münzfund auf privatem Ackerland, nur weil sie von nationaler Bedeutung seien. Damit würden wir einer Rechtsauffassung beipflichten, wie sie in den Diktaturen des 20. Jahrhunderts durchgesetzt wurde, aber eines Rechtsstaates unwürdig wäre. Die Güterabwägung ist wie in anderen Fällen viel komplexer: Gehören die Briefe der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, weil sie in ihrem Hoheitsbereich gefunden wurden? Vermutlich ja. Aber nach der Revolution von 1918/19 war der Familie gestattet worden, ihren privaten Besitz aus dem Neuen Palais heraus und mit ins Exil zu nehmen. Erlosch dieses Recht wie vereinbart 1921, oder hatte es weiterhin Bestand, weil die Existenz dieses Briefkonvoluts bis 1921 noch gar nicht bekannt war?

Inwiefern ist der bestehende Vertrag von 1926 denn überhaupt noch aussage- oder rechtskräftig?

Er ist durch die Nachkriegsereignisse besatzungsrechtlich ergänzt und überformt worden. Darüber hinaus ist neben den von der Roten Armee mitgenommenen und 1958 in die DDR zurückgekehrten Stücken ja noch mehr im Spiel, das später auf andere Weise in die staatliche Obhut gelangt ist. Die streitig gestellten Objekte, nicht die außerhalb der Diskussion stehenden Schlösser, sollten wie in anderen Restitutionskomplexen einer dazu eingesetzten Kommission zur Bewertung anhand der üblichen Kriterien wie Provenienzgeschichte, Rechtsansprüche und Kulturwert überantwortet werden.  

Was halten Sie von der Idee ein Hohenzollern-Museum einzurichten, bei dem die Familie mitreden darf?

Diese an das frühere Hohenzollern-Museum in Schloss Monbijou angelehnte Initiative verdient höflichen Dank, aber keine museale Umsetzung. Es ist zu begrüßen, dass das Haus Hohenzollern sein Interesse daran bekundet, die deutsche und die preußische Vergangenheit so aussagekräftig und anschaulich wie möglich auszustellen. Aber die Entscheidung, was ausgestellt wird, wie es präsentiert wird und welchen Erzählweisen es Ausdruck verleiht, können und werden nicht die Nachfahren der Hohenzollern treffen und darf sich keinen identitätspolitischen Erwägungen und Einsprüchen unterwerfen. In Schloss Sanssouci muss dasselbe gelten wie im Deutschen Historischen Museum, der Gedenkstätte Deutscher Widerstand oder den Mahn- und Gedenkstätten der nationalsozialistischen Verfolgung: Die Verantwortung für das in ihnen präsentierte Geschichtsbild liegt bei den Direktoren und Kuratoren dieser Häuser und nicht bei ihren staatlichen Mittelgebern und schon gar nicht bei ihren Leihgebern.

Sollten einige Stücke in den Privatbesitz des Hauses Hohenzollern zurückgehen: Werden diese dann ausgestellt, verkauft oder gar privat genutzt? 

Eine private Nutzung kommt wohl am wenigsten in Frage. Daher bleiben nur die Kapitalisierung oder die Präsentierung. Ich nehme an, dass im Restitutionsstreit des Hohenzollernbesitzes doch das geschichtskulturelle Interesse überwiegt, auch wenn Argumentation und Handeln des Hauses Hohenzollern doch manchmal sehr marktwirtschaftlich wirken. 

Das Interview führte Lisa Schwesig für rbb|24.

Kommentar

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Antwort auf [Helmut Krüger] vom 19.07.2019 um 21:15
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11 Kommentare

  1. 10.

    Ihr Zitat kann ich in dem hiesigen Text nicht entdecken. - War das eine Sendeankündigung?

    Martin Sabrows Wortlaut war das jedenfalls nicht Er sprach zwar auch von "Prinz Georg Friedrich", dies aber nur, weil "Georg Friedrich Prinz" sich seltsam angehört hätte. Sabrow sprach ja die ganze Zeit von und über die Hohenzollern und es wäre langatmig gewesen, den Namen hier nochmals zu erwähnen. Deshalb eben die Kurzfurm "Prinz Georg Friedrich". Oder haben Sie eine bessere?

  2. 9.

    Lieber rbb so geht das nicht: „Die Forderungen von Prinz Georg Friedrich von Preußen gehen aber darüber hinaus.“. Der Adelstitel wurde abgeschafft und wurde Teil des Namens. Der Mensch ist kein Prinz. Aber wenn selbst die Medien noch so denken, dann gute Nacht Deutschland. Kleine Korrektur wäre fällig lieber rbb.

  3. 7.

    Ick bin der Kaiser von Friedrichshain.
    Per Dekret sei allen Späti´s erlaubt am Sonntag zu öffnen.

  4. 6.

    Jetzt können wir entscheiden wie weit zurück die Reise gehen darf. Ins Bernd Höcke Reich oder bis zu Kaiser Wilhelm. Vielleicht probieren wir’s mal mit einem Bauernkrieg?

  5. 5.

    Ja, ich hätte auch gern unser 215-Hektar-Gut bei Königsberg zurück. Gibt's aber nicht. Fertig. Wir sind hier schließlich nicht bei Wünsch Dir was.

  6. 4.

    Also mittlerweile ist man nur noch auf See in Gottes Hand, vor Gericht schon lange nicht mehr, um Herrn Sabrow zu korrigieren.
    Und was die Familien Hohenzollern betrifft, kann man nur mit dem Kopf schütteln.

  7. 3.

    Wenn wir über Randbebauung Volksentscheiden sollen, dann doch einfach auch über Kaisers:
    - sollen wir den preussischen Schnippechnorres aus Museen zurück geben? (gefühlte Antwort: ja bitte)
    - sollen Kaisers noch andere Ansprüche durchsetzen können? (sichere Antwort: nein)

  8. 2.

    Schon allein der Gedanke etwas diesen Nachfahren von Kriegsverbrechern etwas von dem zurück zu geben was diese dem Volke abgenommen haben ist schon schwer zu ertragen . Das hier eine Verjährung oder ähnliche Instrumente nicht(?) greifen, ist schon absurd.

  9. 1.

    Der Herr heißt Georg Friedrich Prinz von Preußen, nicht Prinz Georg... Auch wenn er sich selbst gern so nennen mag. Es gibt keine Prinzen mehr in Deutschland.

    Es gibt auch kein "Haus Hohenzollern" mehr, bestenfalls eine Familie Hohenzollern.

    Alles scheinbar kleine aber wesentliche Unterschiede.

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