Archivbild: Reggie Watts bei einem Auftritt in Manchester. (Quelle: dpa/Amy Harris)
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Audio: Inforadio | 05.07.2019 | Daniel Claus | Bild: dpa/Amy Harris

Kritik | Comedian Reggie Watts im Astra - Improvisation wie aus dem Lehrbuch

Der Musiker und Comedian Reggie Watts im Astra Berlin: Die gesamte Choreographie ist spontan auf der Bühne entstanden, hat das Publikum ohne Unterbrechung lachen lassen - und nicht nur Daniel Claus fasziniert.

Ein Hauch von Fashion Week liegt an diesem Abend im Innenhof des Astra in der Luft. Zwischen dem Currywurst- und Getränkestand wird sich fast ausschließlich auf Englisch unterhalten. Bis auf wenige Ausnahmen ist das Publikum Anfang dreißig und auffällig gut gekleidet. Ganz unscheinbar dagegen kommt Reggie Watts im weißen T-Shirt mit hochgebundenen Haaren auf die Bühne.

Nüchtern und selbstverständlich hält er eine Begrüßungsrede aus ausgedachten Worten, die sich wie Spanisch oder Portugiesisch anhören. Niemand versteht ein Wort, doch der ganze Saal lacht sofort. Er hat echte Fans vor sich, niemand zweifelt auch nur eine Sekunde an der Ironie oder versucht, einen Sinn zu erkennen.

Watts wechselt ins Englische und verspricht für den Abend, Musik mit kulturellen Einflüssen aus der Region zu spielen. Außerdem wolle er litauische Musik vorführen und gibt dabei zu bedenken, dass sie aber traditionell die leiseste Musik der Welt sei. Wieder vermutet niemand einen Sinn oder Inhalt hinter seinen Worten, der Saal lacht über jeden Satz. Dies wird sich in über zwei Stunden auch nicht ändern, Reggie Watts hat sein Publikum mit seiner One-Man-Show im Griff.

Es sind erst Minuten vergangen, da verschluckt sich im Publikum ein Mann vor Lachen an seinem Bier, ringt laut nach Luft und bekommt einen Hustenanfall. Niemand kann es ihm verübeln.

Archivbild: Reggie Watts in der <<Baroness von Sketch Show>>. (Quelle: dpa/Erin Simkin)
Reggie Watts bei einem Fernseh-Auftritt. | Bild: dpa/Erin Simkin

Reggie hat sein Publikum im Griff

Neben seinem kleinen Keyboard ist auf der Bühne auf einem zweiten, kleinen Pult eine Loop-Station aufgebaut: Mit einem Mikrofon kann er Gesang und Beatbox-Geräusche aufnehmen und in Endlosschleife abspielen lassen. So singt und mischt er live auf der Bühne viele verschiedene Spuren zusammen, aus denen vor den Augen und Ohren der Zuschauer ein Song entsteht.

Textlich bleibt Reggie Watts dabei immer bei zusammenhanglosen Worten oder einer Fantasiesprache. Der in Stuttgart geborene Amerikaner säuselt immer wieder einzelne Brocken Deutsch wie zum Beispiel "wunderbar" ins Mikro und lässt das Publikum damit aufschreien.

Doch die Musik ist an diesem Abend nur ein kleiner Teil der Kunst. Reggie Watts ist auf der Bühne viel mehr ein Clown oder ein leidenschaftlicher Pantomime. Hält das Publikum auch nur für einen Moment die Luft an, wippt gerade mit der Musik mit oder genießt einen Akkord, zieht er für den Bruchteil einer Sekunde eine Grimasse. Die Stimmung im Saal bricht sofort und schlägt in Lachen um. Reggie Watts hat sein Publikum mit seiner selbstverständlichen und unbemühten Art im Griff.

Trotz der Musik hat diese voll improvisierte Comedy Show wenig mit einem Konzert zu tun. Allein zwanzig Minuten spricht er über die Berliner Techno-Szene und rot gestrichene Ferienhäuser in Norwegen. Am Anfang wirkt die Musik dazwischen noch wie eine Unterbrechung der Comedy, das Publikum wird schnell ungeduldig und vermisst die Lacher. Doch Watts spürt das und liefert sie einfach im Song. Trotzdem kann sich am Ende der ganze Saal minutenlang in der Musik verlieren, als er nur mit seinem Mund und einem Mikrofon die Wände des Astras mit einer Beatbox-Techno-Improvisation zum Beben bringt.

Zwei Stunden Eingebungen

Zwei Stunden lang konfrontiert Reggie Watts sein Publikum ungefiltert mit allen Eingebungen, die sein kreativer Geist im Sekundentakt produziert. Manchmal ist er davon genau so überrascht wie sein Publikum und muss lachen. Doch zwischen Flachwitzen und ironischer Gesellschaftskritik schmettert er dann wieder selbstverständlich Gesangseinlagen ins Mikro, für die einige Pop- und Soulsänger ihn beneiden würden. Es war eine einzigartige Show. Und das bei weitem nicht nur, weil sie seine Einzige in diesem Jahr in Deutschland war.

Beitrag von Daniel Claus

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2 Kommentare

  1. 1.

    Ich bin mir ziemlich sicher, dass mit den Red Cabins in Norwegen keine Toilettenhäuschen gemeint waren, sondern die Ferienhäuser....

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