Matthias Schulz inmitten der Staatsoper unter den Linden (Quelle: imago/Thilo Rückeis).
Audio: Inforadio | 12.07.2019 | Maria Ossowski | Bild: imago/Thilo Rückeis

Interview | Intendant der Berliner Staatsoper - "Ich hoffe, dass die Diskussionen bleiben"

Seit rund einem Jahr leitet Matthias Schulz die Staatsoper Unter den Linden. Der Vater von fünf Kindern hat ein Opernhaus übernommen, in dem es hin und wieder gewaltig kriselte. Ein Gespräch über Turbulenzen, Klangkulturen und ein Jubiläum der besonderen Art.  

rbb: Herr Schulz, Sie sind seit drei Jahren an der Staatsoper, seit einem Jahr ihr Intendant. Langweilig dürfte es Ihnen nicht geworden sein. Sie mussten einen Umzug stemmen, Technikprobleme managen und einiges mehr. Haben Sie Sehnsucht nach Salzburg?

Matthias Schulz: Ich kann bestätigen, dass es alles andere als langweilig war. Aber ich wusste auch vorher, dass das hier eine große Sache ist. Und ich muss sagen: Jetzt hier in Berlin zu sein, finde ich toll. Ich bin nach wie vor voll motiviert.

Als Intendant standen Sie bereits voll im Sturm: Da war einmal die Affäre um Daniel Barenboim, aber es gab auch Kritik an ihren Produktionen, etwa "Die Zauberflöte" oder "Rigoletto". Haben Sie das erwartet?

Wir sind in ein Haus gekommen, das zu 85 Prozent fertiggestellt war. Bis zur Premiere von "Babylon" im Frühjahr ist vieles zum ersten Mal geschehen: Wir haben bei "Medea" erstmals die Drehscheibe, bei "Babylon" die Podien und bei der "Zauberflöte" die Flugsysteme verwendet. Das war eine enorme Herausforderung. Es hat viele Kinderkrankheiten offenbart. Häufig haben wir von Tag zu Tag und an das schlichte Bewältigen gedacht. Bei all diesen unterschiedlichen Premieren haben wir etwa gelernt, mit dem Raum akustisch noch besser umzugehen.

Wir haben aber auch künstlerisch viel riskiert und ausprobiert. Ich bin sehr glücklich, dass wir das in dieser Form überhaupt zeigen und diese Kraft entwickeln konnten. Wir hatten auch viel neues Publikum - gerade bei der "Zauberflöte" oder "Hippolyte". Diese Reibungen sind gut. Was den Zuspruch betrifft, läuft der Laden. Ich bin mir sicher, dass wir in den nächsten Jahren künstlerisch noch genauso viel erleben werden. Ich hoffe, dass die Diskussionen bleiben, denn anders wäre es auch langweilig.

Barenboims Stelle als Generalmusikdirektor wurde verlängert, obwohl Musiker ihm vorwarfen, sie schlecht zu behandeln. Gibt es eine Art Mediation zwischen Orchester und Dirigent?

Zunächst einmal sind wir froh, dass diese Situation geklärt ist. Wir haben uns sehr intensiv damit auseinandergesetzt und werden gemeinsam mit allen Beteiligten weiterhin an einer wunderbaren Unternehmenskultur arbeiten. Wir haben uns noch einmal bewusst gemacht, was man an Daniel Barenboim hat. Alles Weitere wird zwischen ihm und dem Orchester geklärt.

In der kommenden Saison habe ich zwei Namen gefunden, die sehr berühmt sind - allerdings nicht als Opernregisseure. Zum einen den Künstler André Heller, der den "Rosenkavalier" inszenieren wird, und zum anderen den Filmemacher Damián Szifron mit "Samson et Dalila". Muss man für eine Opernregie nicht richtig ausgebildet sein oder kann das jeder aus einem künstlerischen Bereich?

Wenn man solche Regisseure engagiert, braucht es mehr Begleitung und mehr Zeit. Man muss das richtige Team drumherum bauen, das bei der Übersetzung in die Opernsprache hilft. Im Fall von Szifron ist das zum Beispiel der Bühnenbildner Étienne Pluss. Und André Heller hat sich einen Regiemitarbeiter geholt, der "Den Rosenkavalier" schon sehr oft betreut hat. Das sind natürlich Experimente, in denen viel Risiko steckt, aber das ist nunmal Oper.

