Artur "Atze" Brauner, deutscher Filmproduzent polnischer Herkunft, aufgenommen am 18.07.2016 während der Aufzeichnung der RBB-Talksendung "Thadeusz" in Berlin (Quelle: dpa/Karlheinz Schindler)
Audio: rbb 88.8 | 07.07.2019 | Frauke Gust | Bild: dpa/Karlheinz Schindler

Nachruf | Filmproduzent Artur Brauner - Waghalsig, charmant - und unermüdlich unbequem

Als Filmproduzent war Artur "Atze" Brauner eine Legende. Mit Unterhaltungsfilmen wurde der Wahl-Berliner reich. Doch die filmische Auseinandersetzung mit dem Holocaust sah er als seine eigentliche Aufgabe. Von Ula Brunner

Sein Oberlippenbärtchen glänzte immer lackschwarz, die Augen funkelten unter dunklen Brauen: Auch hochbetagt war Artur "Atze" Brauner eine eindrucksvolle Erscheinung. Unermüdlicher Filmproduzent und Unternehmer, Gesellschaftslöwe und umstrittener Immobilienbesitzer, der auch wegen seiner Steuerauseinandersetzungen immer wieder in die Schlagzeilen geriet.  

Über 70 Jahre lang lebte der gebürtige Pole in Berlin. Standesgemäß residierte er in seiner Villa in der Königsallee 18, wo in den 1950er und 1960er Jahren Stars wie Romy Schneider, Heinz Rühmann, Robert Siodmak oder O. W. Fischer ein- und ausgingen.

Seinen 101. Geburtstag hätte er am 1. August gefeiert. Doch erst ganz zuletzt war es wirklich ruhig um ihn geworden. Noch bei der Berlinale 2018 hatte er beim Gang über den roten Teppich verkündet: "Ich werde bestimmt zehn Partys besuchen." Da führte längst seine Tochter Alice die Geschäfte.

Artur Brauner mit Tochter Alice Schwarzer bei der Opening Party der Berlinale 2018 (Quelle: Imago/Frederic Kern)
Artur Brauner mit seiner Tochter Alice bei der Eröffnungsparty der Berlinale 2018 | Bild: Imago/Frederic Kern

Mehr als 500 Filme entstanden hier

Wie kein anderer hat Brauner das deutsche Nachkriegskino geprägt, Starglanz nach West-Berlin geholt. Seine CCC in Berlin-Spandau ist die älteste noch aktive Produktionsfirma in Deutschland. Weit mehr als 500 Filme sind hier entstanden, überwiegend massentaugliche Unterhaltungsware: Melodramen, Old-Shatterhand-Western, Edgar-Wallace-Krimis, Abenteuerschinken, einige Sexstreifen.

Doch die CCC-Studios stehen von Anfang an auch für unbequeme Filme, für die unermüdliche Auseinandersetzung mit NS-Diktatur und Holocaust. Es ist Brauners Verdienst, dass sein eigenes Schicksalsthema zu einem zentralen Anliegen des deutschen Kinos werden konnte.

Artur "Atze" Brauner - ein Leben für den Film

Am 1. August 1918 in Łódź geboren, überlebt der Sohn aus bürgerlich jüdischem Hause den Zweiten Weltkrieg, weil er sich in den Wäldern versteckt. Der größte Teil seiner Familie hingegen fällt dem Massenmord zum Opfer. Seine spätere Ehefrau Maria, Tochter eines jüdischen Theaterdirektors in Lemberg, übersteht die Verfolgung durch die Nazis mit arischen Papieren. Mehr als 70 Jahre ist Brauner mit ihr verheiratet, als sie im Dezember 2017 stirbt.

