Nach dem Kuss, Globe Ensemble Berlin, 2019 (Quelle: Magdalena Thalmann und Ted Siebert, Globe Berlin)
Audio: Inforadio | 25.07.2019 | Jakob Bauer | Bild: M. Thalmann, T Siebert, Globe Berlin

Theaterkritik | "Nach dem Kuss" im Globe Berlin - Die Berliner Eckkneipe als Theaterstück

Derbe, zotig und unerwartet düster: Anselm Lippgens Inszenierung von Bukowskis "Nach dem Kuss" spielt nach Shakespeare'schem Vorbild im hölzernen Rundtheater des Berliner Globe. Dabei wird der schäbigen Berliner Eckkneipe eine Bühne geboten. Von Jakob Bauer

Ein schräg-schönes Bläsertrio, unterstützt von einer stotternden Gitarre und einer wimmernden Orgel stehen am Anfang von "Nach dem Kuss". So unperfekt, dass es schon etwas unangenehm und komisch ist – und damit ein ganz passendes Sinnbild für dieses Stück von Oliver Bukowski. Denn das zerrt die unperfekten Menschen, die, die ihre Freude im Alkohol, in der schnellen Liebe, in der Hoffnung auf ein besseres Leben suchen, ins Bühnenlicht – und lässt sie dort zwei Stunden lang in all ihrer traurigen Komik schillern.

Ein Moment der alles ändert

Wir sind in Berlin – in irgendeiner schäbigen Eckkneipe, in der der verlauste Hallodri Robbi die Feier zu seinem 30. schon gar nicht mehr mitbekommt: Er säuft seit dem Vormittag. Der Rest der Geburtstagsgesellschaft: Ein Ehepaar, das seine Ehe schon lange zerlebt hat, der beste Freund von Robbi, der durch seinen Alkoholismus an der Schwelle zum Tod steht, der Wirt und seine Tochter - Sie ist unsterblich verliebt in das Geburtstagskind - und Jule: Eine Russin, die ihr Glück in Berlin sucht und als Geburtstagsgeschenk, heißt: laszive Partysängerin herhalten muss. Als Robbi kurz aus seinem Saufkoma erwacht, verliebt er sich unsterblich in die singende Jule. Ein Moment, der das Leben aller Anwesenden ändert, denn jeder stellt sich unmittelbar die Frage: Wie schafft der das noch, solche Emotionen zu haben. Und wie kann ich das schaffen? Was will ich eigentlich?

Witze überspielen die Düsternis

Die Sprache ist derb, häufig schon obszön. Ein Milieu wird gezeichnet, das nicht zimperlich ist, mit sich nicht und auch nicht mit den anderen. In der Sprache von "Nach dem Kuss" bleibend, geht es ums "Saufen, Kotzen, Ficken" und die Romantik, denn die "kennt kein Gesetzbuch, die scheißt auf die Moral". Dabei ist die Perspektive dieser Menschen nur ein Konjunktiv. Häufig sprechen die Figuren in der "Hätte, wäre, könnte"-Form. In ihrer Gegenwart träumen sie nur vom "Was wäre, wenn?". Wenn du mich lieben würdest, wie er sie. Wenn wir ein Kind bekommen hätten. Wenn ich mit dem Alkohol aufhören könnte.

An der Oberfläche ist das häufig komisch, es hagelt Kalauer, aber der Witz überspielt die Düsternis dieser Persönlichkeiten, die Todessehnsucht – zur Hälfte des Stücks sind schon drei der Charaktere dem Selbstmord nahe – und bei jeder der Szenen biegt sich das Publikum vor Lachen: "Ich spring aus dem Fenster!/Du wohnst schon ganz unten!"

Aber bisweilen scheint es auch so, als würden alle dann doch die Kurve kriegen  – die Frau verlässt ihren prügelnden Ehemann, Robbi bekommt seine Russin, der Alkoholiker will aufhören, zu trinken. Doch dann fällt ein zentraler Satz des Stücks: "Hoffnung, die ist wie Metastasen". Und tatsächlich richtet die sich ausbreitende Hoffnung, der Logik des Stücks folgend, am Ende doch alle zu Grunde.

Nach dem Kuss, Globe Ensemble Berlin, 2019 (Quelle: Magdalena Thalmann und Ted Siebert, Globe Berlin)

"Wie wäre es mit einem Gespräch nach 15 Jahren Ehe!?"

Das Ensemble überzeugt, hämmert diese unterschiedlichen und doch so ähnlichen Lebenspanoramen mit der gewalttätigen, aber beeindruckend elegant getexteten Sprache in die Köpfe des Publikums. Ein Satz wie "Wie wäre es mit einem Gespräch nach 15 Jahren Ehe" trifft messerscharf und mit gebotener Kürze den Nagel auf den Kopf.

Unglaublich viel wird geredet in "Nach dem Kuss" – aber noch so viel mehr passiert zwischen den Zeilen. Ein leichter Liebesschwank, wie es der Titel vorflunkert, ist das Stück daher ganz sicher nicht. Wer nicht vor den Myriaden von Kalauern und der moralisch doch eher unsauberen Geschichte zurückschreckt, wird einiges zum Nachdenken mitnehmen.

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