Die Staatsoper ist mit einem Jahresetat von rund 70 Millionen das am besten alimentierte Haus in der Metropole. Abgesehen von den zehn Millionen vom Bund ist die Stadt Berlin verantwortlich. Immer wieder hört man von Bemühungen, dass die Staatsoper beim Bund unterschlüpfen will. Wie ist der aktuelle Stand?

Aufgrund des preußischen Erbes der Staatsoper, die vor 275 Jahren gegründet wurde, könnte man da durchaus Argumente finden. Aber beim Bund unterzuschlüpfen, ist im Moment erstmal kein Thema. 

Nächstes Jahr ist mal wieder ein musikalisches Jubiläumsjahr: Neben dem 250. Geburtstag von Beethoven feiern Sie auch den 450. der Staatskapelle!

Das muss man sich wirklich mal auf der Zunge zergehen lassen: Hier ist ein Orchester, das 450 Jahre alt wird. Obwohl Berlin damals noch ein Dorf war, gibt es Dokumente, die das nachweisen. Die Staatskapelle gilt ja immer noch ein bisschen als das bestgehütete Geheimnis der klassischen Musikwelt.  

Warum?

Die Staatskapelle hat einfach so eine tolle Klangkultur, eine unglaubliche Kultur des Zusammenspiels. Sie spielt das Kernrepertoire ganz wunderbar, hat aber auch immer Zeitgenössisches und Unkonventionelles dabei. Man hat ein bisschen das Gefühl, das müsste noch bekannter sein.

Sie selbst sind auch Pianist: Beschreiben Sie uns doch mal den Klang der Staatskapelle!

Ich empfinde diesen Klang als sehr warm, sehr rund, auch etwas dunkler. Dieses Orchester lässt diesen vollen Klang zu, es kann unglaublich dicht spielen. Jeder einzelne Ton hat ein Leben, nichts ist leblos oder clean, sondern das Gegenteil davon. Dass man jeden einzelnen Ton genießen kann, ist schon etwas sehr Besonderes bei der Staatskapelle.

Beim Jubiläum wird Daniel Barenboim alle neun Beethoven-Sinfonien dirigieren. Er spielt auch alle Sonaten, dirigiert "Die lustigen Weiber von Windsor", "Samson et Dalila" und "Così fan tutte". Haben Sie als Intendant eigentlich so eine Art Fürsorgepflicht für ihren Generalmusikdirektor? Man hat ihn ja noch nicht geklont. 

Es ist unglaublich, was er da leistet. Er führte schon immer mehrere Leben gleichzeitig. Seine Energie ist unvergleichlich. Es gibt schon Momente, wo man darüber diskutiert. Aber da ist er Gott sei Dank unbelehrbar.

Sir Simon Rattle, der ehemalige Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, wird auch bei Ihnen im Haus dirigieren!

Darüber freue ich mich sehr. Er wird weiterhin in Berlin leben, und man merkt wie ihn Oper bewegt. Er wird auch in den nächsten Jahren einiges machen, etwa "Idomeneo", das ist ein bisschen ein Leib und Magen Stück von ihm.

Und es wird einen Schwerpunkt geben, nämlich den Da-Ponte-Zyklus. Lorenzo Da Ponte war der Librettist von Mozart. Wie sind Sie darauf gekommen?

Der Grundakkord der Staatsoper ist eigentlich "Verdi-Wagner-Strauss". Es war aber auffällig, dass Mozart in den letzten Jahren kaum im Spielprogramm war. Nicht nur an der Staatsoper, sondern auch an den anderen Häusern. Da gibt es schon einen gewissen Nachholbedarf. Ich darf auch schon mal verraten, dass wir uns in Richtung Barocktage 2020 ganz frühen Bühnenwerk von Mozart widmen wollen. 

Sie sind Pianist und Vater von fünf Kindern. Wie viel Zeit bleibt Ihnen noch für das Klavierspielen?

Ich spiele tatsächlich jede Woche Klavier, aber gerade in dieser Anfangsphase, wo ich hier so präsent sein musste, zu wenig, eindeutig zu wenig.

Bleibt bei Ihrem Job noch Zeit für die Kinder?

Es heißt halt immer früh aufstehen. Ich sehe sie schon täglich, auch wenn das ist mit so einem Beruf nicht ganz einfach zu vereinbaren ist. Aber das bekommen wir schon hin.

Vielen Dank für das Gespräch. 

Das Interview führte Maria Ossowski für Inforadio. Der Text ist eine redigierte und gekürzte Fassung. Das ganze Interview können Sie hören, wenn Sie auf das Abspielsymbol im oberen Bild klicken.

Sendung: Inforadio, 12.07.2019, 12 Uhr

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