Aufbauarbeit in Berlin

Ausgerechnet in Berlin sieht der junge Brauner nach dem Krieg seine Zukunft. Am 19. September 1946 gründet er nach zähem Ringen um die erforderlichen Lizenzen die Central-Cinema-Compagnie, kurz CCC, im US-amerikanischen Sektor Berlins. Vor ihm liegt Aufbauarbeit, die meisten Kinos sind zerstört. Doch der damals 28-Jährige beweist Courage und Geschäftssinn: Gleich die erste CCC-Produktion, die Komödie "Herzkönig", spielt 1947 gutes Geld ein, das er in ein Herzensprojekt investiert: "Morituri", ein semi-autobiografisches Drama über eine Gruppe von Häftlingen, die nach der Flucht aus einem Konzentrationslager ums Überleben kämpft.

Video: Abendschau | 07.07.2019 | Arndt Breidfeld

Er wolle verhindern, dass jene in Vergessenheit geraten, die ermordet wurden, ohne zu wissen, warum, erklärt Brauner später seine Motivation. Doch "Morituri" wird zum Kassenflop. "Ich stand da mit vielen Schulden und ohne Geld", erinnert sich Brauner. "Wir haben dann vor allem Komödien gedreht, die Leute wollten lachen. Mit den Überschüssen aus diesen Filmen habe ich die Schulden von "Morituri" bezahlt. Und so habe ich das später auch gemacht: mit Unterhaltungsfilmen meine Filme über den Holocaust finanziert."   

Europas größter unabhängiger Produzent

Um expandieren zu können, baut er 1949 das Gelände einer ehemaligen Giftgasfabrik in Berlin-Spandau zu modernen Filmstudios um. Als in den 1950er Jahren das Kino in Deutschland boomt, ist die CCC groß im Geschäft. Atze Brauner avanciert zum Wirtschaftswundermann. "Der Spiegel" widmet ihm 1958 gar eine Titelstory. Die Journalisten zeigen sich fasziniert vom umtriebigen, stets im eleganten Dreiteiler gekleideten Kinomogul: "Bei Brauner ist es durchaus nicht ungewöhnlich, dass er nach zweiminütiger Denkpause über einen 1,2-Millionen-Mark-Film entscheidet und seine Projekte, Star-Verträge und Kalkulationen in irgendeinem Hotelspeisesaal zwischen Entrecôte und Birne Helene auf einer Papierserviette entwirft." Brauner gilt als waghalsig, charmant, aber auch als Despot und Pfennigfuchser.

Maria Brauner, Artur Brauner und Alice Brauner mit Familie bei der Verleihung des Askania Award 2016 im Kempinski Hotel Bristol (Quelle: Imago/Fredericx/FuturexImage)Maria Brauner, Artur Brauner und Alice Brauner mit Familie bei der Verleihung des Askania Award 2016 im Kempinski Hotel Bristol. Ein Jahr später verstirbt Maria Brauner.

Der jüdische Zyklus verschafft ihm Anerkennung

Das einsetzende Kinosterben in den 1960er Jahren trifft die CCC-Studios empfindlich. Brauner muss 1965 den Großteil seiner Mitarbeiter entlassen, fährt die Produktion zurück, konzentriert sich aber weiterhin auf seinen "jüdischen Zyklus". 1982 realisiert er etwa "Die Spaziergängerin von Sans-Souci", Romy Schneiders letzten Film.

"Hitlerjunge Salomon" unter der Regie von Agnieszka Holland wird 1992 mit einem Golden Globe ausgezeichnet. Nach der Jahrtausendwende dreht er 2003 "Babij Jar – Das vergessene Verbrechen" über das gleichnamige Massaker. Diese Dramen sind keine Kassenschlager, doch verschaffen sie Brauner die Anerkennung, die ihm die Kritik lange versagte. Seine Tochter Alice knüpft mit Filmen wie Uwe Jansens "Auf das Leben!" (2014) an das Lebenswerk ihres Vaters an. 

