Bühne und Publikum beim Konzert <<Schönheit gegen Gewalt>>. (Quelle: rbb/Alina Ryazanova)
Bild: rbb/Alina Ryazanova

"Schönheit gegen Gewalt" in Berlin-Schöneberg - Anwohner wollen mit Musik ihren Kiez zurückerobern

Der Spielplatz an der Ecke Eisenacher/Fuggerstraße in Schöneberg hat keinen guten Ruf. Ein Brennpunkt, sagen die Anwohner. Um den Ort zurückzugewinnen, setzt die Anwohner-Initiative "Schönheit gegen Gewalt" auf einen musikalischen Ansatz. Von Alina Ryazanova

An der Ecke Eisenacher/Fuggerstraße steht eine Bühne. In den ersten Reihen sitzen bereits vor Beginn des Konzerts Gäste. Die Bäume sind beleuchtet und der Boden ist festlich mit Kerzen geschmückt. Auch in den Wohnhäusern daneben, an Balkonen und Fenstern sind kleine Lichter zu sehen.

Nach dem Erfolg vom letzten Jahr findet das zweite Serenadenkonzert "Schönheit gegen Gewalt" statt. Hunderte von Menschen sammeln sich am Mittwochabend, um klassische Musik zusammen zu genießen. Die Idee hatte der Anwohner und Künstler Pascual Jordan, dessen Werkstattgalerie sich genau neben dem Spielplatz befindet. Immer wieder kommt es auf dem Platz zu Straftaten, erzählt er. "Wenn die Tür in der Galerie offen ist, kann gleich etwas gestohlen werden, deswegen wurde der Schreibtisch nach hinten verlegt." Aber Gewalt sei nicht die Lösung, sondern die Schönheit: "Schönheit greift nicht ein, sie bezieht Menschen mit ein, sodass ein anderes Verhältnis entsteht."

Publikum beim Konzert <<Schönheit gegen Gewalt>>. (Quelle: rbb/Alina Ryazanova)
Schöneberger mit "Schönheit gegen Gewalt" | Bild: rbb/Alina Ryazanova)

"Das ist genau das richtige für diesen Ort"

Wie kann man Menschen zusammen bringen? Pascual Jordan sagt, man hat überlegt, ein Grillfest zu organisieren.  Für ihn war aber klar, es muss etwas Besonderes sein. Deshalb schlug er Barock-Arien vor. "Diese Musik beschäftigt sich mit existenziellen Fragen. Sie ist nicht Mainstream, aber trotzdem kann sie Menschen berühren. Das ist genau das richtige für diesen Ort".

Die Bezirksbürgermeisterin von Tempelhof-Schöneberg, Angelika Schöttler (SPD), hat mit Pascual Jordan die Veranstaltung eröffnet. "Dieser Platz wird ganz oft mit Kriminalität gleichgesetzt. Es ist schön, wenn hier etwas Positives passiert." Sie wünscht sich, dass viele Menschen, die hier wohnen, den Platz zurückerobern, betont dabei, dass es ein Mix von Kunst und soziale Kontrolle sein soll. "Wir wollen einen ruhigen Kiez und werden auch im nächsten Jahr mehr Flagge zeigen."

Die Musik findet Resonanz

Das Konzert wurde aus finanziellen Mitteln des Bezirksamtes Tempelhof-Schöneberg und von der  Senatsinnenverwaltung über die Landeskommission gegen Gewalt gefördert. Der Philosoph Rudolf zur Lippe und seine Stiftung Forum der Kulturen unterstützen die Veranstaltung. Aber auch Spender und die Bewohner der Gegend leisten ihren Beitrag.

"Ich finde die Idee, etwas dagegen zu tun, Zivilcourage zu zeigen, großartig", sagt Besucherin Geraldine. "Ich hoffe, dass es hier eine größere Verständigung miteinander geben wird."

Andreas ist Anwohner und bereits zum zweiten Mal hier. Er berichtet, dass nicht nur die Kriminalität ein Problem im Kiez ist. Seit Jahren nutzen junge Stricher den Spielplatz als Anbahnungsort. "Es ist vielleicht auch ok so, wie es ist, aber ich glaube dieser Platz kann ein bisschen mehr vertragen." 

Die Bühne beim Konzert <<Schönheit gegen Gewalt>>. (Quelle: rbb/Alina Ryazanova)
Schöneberger mit "Schönheit gegen Gewalt" | Bild: rbb/Alina Ryazanova

Sprache, die jeder versteht

Zum zweiten Mal bei der Veranstaltung ist auch das Berliner Kammerensemble Impulsia. Vor fünf Jahren haben jungen Solisten ihr Kammerensemble gegründet und treten seitdem mit barockem und klassischem Repertoire auf. Parallel sind sie auch in der Deutschen Oper Berlin, dem Rundfunksinfonieorchester Berlin, dem Konzerthaus Berlin und anderen Musikeinrichtungen zu hören.

Das Programm haben sie zusammen mit Pascual Jordan entwickelt. Die Bewohner und Gäste hören an diesem Abend barocke Arien von Jean Baptist Lully, Alessandro Scarlatti, Georg Friedrich Händel und als Höhepunkt des Programms von Claudio Monteverdi.

Der Cellist Víctor García García vom "Impulsia-Ensemble" hofft, dass die Veranstaltung auch weiter stattfindet: "Wir fanden die Idee, Musik draußen zu spielen, um Menschen zusammen zu bringen, sehr schön. Das ist auch was wir mit unserem Kammerensemble erreichen wollen."

Die Violinistin Xenia Gogu ist sicher, dass der Ansatz funktioniert: "Gestern bei der Generalprobe waren tatsächlich fast nur die Bewohner der Gegend da. Und sie haben zugehört. Alt oder jung, arm oder reich -  Musik ist das, was uns alle vereinigt."

"Die Schönheit wird die Welt retten", schrieb russischer Schriftsteller Fjodor Dostojewski. Und es hat sich auf dem Platz viel verändert, Nachbarn kommen zusammen, treffen sich auf dem Platz und haben Spaß, sagen die Organisatoren.

Sendung: Kulturradio, 17.07.2019, 12:00 Uhr

Beitrag von Alina Ryazanova

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1 Kommentar

  1. 1.

    SPD Schöttler sollte sich als erstes fragen, wer sind die Prostituierten, wo kommen die her? Falls aus dem Ausland, was zu einem größere Grade wahrscheinlich ist, wie kann man die Zuwanderung dieser Personenkreise unterbinden?

    Welche Gründe gibt es für die grassierende inländische Prostitution, Berlin entwickelt sich zu einem viralen Puff-Hotspot.

    So wird das nichts, es ist ein netter Versuch von kulturbeflissenen Kleinbürgern, mit völlig untauglichen Mitteln einen grassierenden Missstand zu "bekämpfen" ohne politisch in der linksgrünen Wohlfühlwoge anzuecken.

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