The Beach Boys stehen am 18.06.2019 bei einem Konzert der One Night all the Hits Tour 2019 in der Swiss Life Hall in Hannover auf der Bühne. (Bild: imago/Ulrich Stamm)
Audio: Inforadio | 17.07.2019 | Bruno Dietel | Bild: imago/Ulrich Stamm

Konzertkritik | Beach Boys in Berlin - Noch einmal wie 20 fühlen

Sonne, Strand, Surfen: Die Beach Boys haben vor 50 Jahren den Sound dazu erfunden. Am Dienstag hat die Band in Berlin zunächst wenig Strandgefühl aufkommen lassen. Am Ende haben die Urgesteine dann aber doch noch ordentlich eingeheizt. Von Bruno Dietel

Das Eventquartier am Ostbahnhof versprüht den Charme einer amerikanischen Shoppingmall und die bestuhlte Verti Music Hall wirkt eher wie eine überdimensionierte Mehrzweckhalle am Berliner Stadtrand. Und ausgerechnet hier soll Beach Boys-Strandatmosphäre aufkommen?

Der Abend beginnt mit einer Videozeitreise durch ihre jahrzehntelange Karriere: Privatjets, viele junge Frauen und breite Luxusautos. Als die neunköpfige Band dann die Bühne betritt, setzt Sänger Mike Love schon beim ersten Song kurz aus. Seine Stimme ist brüchig und wirkt kraftlos. Vor ihm ist offenbar ein Teleprompter mit den Songtexten aufgebaut. Er ist immerhin 78 und schon etwas wackelig auf den Beinen. Es driftet ganz kurz gefährlich Richtung Karaoke-Show mit großer Begleitband ab. Da hilft auch die Kulisse aus künstlichen Palmen und Surfbrettern nicht weiter.

Souverän gealtert

Die Wendung kommt nach etwa einer halben Stunde: Sänger Love ruft zum Einschalten der Smartphone-Lampen auf. Die Ballade "Disney Girls" wird von einem Lichtermeer aus digitalen Feuerzeugen begleitet. "Wenn Sie nicht wissen, wie das mit den Handylampen geht, fragen Sie doch jüngere Leute neben sich", witzelt er. Spätestens da fängt das Eis zu schmelzen an, die Distanz zum Publikum ist aufgelöst.

Hier stehen lebende Musiklegenden auf der Bühne, die beiden Beach Boys-Urgesteine Mike Love und Bruce Johnston strahlen eine ganz besondere Aura aus, die betongraue Konzerthalle ist vergessen. Mike Love erzählt von einem "Album von 1872, ach nee 1972" – wieder dieser selbstironische Humor, dieses souveräne und lockere Spiel mit dem eigenen Altern. Einem Alter, was zumindest Bruce Johnston stimmlich nicht anzumerken ist: Er singt voller Intensität und Klarheit. Auch in den leisen Momenten ist seine Stimme kräftig und klar.

Beatles-Tribute und A Capella-Chöre

Nach gut einer Stunde legen die Beach Boys eine Pause ein. Die gut 2.000 Menschen setzen sich danach aber nicht mehr hin, es gibt auch keinen Grund: Wilde Saxophon-, Querflöten- und Mundharmonika-Soli, Tributsongs von und für George Harrison und Videoaufnahmen der gemeinsamen Zeit mit den Beatles in Indien. Die beiden Bühnenältesten Mike und Bruce liefern eine kurze, verspielte Choreografie zu "Kokomo" ab und dann wird noch ein vierstimmiger A Capella-Chor draufgelegt.

Ein bewunderndes "Wie machen die das bloß?"-Kopfschütteln geht durch die Reihen. Die Band spielt sich in Ekstase und will gar nicht mehr aufhören: Sie spielen weit mehr als 30 Songs. Nach zweieinhalb Stunden ist auch das Publikum langsam erschöpft, alle großen Hits sind gespielt. Am Bühnenrand gibt Mike Love direkt nach der Show Autogramme, unterschreibt Platten und T-Shirts. An diesem Abend konnten sich einige im Publikum und auf der Bühne nochmal wie 20 fühlen.

Sendung: Inforadio, 17.07.2019, 7 Uhr

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2 Kommentare

  1. 2.

    Schade das ich dieses Konzert verpasst habe. Ich habe die Beach Boys von vielen Jahren mal in der Berliner Waldbühne erleben dürfen - bei strömendem Regen. Egal, das Konzert war schon damals grandios.

    Respekt vor 30 Songs, 2,5 h Spielzeit und dann noch Autogramme an der Bühne. Fanarbeit par excellence.

    Ansonsten gebe ich @Matthias recht. Mir gehen diese weinerlichen Vertreter der Genration Schneeflocke mächtig auf den Keks. Von denen werden wir vermutlich in 5 Jahren nichts mehr hören.

  2. 1.

    Respekt den Beachboys :-)
    Tja - ich bin gespannt, ob solche vergleichbaren Auftritte von den heutigen "Singer-Songwritern" (ich hasse diesen Ausdruck für musikunterlegtes Geschwafel von Seelendoktoren) in diversen Jahren kommen oder ob die dann bereits im musikalischen Nirvana untergegangen sind.
    Die Halbwertzeit schwindet gefühlt immer schneller.
    Das einzige aus der alten Neuzeit sind Fanta4 - gibts danach noch was/wen? Wäre interessiert, wer wen so kennt.

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