Produzent Artur Brauner in seinem Arbeitszimmer 2016 (Quelle: rbb/ Ula Brunner)Erinnerungen und aktuelle Drehbücher: Brauner in seinem Arbeitszimmer 2016

Ein ganzes Jahrhundert hatte Brauner miterlebt, und er hatte allen Grund, stolz zu sein. Natürlich habe er angesichts der finanziellen Verluste oft gedacht, ob er nicht besser die Finger von solchen Stoffen lasse, sagte er einmal. Doch die filmische Erinnerung an den Holocaust sei seine eigentliche Aufgabe. Wieso er, ein Überlebender, ausgerechnet in Deutschland, in Berlin, bleiben  wollte? "Man muss versuchen, das einigermaßen Positive zu sehen: dass sich das Land so entwickelt hat, dass die Hoffnung besteht dass, sich so etwas nicht wiederholen könnte."

Sendung: Abendschau, 01.08.2018, 19:30 Uhr

Beitrag von Ula Brunner

Kommentar

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12 Kommentare

  1. 11.

    Hallo "rbb|24",
    in den Meldungen über den Tod von Artur Brauner wird immer nur von einer Tochter Alice gesprochen. Er hatte aber zwei Töchter, was auch erwähnt wird, aber der Name taucht nirgendwo auf.

    Freundliche Grüsse
    Luise

  2. 10.

    Das war absolut ein Missverständnis, vielen Dank für Ihre Klarstellung und noch einen angenehmen Tag!

  3. 9.

    Leute, lasst die Kirche im Dorf und fordert doch zuerst lautstark die Steuern von Amazon, Apple und Co., die hier nie etwas bezahlen, anstatt sich hier an einem Verstorbenen auszulassen, der nicht mehr reagiereen kann.
    Ihr seid zu spät - jetzt senkt die Häupter und haltet inne im Gedenken.

  4. 8.

    Das "unbequem" in der Überschrift bezieht sich sprachlich eindeutig auf Brauners Umgebung, also die Gesellschaft, in der er lebte, und nicht darauf, ob es für ihn selbst unbequem war. Für die Gesellschaft der Täter aber ist es sicher eher bequem als unbequem, wenn die Aufarbeitung auch noch von den Opfern selbst geleistet wird. Bequemer als sie selbst zu leisten.
    Aber vielleicht lag hier auch ein Missverständnis vor.

  5. 7.

    Es waren die berühmten Winnetou Filme, die mich als Teenager mit dem Kino vertraut gemacht haben. Dafür danke ich A. Brauner sehr. RiP. Mein Beileid an die Familie

  6. 6.

    Als Filmproduzent war Herr Brauner sicher ein Genie, und der positive Rückblick ist verdient. Nur sollte man auch nicht das Thema Steuern vergessen und den teilweisen Zustand seiner Häuser. Das Leben hat nun mal nicht nur Licht

  7. 5.

    Interessant, dass jetzt Verstorbenen kein Respekt mehr gezollt wird.
    Es scheint zum Zeitgeist geworden zu sein, nachzutreten ohne einen Beweis ins Feld zu führen.
    Schämt Euch.


  8. 4.

    Wir können uns nicht vorstellen, dass die Aufarbeitung von und Beschäftigung mit Massenmorden, denen auch der Großteil der eigenen Familie zum Opfer gefallen ist, in irgendeiner Art und Weise "bequem" ist.

  9. 3.

    unbequem? Wenn die Opfer die Aufarbeitung der Verbrechen, die an ihnen begangen wurden, auch noch selber machen, ist das doch sehr bequem

  10. 2.

    Ja, es ist ungerecht, dass man nur so kurz leben darf.
    Eine große Persönlichkeit und Stimme gegen das Vergessen, ein Mensch, der trotz seines Schicksals in Berlin, in Deutschland geblieben ist, ist gegangen.

    Vielen Dank Herr Brauner für Ihr Werk, für Ihr Schaffen und für die immer aufrechte und immer offene Art, die seinesgleichen sucht.
    Ruhen Sie in Frieden

    Hochachtungsvoll
    M. R.

  11. 1.

    Ja, als Filmproduzent hat er wirklich viel bewegt und geleistet. Leider hat er in den letzten Jahren als Vermieter und Steuerzahler in Berlin nicht gerade für positive Schlagzeilen gesorgt. Seine Mieter können da so manches Lied vom unangenehmsten Vermieter singen, wie immer wieder in der Presse zu lesen war.

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