Die am 1.5.1899 in der ägyptischen Hafenstadt Port Said geschriebene und abgestempelte Urlaubskarte (Quelle: Museum für Kommunikation Berlin)
Bild: Audio: Kulturradio | 21.08.2019 | Ulrike Jährling

"150 Jahre Postkartengrüße" in Berlin - "Ich bin hier. Viele Grüße, Kurt."

Zweihunderttausend Postkarten hat das Museum für Kommunikation in Berlin gesammelt. 500 davon sind jetzt in einer Ausstellung zu sehen - und weisen den Weg durch 150 Jahre deutscher Geschichte. Von Ulrike Jährling

Der mannshohe Postkartenautomat streikt beim ersten Versuch. "Beim Versagen auf den Knopf drücken" ist angeschrieben. Doch es nützt nichts. Das Geldstück ist weg, keine Postkarte da - typischer Vorführeffekt. Um 1900 zogen sich die Reisenden an solchen Automaten auf Bahnhöfen ihre Karte für die Lieben daheim, fünf Pfennig das Stück, erklärt Veit Didczuneit, der Kurator der Ausstellung "Mehr als Worte", die zum 150. Geburtstag der Postkarte im Museum für Kommunikation Berlin gratuliert.

Postkarte als Neuland

Die erste Postkarte ist 1869 eine reine Formularpostkarte: ohne Bild, dafür mit klein gedruckter Anleitung, wie sie überhaupt zu benutzen sei. Die Postkarte war zu dieser Zeit Neuland. Statt lange Briefe zu verfassen, durfte nun kurz und bündig formuliert werden. Kritik an dieser "unanständigen Form der Mitteilung auf offenem Postblatt" verstummte schnell, weil die Vorteile des schnellen Informationsaustauschs überwogen.

Der Durchbruch der Postkarte kam 1872, als man das Porto herabsetzte. Am Anfang kostete sie genauso viel wie ein Brief, zehn Pfennig, jetzt aber wurde halbiert, erklärt Veit Didczuneit. "Es gab schon die Telegrafie, aber da kostete das Wort fünf Pfennig und nun konnte man Nachrichten auch per Post recht schnell verschicken. Mit der Gebühr von fünf Pfennigen! Das ist sehr gut angekommen. Als sich die Postkarte zur Ansichtskarte entwickelte, gab es dann kein Halten mehr. Milliardenfach sind die Karten produziert und verschickt worden." Allein im Deutsch-Französischen Krieg (1870-1871) waren zehn Millionen Feldpostkarten unterwegs. Ihr Versand war kostenfrei.

Briefträger mit Romantik

Als das Bild auf die Karte wanderte, wurde der Platz für den Text kleiner. Doch: Wer braucht schon Platz? "Ich bin hier. Viele Grüße, Kurt." Und: "Schöne Urlaubsgrüße sendet Euch Eurer Jens. PS: Die Unterkunft geht, die Verpflegung ist ertragbar und das Wetter ist gut." So liest sich die typische deutsche Urlaubspostkarte.

Berührend ist eine Karlsruher Postkartengeschichte von 1904. Ein junger Mann hatte Sehnsucht nach der Liebsten, erzählt Veit Diczuneit. "Und dann hat dieser junge Mann seiner Geliebten Anna an einem Tag vier Karten geschickt. Nämlich einmal eine Guten-Morgen-Karte, eine Guten-Tag-Karte, eine Guten-Abend-Karte und eine Gute-Nacht-Karte". Für die Romantik bei dieser Geschichte sorgte tatsächlich der Service der Post. "In Berlin kam der Postbote bis zu elf Mal am Tag und hat Post zugestellt, in Karlsruhe mindestens vier Mal," erzählt Diczuneit.

Ein Besucher betrachtet ausgestellte Postkarten in der Jubiläumsausstellung "Mehr als Worte" im Museum für Kommunikation. (Quelle: dpa/Carsten Koall)
Bild: dpa/Carsten Koall

Nicht nur zum Grüßen

In der Ausstellung lädt ein Postkarten-Parcours ein, durch 150 Jahre Geschichte zu schlendern. Die Bildmotive liefern anschaulichste Illustrationen des Zeitgeistes. Die Ansichtskarte war nicht nur zum Grüßen da: Die Schiffskarte "Titanic" zeugte beispielsweise von der Technikbegeisterung im Kaiserreich; die Fotokarte mit dem Berliner Hochbahn-Unfall frönte der Gier nach Neuigkeiten. Es gab Kolonialpostkarten, Propaganda-Postkarten, Kunstpostkarten, Tierpostkarten (am liebsten mit Katzen).

Der Postkarte "Berlin - Hauptstadt der DDR" folgt eine mit Sonnenuntergang über Instanbul. Auch 30 Jahre Ost-West Geschichte lassen sich an Postkarten ablesen: Zu allen Zeiten gab es natürlich Glückwunsch-, Sinnspruch und Humor-Karten. Manche Motive sind kaum einem Wandel unterworfen - Weihnachtskarten seien so ein Fall, sagt Dr. Diczuneit. "Wir haben ein Ratespiel in die Ausstellung integriert mit Weihnachtskarten aus der Zeit des Kaiserreichs, der Bundesrepublik und der DDR. Dort sieht man, dass die Motive diesbezüglich doch relativ zeitlos sind."

Und sie lebt

1998 wurden 400 Millionen Karten verschickt, heute sind es trotz digitaler Medien immer noch knapp 200 Millionen. Eine davon landete gestern im Briefkasten der Autorin. Für den 19-jährigen Sohn, geschickt von der Freundin. Die Jugend grüßt doch noch analog und das Bld zeigt übrigens eine Palme. Austellungsmacher Veit Didczuneit schickt sich seine Postkarten übrigens selbst, für eine persönliche "Reise-Erinnerungs-Pinnwand". Und PS: Der alte Postkarten-Automat im Museum hat dann doch noch funktioniert. Die Karte ist abgeschickt. An die werte rbb-Redaktion.

Sendung: Kulturradio, 21.08.2019, 09:24 Uhr

Beitrag von Ulrike Jährling

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4 Kommentare

  1. 4.

    Und ich wunderte mich schon darüber, wie angenehm ich es empfand, den Artikel zu lesen. Keine Ironie! ... Es stimmt, endich mal wieder die journalistische Kunst erlebt in eine Nachricht förmlich mitgenommen zu werden. Und nicht nur zack, zack, zack und ja nicht irgendein Detail vergessen, sonst schimpft der Kommentar.

  2. 3.

    Es fehlen die Postkarten aus West-Berlin. Jedenfalls werden die im Aufsatz nicht erwähnt! Ich bin beleidigt.

  3. 2.

    Der Artikel liest sich wie ein Aufsatz einer Realschülerin. Nicht iwe einer Journalistin.

    Ausserdem fehlen die Porno-Postkarten der Soldaten im WW1.

  4. 1.

    "Aus diesem Grund ist die Mauer auf der Ostberliner Ansichtskarte von 1989 nicht abgebildet."

    Und was ist dann dieser hellgraue Streifen hinter und neben dem Brandenburger Tor?

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