Keira Knightley und Liam Gross spielen im Film Berlin I Love You mit (Quelle: Martin Kunz/ BILY Media)
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Filmkritik | "Berlin, I love you" - Diesen Film hat Berlin nicht verdient

Die Berlinale wollte ihn nicht, der erste Trailer im Februar sorgte für Häme und Spott im Netz und Ai Weiwei hat sich schon distanziert - sein Beitrag taucht gar nicht mehr auf. Jetzt kommt der Kompilationsfilm "Berlin, I love you" ins Kino. Leider, wie Anna Wollner findet.

Es ist eigentlich eine schöne Idee. Eine Liebeserklärung an die Metropolen der Welt. Erst Paris, dann New York, Tibilsi, Rio und jetzt Berlin. Die eigentlich simple Idee des französischen Filmproduzenten Emmanuel Benbihy hat die Welt erobert. Oder zumindest hätte sie das gerne. "Berlin, I love you" kommt zwei Jahre nach Drehende ins Kino und wirkt so uninspiriert und überholt, dass es fast schon weh tut.

Alfonso Cuaron, Gus van Sant, Tom Tykwer – das waren die Regisseure, die vor über 13 Jahren ihre Liebe zu Paris bekunden durften. Hier sind es jetzt unter anderem Peter Chelsom, Dennis Gansel, Dani Levy und Til Schweiger als prominenteste Vertreter. Dabei hat letzterer noch nicht mal die schlimmste Episode geliefert, aber dazu später mehr.

Berliner Tristesse par excellence

Es sei keine Flucht. Es sei Realität. Das sei Berlin. Das sei das Leben, raunt Keira Knightley in der Episode "Under your Feet" von Massy Tadjedin ihrer Film-Mutter Helen Mirren zu und guckt gedankenverloren über Kreuzberg. Eine Episode, die mit einer Drohnenansicht auf den Tempelhofer Flughafen eröffnete. Strikt in graue Farben gehalten, denn hier kommt all das Hauptstadtleid im Flüchtlingsheim zusammen. Aus eben diesem hat Knightley einen kleinen Jungen mitgenommen, dessen Bruder und Mutter im Krankenhaus sind. Er habe niemanden, der sich um ihn kümmert, sagt sie in ihrer Wohnung am Kottbusser Tor zu ihrer Mutter. Berliner Tristesse par excellence, der Ausgang klar, immerhin geht es in allen Episoden um die Universalität der Liebe. Irgendwie.

Katja Riemanns Stimme als künstliche Intelligenz und Gewissen eines Autos rettet einen Mann mit gebrochenem Herzen vor dem Selbstmord und zeigt ihm ihr Berlin zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule, Sibel Kikeli fährt einen Edward Snowden-Abklatsch mit dem Taxi durch den Tiergarten, Luke Wilson als ausgebrannter Hollywoodregisseur entdeckt seine Liebe fürs Storytelling bei einer Puppenspielerin auf der Museumsinsel, Max Raabe und das Palastorchester liefern den Soundtrack für einen lauen Sommerabend in einem Hinterhof voller tanzender Menschen.

Mickey Rourke in weißem Feinripp

Til Schweiger schickt Mickey Rourke und Toni Garrn erst an die Hotelbar, dann ins Hotelzimmer. Hier lässt der durch Botox zusammengehaltene Rourke alle Hüllen fallen, räkelt sich in weißer Feinripp-Unterhose mit offenen Haaren auf dem Sofa. Toni Garrn ist dabei, in die Falle zu tappen, aber Drehbuchautor Neil LaBute hat sich ein schockierendes Ende ausgedacht, das allerdings ab Minute eins wie der berühmte Elefant im Raum steht und deswegen nicht schockiert, sondern anekelt. "Du musst mich nicht ficken", sagt Rourke zur vierzig Jahre jüngeren Garrn. Als hätte es #metoo nie gegeben.

#metoo als Motto. Oder besser #methree. Veronica Ferres tanzt und singt sich in der gleichnamigen Episode als Waschsalonmutter in Kittelschürze durch die wohl am meisten verstörende Episode und diskutiert mit ihren weiblichen Kunden über Männer und Female Empowerment. Bis ein Mann im Salon steht.

Mickey Rourke im neuen Kinofilm BERLIN, I LOVE YOU (Quelle: Everett Collection)Mickey Rourke in einer Szene an einer Hotelbar

Der Fernsehturm thront immer im Hintergrund

Neun Folgen sind es insgesamt, zusammengehalten von einer zehnten, die immer mal wieder als Bindeglied auftaucht und in der Robert Stadlober als Pantomime mit Engelsflügeln – Wim Wenders lässt grüßen – mit einer israelischen Straßenmusikerin die Stadt erkundet. Sie ist auf der Suche nach ihrer jüdischen Vergangenheit, findet die Stolpersteine ihrer Verwandten. Nur der ihrer Großmutter fehlt – sie ist die einzige, die überlebt hat. Da klingt an was "Berlin, I Love you" hätte werden können. Ein Film über eine Stadt voll gelebter Geschichte.

Stattdessen ist "Berlin, I Love You" ein Film geworden, der Berlin so zeigt, wie ein Tourist aus der Provinz sich die Stadt wohl vorstellen würde. Berlin als Moloch der Gefühle. Der Fernsehturm thront immer im Hintergrund, mal von der Oberbaumbrücke aus, mal vom Hackeschen Markt oder vom Mauerpark. Keine Episode hat wirklich eine ernstzunehmende oder gar erkennbare Handlung. 120 Minuten plätschert der Film gelangweilt von sich selbst vor sich hin und mäandert am Berliner Lebensgefühl vorbei. Da ist jede Fahrt mit der Ringbahn spannender. Was sich die Macher mit "Berlin, I love you" geleistet haben, grenzt an hauptstädtische Majestätsbeleidigung. Berlin hat diesen Film einfach nicht verdient.

Sendung: Fritz, 08.08.2019

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