Archivbild vom 24.05.2017: Der Dirigent Christoph Eschenbach (Quelle: dpa/picturedesk/Hans Punz)
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Neuer Dirigent am Konzerthaus - Christoph Eschenbach hetzt durch Mahlers Achte

Nach dem Hype um Kirill Petrenko, den neuen Chef der Philharmoniker, folgt nun das Konzerthaus. Auch dort stand am Freitag mit Christoph Eschenbach ein neuer Dirigent am Pult. Zum Auftakt präsentierte der fast 80-Jährige Mahlers Achte. Von Jens Lehmann

Warum lässt man nicht einfach wieder die Musik für sich sprechen? Warum muss ich auch in diesem Saison-Eröffnungskonzert fast zehn Minuten lang Reden und Grußworte über mich ergehen lassen? Und warum muss ich mich auch noch sowohl vom Konzerthaus-Intendanten als auch einer Orchestervorsteherin wie auch vom Kultursenator persönlich darüber belehren lassen, sich nicht von Äußerlichkeiten wie dem Alter von Dirigenten täuschen zu lassen?

Alle drei Festredner an diesem Abend verdammen einhellig die Altersdiskriminierung, die dem neuen Chefdirigenten des Konzerthausorchesters, Christoph Eschenbach, entgegengeschlagen sei, dabei sei der doch noch total fit, man werde schon sehen!

Dirigenten mit Liebe-Onkel-Attitüde

Klar, die Repliken kommen nicht von ungefähr. Zu laut war der Chor der Kritiker, der sich zumindest darüber wunderte, warum ein so modernes, zukunftsorientiertes Orchester so völlig gegen den Trend einen fast 80-Jährigen Dirigenten verpflichtet, während sich zum Beispiel das DSO konsequent Mitt-Dreißiger zum Chef erwählt und immer wieder von Neuem einen jugendlichen Schub erhält. Klar, Ivan Fischer war auch nicht mehr der Jüngste, vielleicht hat man sich ja auch einfach an die Liebe-Onkel-Attitüde gewöhnt.

Eschenbach jedenfalls lässt sich ordentlich belobhudeln, bevor er unter großem Applaus auf die Bühne des Konzerthauses kommt. Da sitzen schon rund 300 Musiker vor ihm, denn er hat sich für seinen Amtsantritt nichts weniger als die Achte Symphonie von Gustav Mahler vorgenommen. Diese "symphonische Riesenschwarte", wie Adorno sie mal genannt hat. Der hat an die "Wiederbelebung des Kultischen" in der Musik nicht geglaubt.

Eschenbach scheint zumindest den Schöpfergeist, der schon im ersten Teil der Symphonie besungen wird, beschwören zu wollen: "Veni Creator Spiritus". Da steht er nun, der - also ich bitte Sie doch gar nicht soo alte - Maestro, schlaksig, fast dürr sieht er aus, wie er die Arme mehr wirft als führt, sein rechtes Handgelenk vollführt aberwitzige Drehungen, will die Musik von dort lenken.

Grandioses Ensemble

Aber Energie hat der Mann. Eine so schnelle Achte habe ich jedenfalls noch nie gehört. Durch den Pfingsthymnus des ersten Teils peitscht er die versammelte Mannschaft regelrecht durch - und nimmt dabei wenig Rücksicht auf diffizile Stellen für Bläser, Chor oder Gesangssolisten. Dabei hätten die durchaus mehr Aufmerksamkeit verdient. Hat Eschenbach doch ein wirklich grandioses Ensemble vor sich, aus dem vor allem Michael Nagys Bariton, Robert Dean Smiths Tenor und Michaela Kaunes herrlicher Sopran hervorstechen.

Doch die dürfen erst im zweiten Teil so richtig zeigen, was sie können. Im Schluss von Goethes "Faust II" nämlich. Mehr philosophische Wucht geht kaum. Vielleicht nimmt sich Eschenbach ja deshalb ein wenig mehr Zeit. Es wird sogar - hört hört - der eine oder andere Übergang gestaltet - und gerade die Frauenstimmen der Nationalchöre aus Tschechien und der Slowakei sorgen für wahrhaft eng(e)lische Chöre. Aber auch hier wackelt's in einigen Passagen beträchtlich. Und Christoph Eschenbach scheint das nicht zu stören! Er sucht nicht etwa den Ausgleich oder widmet sich den zurückgefallenen Orchestergruppen, sondern bleibt stur beim Tempo; die werden schon mitkommen. Ist das souverän? Oder leichtsinnig?

Es bleibt ein fader Beigeschmack

Am Ende jedenfalls, nachdem mich die Blechbläser des Fernorchesters fast aus dem ersten Rang gepustet haben, meine Ohren leise rauschen und mein Kopf dröhnt, bleibt trotz allen Jubels über dieses große Antritts-Event ein fader Beigeschmack. Mahlers Achte sollte mehr sein als bloß laute und schnelle Überwältigungsmusik für Festkonzerte. Das hat der olle Gustav nicht verdient.

Vielleicht geht ja Dvorak leichter von der Hand? Am Sonntag gehen die Festlichkeiten zum Amtsantritt von Christoph Eschenbach schon weiter. Mit einem Tag der Offenen Tür im Konzerthaus - und einem Konzert mit der "Sinfonie aus der Neuen Welt".

Beitrag von Jens Lehmann

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3 Kommentare

  1. 3.

    Entsetzen pur! Anders kann man diesen Abend nicht beschreiben.
    Schon der brüllende Einsatz der Orgel am Anfang lies nicht Gutes erahnen.
    Und so kam es dann auch.
    Jeder gegen jeden war hier das Motto.
    Es wurde über jede leise Stelle in einem schier endlosen Dauerfortissimo hinweg "musiziert".
    Ich hatte beim Zuhören nie das Gefühl, dass hier ein Ensemble miteinander agiert.
    Jedweder Zauber, der sich hätte entwickeln können, wurde durch das ungenaue aber ständig anpeitschende Dirigat Eschenbachs schon im Keim zerstört.
    Nein DAS ist nicht die Klangkultur, die das Konzerthausorchester unter Ivan Fischer so gepflegt hat.
    Dieses Konzert erinnerte leider sehr stark an die musikalisch wenig erfolgreichen Jahre eines Eliahu Inbal .
    So verspielt man die mühevoll erarbeitete Reputation eines klangsensibel musizierenden Spitzenensembles und fällt im internationalen Vergleich ganz schnell wieder auf die hinteren Ränge zurück.
    Da hilft dann auch der Name Eschenbach nichts mehr.

  2. 2.

    Danke herzlich für diese Rezension. Ich kam mir vor wie ein Zaungast. Mich hat an diesem Abend überhaupt nichts berührt. Laut, lauter und noch viel lauter. Damit konnte ich nichts anfangen. Das Schlimmste für mich als lebenslanger Goethe-Freund war die mangelnde Textverständlichkeit. Ist ja nur ein unbedeutender Text von einem toten Dichter, versteht eh keiner mehr. Die Enttäuschung bei mir war enorm.

  3. 1.

    Danke, Jens Lehmann, Sie beschreiben genau mein Empfinden. Angesichts des schier nicht endenwollenden Jubels hatte ich mich schon als Nörglerin empfunden. Und ja: mich haben die peinlichen Reden zu Beginn auch gestört. Die waren wahrlich altersdiskriminierend...

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