Die Band PUR beim Open Air Konzert in der Zitadelle Spandau in Berlin. (Quelle: imago/Baganz)
Audio: Inforadio | 29.07.2019 | Hans Ackermann | Bild: imago/Baganz

Konzertkritik | Pur in der Zitadelle Spandau - Erstaunlich wenig Pathos, erstaunlich viel Verstand

Mehr als drei Jahrzehnte sind Pur mit deutschsprachiger Popmusik erfolgreich. Vor ihrem Auftritt in der Spandauer Zitadelle am Sonntag fürchtete Hans Ackermann Pathos und Schnulzen - und wurde überrascht.

Beinahe hätten sich die beiden verpasst, doch dann hat ein "Blick wie ein Blitz" ihn getroffen - mit dieser typischen Pur-Liebesgeschichte beginnt Sänger Hartmut Engler den Auftritt vor 7.500 Besucher am Sonntagabend in Berlin. Songs wie der Opener "Beinahe" beschreiben Gefühle, die wohl jeder kennt, und Gedanken, die jeder schon mal so ähnlich gedacht haben mag. Schnell fühlt man sich eins mit dieser Band.

Fühlen und Denken, Herz und Verstand, freudiges Mitsingen und auch mal stilles Zuhören - diese Mischung prägt den Abend in der Spandauer Zitadelle. Die Tournee durch 28 Städte - hier in Berlin ist etwa die Hälfte absolviert -  ist überschrieben wie das aktuelle Album: "Zwischen den Welten". Im gleichnamigen Titelstück geht es um Toleranz statt Feindseligkeit, ein Appell an das soziale Miteinander. Man könne dieses Miteinander gleich hier im Innenhof der Zitadelle beginnen, schlägt Hartmut Engler dem Publikum vor.

Generationsübergreifende Begeisterung

Denn welches Miteinander könnte größer sein, als das gemeinsame Singen? Allerdings sind manche Lieder eben noch recht neu, weshalb das altersmäßig gut gemischte Publikum zunächst noch zögert. Aber dann - bei bekannten Liedern wie "Freunde" oder später beim unvermeidlichen "Indianer" - singen Mutter (etwa Ende 50) und Söhne (Anfang 20) kräftig mit - generationsübergreifende musikalische Gemeinsamkeit.

Altes und Neues wolle man mischen, hatte Engler zuvor gerade dem Publikum eröffnet -  wobei eine seit Jahrzehnten erfolgreiche Band natürlich ihren "Grundsound" nicht groß erneuern wird. Die perfekt vorgetragene Musik hat in diesem Bereich des Musikbusiness schließlich auch eine Art Verpackungsfunktion - wie ein schönes Geschenkpapier, in das die Texte eingewickelt werden.

Ohrwurm statt Vorurteile

Freche und musikalisch durchaus überraschende Titel wie "Affen im Kopf", bei dem auch gleich noch drei große Tiere im Fellkostüm auf die Bühne springen, widerlegen zumindest ein wenig die oft formulierte kritische Sicht auf den allzu kalkulierten Schlager-Pop der Band.

Bei Hartmut Englers Ballade "Wenn sie diesen Tango hört" wird es dann plötzlich auch sehr pur: Das Lied, das Engler seiner vor einiger Zeit verstorbenen Mutter gewidmet hat, läßt sein zweifellos echtes Gefühl so stark werden, dass der Sänger nach dem Lied einen Moment innehalten muss. Auch im Publikum herrscht Stille. Englers echte Tränen hätte man dann aber nicht unbedingt per Großaufnahme auf die Videoleinwand  übertragen müssen -  oder ist genau das jenes kalkulierte Pathos, das man der Band immer mal wieder vorgeworfen hat?

Nach rund 20 Liedern, darunter natürlich "Abenteuerland", "Drachen sollen fliegen" und  "Funkelperlenaugen", ist nach fünf weiteren Zugaben Schluß. Mit Vorurteilen ist man zum Konzert gefahren, mit dem schönsten Ohrwurm des Abends im Kopf - "Alles, was noch kommt" - fährt man wieder nach Hause. So kann es gehen, an einem Abend mit Herz und Verstand.

Beitrag von Hans Ackermann

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