Symbolbild: Musiker im Konzerthaus Berlin (Quelle: dpa/Soeren Stache)
Bild: Audio: Inforadio | 20.07.2019 | Jens Lehmann

Konzertkritik | Young Euro Classic - Gewöhnlich, geölt und nicht gelungen

Die Beethoven-Pastorale zu unpastoral, die Schicksalssinfonie geölt wie eine Nähmaschine: Für Konzertkritiker Jens Lehmann hat Dirigent Jakub Chrenowicz ein junges, hungriges Orchester schlecht aussehen lassen.

Es beginnt, wie das Festival seit acht Jahren immer beginnt. Mit der Festival-Hymne vom damaligen Hausherrn am Gendarmenmarkt, Ivan Fischer, im Konzerthaus Berlin. Und zum ersten Mal leuchtet mir diese Komposition ein, wenn sie eben mal nicht zippelig von ein paar Blechbläsern von der Empore heruntergetutet wird, sondern von den Streichern des "Polska Orkiestra Sinfonia Iuventus imienia Jerzego Semkowa". Das Jugendorchester aus dem Nachbarland eröffnet in diesem Jahr den großen Konzerte-Reigen.

Ein Banner über der Bühne macht noch einmal klar: "Hier spielt die Zukunft". Und in der Werbung heißt das Festival schon mal "das Bayreuth der jungen Generation". Drunter geht's nicht. Und es stimmt schon. In den 20 Jahren seines Bestehens hat sich Young Euro Classic enorm entwickelt. Immer mehr Orchester kommen, nicht mehr nur aus Europa, sondern aus der ganzen Welt.

Schnarchige Eröffnungsrede

Mit den Ansprüchen sind aber auch die Preise gestiegen. Schon lange gilt das Prinzip "Ein Preis auf allen Plätzen" nicht mehr. Eins ist dafür seit 20 Jahren gleich geblieben: längliche Grußworte vor dem Konzert.

So auch bei diesem Eröffnungskonzert. Von schnarchig lexikalisch wie bei Staatsministerin Monika Grütters - selten habe ich jemanden lustloser die Worte "gesellschaftlicher Lichtblick" ablesen hören - bis zu einem fast schon hibbeligen Regierenden Bürgermeister Michael Müller, der in einer überraschend kurzen wie überraschend begeisternden freien Rede einen Bogen von den Attentätern des 20. Juli über die Exzellenz Berliner Unis bis hin zum Festival selbst schlägt, das ein Symbol für Frieden und Freiheit in Europa ist.

Wie man Beethoven verbrät

Puh. Gut, dass es danach schnell losgeht. Mit einem Programm, wie es festlicher nicht sein könnte. Aber gewöhnlicher irgendwie auch nicht. Warum man dem Festival erst ein Jahr vor dem eigentlichen Titanen-Jubiläum einen Beethoven-Schwerpunkt gibt und dann am ersten Abend gleich zwei der wichtigsten Sinfonien verbrät, ist mir ein Rätsel. Zumal ich mir die Pastorale deutlich pastoraler gewünscht hätte. Erst denke ich noch: Schöner Klang, gute Mischung, vielleicht ein bisschen brav. Als ich das selbst in der Gewitterszene des vierten Satzes immer noch denke, merke ich: Da ist was faul.

Das liegt zu großen Teilen an Jakub Chrenowicz. Der Dirigent des Abends macht zwar gerade in Polen Karriere, hat aber das Ausdrucksvermögen eines Ampelmännchens. Er dirigiert immer gleich, als habe er eine Wette verloren und müsse jetzt das ganze Konzert in einem Einheitstempo und einer Einheitslautstärke durchziehen. Hauptsache, die jungen Musikerinnen und Musiker blieben zusammen. Und selbst das will nicht immer gelingen.

Schicksalsmotive, kleingehackt

Phrasen sind auch nicht so seine Sache, da versanden selbst die schönsten Melodien in dieser romantischsten von Beethovens Sinfonien schon nach ein paar Tönen. In der Fünften, tatatataaaah, Sie wissen schon, mit all ihren kleingehackten Schicksalsmotiven, spielt das keine allzu große Rolle. Hier zählt rhythmische Prägnanz, die kann Chrenowicz. Aber das funktioniert eben auch nur bis zu einem bestimmten Punkt. Jeder Satz dieser hochdramatischen Sinfonie läuft wie in einer gut geölten Nähmaschine an einem vorbei - und berührt einen zu keiner Sekunde.

Da hat Chrenowicz schon ein so junges, hungriges, gut ausgebildetes und oft sehr klangschönes Orchester vor sich sitzen - und er weiß nichts, aber auch gar nichts damit anzufangen. Da wird das wilde Intermezzo gleich nach der Pause, eine Toccata für kleines Orchester des polnischen Komponisten Artur Malawski, schon zum heimlichen Höhepunkt des Konzerts. Auch hier ist rhythmische Prägnanz gefragt, aber nur hier schlägt sie auch mal in Spielfreude um. Dumm nur, dass das Stück nur fünf Minuten dauert.

Ich hätte mir und auch den jungen Musikerinnen und Musikern jedenfalls einen mitreißenderen Auftakt gewünscht.
 

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