Archivbild: Schauspielerin und Sängerin Katrin Sass singt in der Bar jeder Vernunft in Berlin
Audio: Inforadio | 07.08.2019 | Ute Büsing | Bild: dpa

Konzertkritik | Katrin Sass - Schätze hinter der Mottenkiste

Beim Frauensommer der Berliner "Bar jeder Vernunft" stehen viele Unangepasste auf der Bühne - die Schauspielerin und Sängerin Katrin Sass passt dazu. Bei der Vorstellung ihres Liedprogramms stand sie sich allerdings ein bisschen selbst im Weg, meint Ute Büsing.

Katrin Sass greift erstmal tief in die Motten- und Klischeekiste des historischen Umbruchs. Um ihre Lieder zu rahmen, lässt sie am Dienstag in der Berliner "Bar jeder Vernunft" berühmte Einspieler von Mielke, Honecker und Schabowski vom Stapel: von der Absicht, niemals eine Mauer zu errichten oder der stammelnd verkündeten Reisefreiheit.

Außerdem fordert sie ihr Publikum zur Klassifizierung in Wessis und Ossis auf. Es gilt das "Ihr" und "Wir", und die jeweiligen Errungenschaften werden gleich mit benannt: Broiler, deutsche Beat-Musik, Ampel- und Sandmännchen für die Ossis.

Aber was lustig sein soll, wirkt behäbig und aus der Zeit gefallen. Statt dem melodiösen Furor ihrer Songs zu vertrauen - viele davon stammen aus Ost-Federn - zieht Katrin Sass nicht nur ihre Moderationen, sondern auch manche Lieder ins Lächerliche, setzt ironisch noch einen drauf wie bei "Unsere Heimat".

Große Karriere mit gebrochenen Frauenfiguren

Die 62-Jährige in weißem Hemd und weißer Hose, schwarze Weste drüber, will immer noch unbedingt ankommen im Westen. Sie will geliebt werden und merkt gar nicht, wie sehr das Publikum in der "Bar jeder Vernunft", egal ob aus Ost oder West, ihr auf Anhieb zu Füßen liegt. Alle fünf Vorstellungen ihres Frauensommer-Gastspiels waren sofort ausverkauft, ein Zusatztermin musste her.

Katrin Sass wird bewundert für ihre große, gebrochene Karriere, ihr Film- und Theaterschaffen in der DDR, für die Rolle der ewig Gestrigen im Nachwende-Film "Goodbye, Lenin" und die der rebellischen Sängerin in der Serie "Weissensee" , aktuell für die der unnahbar Rätselhaften im Fernsehformat Usedom-Krimi. Dass sie auch sehr anrührend singen kann, hat sich spätestens seit "Weissensee" herumgesprochen. Wenn sie nur sich selbst und dem ausgewählten Material vertrauen würde, was sie in ihrem neuen Liedprogramm zu wenig tut. Bei Songs von Holger Biege, Dirk Michaelis und auch von Reinhard Mey entschwebt sie gefühlvoll über die Wolken.

Die Wunderbare zeigt sich verwundbar

Da steht eine auf der Bühne, die sich selbst ein bisschen im Weg steht, total überdreht, immer auf Anschlag. So ufert die Zwiesprache mit dem Publikum aus, weil sie immer unbedingt das letzte Wort haben muss, oder weil sie einen Angriff aus der Tiefe des Raumes wittert. Dabei schleudert ihr eine aus dem animierten Publikum schon früh für alle hörbar "Sie sind wunderbar" entgegen.

Verständlich wird Katrin Sass Verwundbarkeit bei den Lesepassagen aus ihrer Biografie "Das Glück wird niemals alt". Sie wählt eine Passage zum streng überwachten Erstkontakt mit dem glitzerenden Rummelplatz West-Berlin bei der Berlinale 1982 aus, wo sie für die weibliche Hauptrolle in "Bürgschaft für ein Jahr" mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde, an der Seite von Michel Piccoli, der als bester männlicher Hauptdarsteller geehrt wurde. Dass ausgerechnet ihre beste Freundin ausführlichste Zuträgerin der Stasi war, wie aus der zweiten Lesepassage hervorgeht, dieser Verrat hat offenbar einen fortwirkenden Vertrauensbruch bewirkt.

Bedingungslose "Königskinder"-Liebe zum Schluss

Geerdet durch die biografischen Auszüge gerät der zweite Programmteil dann gelassener. Da ist Katrin Sass mehr bei sich und bei ihrem einfühlsamen neuen Pianisten Bene Aperdannier. Da muss der 53-Jährige, immerhin Professor für Klavier und preisgekrönter Jazzmusiker, auch nicht mehr wie zu Beginn ständig den nichtswissenden, der Belehrung bedürftigen Wessi mimen, sondern die Sängerin und der Pianist zelebrieren bedingungslose "Königskinder"-Liebe mit Liedern, die die Welt ein bisschen bewegen. Lieb haben sie auch ihr Publikum, das sich mehrere Zugaben erklatscht.

Sendung: Inforadio, 07.08.2019, 09:55 Uhr

Beitrag von Ute Büsing

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 2.

    Mit Katrin Sass wächst nicht nur im Film besser zusammen, was zusammen gehört.

  2. 1.

    Ja, Frau Saß hat eine schöne Singstimme. Bezweifelbar finde ich jedoch, ob es einer Neuinterpretation so besonderer Lieder wie z. B. "Als ich fortging" bedarf, die mit den Stimmen ihrer ursprünglichen Interpreten bereits optimal dargeboten wurden und werden. Das passt nicht immer.

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