Beth Ditto bei Rock am Ring (Quelle: Imago/Daniel Reinelt)
Bild: imago/ Daniel Reinelt

Konzertkritik | Gossip im Tempodrom - Gossip sorgen für schweißtreibende Retro-Party

Zum zehnjährigen Jubiläum ihrer Erfolgsplatte "Music for Men" geht die frisch wiedervereinte US-Indie-Band Gossip noch mal auf Tour. Frontfrau Beth Ditto ist beim Berliner Gig sichtlich angeschlagen. Das Tempodrom bringt sie trotzdem zum Tanzen. Von Thomas Blecha

 

Schon die Bühne macht klar, um was es an diesem Abend geht: Statt dicken Screens und exorbitanter Lichttechnik thront dort einfach eine überdimensionierte Reproduktion des Album-Artworks von "Music for Men". Die Platte, die das queere Indie-Dancepunk-Trio aus Portland vor zehn Jahren in den Pop-Olymp katapultierte. Auf dem Cover zu sehen ist die junge, androgyne Schlagzeugerin Hannah Blilie, mit Lippenpiercing und hübsch mit Regenbogenfarben gesprenkelt.

Doch das soll nicht darüber hinwegtäuschen, wer im Zentrum dieser Band steht: Frontfrau Beth Ditto betritt kurz nach 21:00 Uhr mit einem fröhlichen "Wie geht’s, Berlin?" die Bühne und legt mit "Pop Goes the World“ von eben jenem Album den Auftakt für eine knapp anderthalbstündige Gossip-Retrospektive. 

Lieber scheiße fühlen als scheiße aussehen

Alle Augen und Smartphones sind auf Beth Ditto im Glitzerkleid gerichtet. Nach jedem Song legt sie erst einmal ein Päuschen ein, um sich das Gesicht mit einem Handtuch abzuwischen und ihren Fans witzige Anekdoten zu erzählen. Ihre Band schaut sich das gelassen an und konzentriert sich ansonsten auf ihre Instrumente. Neben Gitarrist Nathan "Brace Paine" Howdeshell und erwähnter Hannah Blilie am Schlagzeug wird Ditto von Bassgitarrist Christopher Sutton und Keyboarder Gregg Foreman auf der Tour unterstützt.

Mit den Hits lassen sich Gossip unterdessen Zeit. Erst in der Mitte des Sets bringen sie mit "Yr Mangled Heart" ihr Publikum im Tempodrom zum ersten Mal so richtig ins Schwitzen. Leider versagt Beth Ditto dabei mehrmals die Stimme, was sie mit Grimassen quittiert und kurz im Anschluss zu der Erklärung veranlasst, es gehe ihr heute nicht so gut. Aber hey, sie fühle sich lieber scheiße, als dass sie scheiße aussieht, ruft Ditto sarkastisch.

Nicht wenige entledigen sich ihrer Shirts

Doch ihre mit gealterten Fans sind sowieso milde gestimmt. Sie feiern jedes noch so schräge Oooooh und Nananana ihrer Ikone, die dieses Mal nicht halbnackt auf Lautsprecherboxen steigen mag, sondern eher gemäßigt über die Bühne tippelt. Die Freude darüber, dass sich Gossip nach der Trennung 2016 in diesem Jahr noch einmal zu einer Reunion-Tour zusammengerauft haben, überwiegt einfach.

Entertainerin Ditto winkt unterdessen in die Ränge und sammelt brav die ihr gereichten Geschenke ein – etwa eine "Dream big, never give up"-Tragetasche oder ein selbstgemaltes Bandporträt. Nach einer Stunde kündigt sie den letzten Song an: den Indie-Stampfer "Standing In The Way Of Control", den Ditto damals aus Protest gegen Präsident Bush geschrieben hatte, der mit einem Gesetzesentwurf die Homoehe in den USA verhindern wollte. Heute gilt der Song als eine Art LGBT-Hymne und wird immer noch in jedem anständigen queeren Club in Berlin rauf und runter gespielt. Und auch im mittlerweile völlig aufgeheizten Tempodrom werfen viele springend ihre Arme in die Luft, nicht wenige entledigen sich ihrer Shirts.

Gefühlsdusel und Partymodus

Bei der ersten Zugabe verwandelt die nun in ein frisches schwarzes Kleid geworfene Ditto die George-Michael-Schnulze "Careless Whisper" in eine schmissige Punkrock-Nummer. Anschließend wird sie noch einmal persönlich: Sie, die als Lesbe im konservativen Arkansas aufgewachsen ist und für ihr Aussehen oft gehänselt wurde, die damals nie Geld, geschweige denn eine Krankenversicherung hatte, bedankt sich aufrichtig bei ihren Fans für die Unterstützung in den vergangenen 20 Jahren.

Und bevor alle zu gefühlsduselig werden und ihnen dämmert, dass sie hier Gossip das letzte Mal live gesehen haben könnten, geht die Band noch einmal in den Partymodus. Zum Schluss spielen sie ihren Überhit "Heavy Cross" [instagram.com], der vor zehn Jahren zu einem der erfolgreichsten Songs in den deutschen Single-Charts überhaupt avancierte. Dass Beth Ditto da überhaupt nicht mehr versucht, die hohen Töne zu treffen oder das Tempo zu halten, ist zu diesem Zeitpunkt wirklich jedem herzlich egal.

Beitrag von Thomas Blecha

Kommentar

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10 Kommentare

  1. 10.

    Nun, von Metallica redet man schon über 35 Jahre. Ob von Beth Ditto und ihrer Gruppe in fünf, zehn Jahren noch jemand redet?
    Beinahe wäre sie ja jetzt schon in Vergessenheit geraten.

  2. 5.

    Wie bedeutungslos - wo bleibt die Rezension des Metallica-Konzert im Olympiastadion von 50.000 musikbegeisterten Fans?

  3. 4.

    Die Vorband hieß "Meggie Brown". Nach dem Konzert konnte man sie auch am Merch-Stand treffen.

  4. 3.

    In Berlin war Meggie Brown Support :)
    Konzert war super trotz angeschlagener Beth :) sehr sympathisch.

  5. 1.

    Liebe rbb Redaktion, danke für die ausführliche Konzert Kritik. Ich war am Freitag im Köln dabei und auch da hatte Beth schon Probleme mit ihrer Stimme, was aber der Stimmung keinen Abbruch tat. Könntet ihr vielleicht den Namen der Vorband ergänzen oder in den Kommentaren veröffentlichen? Ich fand die super, aber nirgends kriege ich raus wer das eigentlich war. Danke!

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