Sängerin Christina Aguilera und Backgroundsänger während eines Konzertes (Quelle: dpa/Joe Russo/Invision vias AP)
Bild: dpa/Joe Russo/Invision vias AP

Konzertkritik | Christina Aguilera - Grandiose Stimme, zu selten gehört

Christina Aguilera zählte zu den ganz Großen im Pop - dann legte sie eine zwölfjährige Tourpause sein. In der Mercedes-Benz-Arena feierte Aguilera nun ihr Berlin-Comeback. Tim Schultheiss erlebte ein dürftige Show, eine grandiose Stimme - und viel Playback.

Wer geht eigentlich zu Christina Aguilera? Diese Frage habe ich mir vor dem Konzert gestellt - Bestimmt die Teenies von damals, die jetzt keine mehr sind.

In der dreiviertel-vollen Halle am Ostbahnhof bestätigt sich mein Schubladendenken. Ich sehe fast nur Frauen mit ihren besten Freundinnen, im besten Alter und mit bester Laune. Zusammen mit ein paar Boyfriends gehöre ich zur seltenen Spezies des männlichen Konzertgastes bei Christina Aguilera.

Fast spärlich sieht das alles aus: Leinwände, die Bühne mit Treppe, eine Band bestehend aus vier Musikern, drei Backgroundsänger*innen und eine Handvoll Tänzer – mehr braucht Christina offenbar nicht. Braucht sie leider doch, werde ich später merken.

Backgroundgesang, Playbackgesang - und ein bißchen Livegesang

Das Gute: Ihre Stimme ist phänomenal, damals schon und heute immer noch. Einmal zu erleben, wie Aguilera "Beautiful" haucht, live und ganz gefühlvoll, das ist ein Erlebnis. Mehr davon, bitte! Gibt's aber nicht. Wir kommen zu selten in den Genuss, diese Stimme live zu hören. Denn der Schwall von Backgroundsängern und Playbackgesang reißt an diesem Abend nicht ab. Christina Aguilera trägt ihr Live-Mikrofon als Option mit sich herum, nach dem Motto: "Hast du gerade Luft, dann sing ruhig mal rein. Aber denk dran, es folgen noch 16 weitere Shows."

Dann muss es eben die Show reißen. Oder auch nicht. Christina hat weniger Action zu bieten als die anderen Superkonzerte. Also die, bei denen das Ticket mehr als Hundert Euro kostet. Man misst ein solches Konzert eben doch unterbewusst an den riesigen Shows von Beyoncé, Rammstein oder Helene Fischer. Da gibt es Feuer auf der Bühne, einen Steg ins Publikum und ein kleines Unpluged-Set mitten im Publikum.

Aber heute: nicht. Bei "Dirty" gibt es zwar Flammen - aber nur auf der Leinwand. Nach jedem zweiten Song müssen wir ein fünfminütiges Video ertragen - auf der Leinwand. Die Message des Abends: Frauen, seid stark und findet eure eigene Stimme. Sie wird durch ein Video übermittelt - auf der Leinwand. Und ist leider auch sehr erwartbar.

Lieber ein Livesong mehr und ein Outfit weniger

Christina sieht immer noch toll aus. Weiblicher als damals, erwachsener natürlich. Sie ist eine Mama mit zwei Kindern. Vielleicht bräuchte es diese Outfitwechsel auch gar nicht mehr. Aber bitte: Mal kommt sie mit Reifrock und Lichterkette von Kopf bis Fuß auf die Bühne (O-Ton einer Frau neben mir: "Oh, ein Weihnachtsbaum"), mal bein- und fast pofrei im selbstbewusst-sexy Glitzeroutfit. Ich denke: Lieber einen Livesong mehr und ein Outfit weniger.

Es gibt leider wenig, was an diesem Abend überrascht. Immerhin singt sie live und gut. Wenn sie singt. Bei 90 Minuten Konzert brutto inklusive Zugaben und 60 Minuten Bühnenzeit netto von Christina ist das aber ein bisschen wenig.

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