Die Anwältin und gleichzeitig Mutter der 9-jährigen Klägerin vor dem Verwaltungsgericht (Quelle: rbb/Morling)
Video: rbb | 16.08.2019 | Ulf Morling | Bild: rbb/Morling

Urteil des Verwaltungsgerichts - Neunjährige Berlinerin darf nicht in Knabenchor mitsingen

Das Verwaltungsgericht Berlin hat am Freitag die Klage einer Schülerin abgewiesen, die im Staats- und Domchor, einem reinem Jungenchor, mitsingen wollte. Zur Begründung führte das Gericht die Kunstfreiheit an. Eine Berufung ist möglich. Von Ulf Morling

Ein neunjähriges Mädchen aus Berlin hat keinen Anspruch darauf, im Staats- und Domchor mitzusingen. Das hat am Freitag das Verwaltungsgericht Berlin entschieden. Das Recht auf Kunstfreiheit überwiege bei der Entscheidung des Chores, das Mädchen abzulehnen, befand das Gericht. Das Klangbild eines Chores habe Vorrang vor den Interessen der Klägerin.

Neunjährige hat laut Mutter beste Voraussetzungen

Die Mutter des Mädchens, eine Juristin, die die Neunjährige vor Gericht auch als Anwältin vertritt, ist der Auffasung, dass ihre Tochter beste Voraussetzungen für die Aufnahme in den Chor mitbringt. So war die Schülerin an einer musikbetonten Berliner Schule mit einer hohen Punktzahl aufgenommen worden. Zuvor hatte sie bereits im Chor der Komischen Oper in Berlin und in der Domsingschule in Frankfurt am Main gesungen. In beiden Fällen handelt es sich um gemischte Chöre.

Im November 2018 hatte sie sich um einen Platz im Staats- und Domchor beworben, der seit seiner Gründung im Jahr 1465 ausschließlich mit Jungen besetzt wird. Die Entscheidung, die Neunjährige nicht aufzunehmen, sei jedoch keine Verletzung des im Grundgesetz verankerten Diskriminierungsverbots, urteilte die Dritte Kammer des Berliner Verwaltungsgerichtes. Es entspräche in diesem Fall der Kunstfreiheit, dass die dreiköpfige Auswahlkommission des Chores sich gegen das Mädchen entschieden habe.

"Niemals kann ein Mädchen in einem Knabenchor mitsingen"

Ein halbes Dutzend Fernsehteams, Radiostationen, Print- und Internetmedien verfolgte die mehrstündige Verhandlung, die ohne die Neunjährige stattfand. Man wolle sie schützen, sagte ihre Mutter, und fragte: "Warum soll es nicht Mädchen in einem Knabenchor geben?" Die Universität der Künste (UdK), bei der der Chor angesiedelt ist, sei eine öffentliche Bildungseinrichtung und habe eine diskriminierungsfreie Bildung zu ermöglichen - ob für Mädchen oder Jungen.

"Es geht um Bildungschancen, es geht um eine hochwertige musikalische Ausbildung, von der bislang Mädchen beim Staats- und Domchor ausgeschlossen sind", sagte die Mutter am Rande der Verhandlung dem rbb. "Und die Frage ist natürlich: Ist das heute noch zeitgemäß?" Auch sei die Ausbildung beim Staats- und Domchor qualitativ hochwertiger als die bei vergleichbaren Mädchenchören in Berlin. Das Kind sei nur aufgrund seines Geschlechtes abgelehnt worden.

Dagegen wurde ein Dekan der Udk vor Gericht mit den Worten zitiert: "Niemals kann ein Mädchen in einem Knabenchor mitsingen." Daraus leitete die Mutter letztlich eine Diskriminierung ab.

Chorleiter hält Neunjährige für nicht geeignet

Der Staats- und Domchor hatte die Schülerin zu einem Vorsingen eingeladen, doch Chorleiter Kai-Uwe Jirka war der Auffassung, dass dem Mädchen die Voraussetzungen für ein Spitzenensemble fehlen. So tritt der Chor etwa mit den Berliner Philharmonikern und dem Konzerthausorchester Berlin auf. In einer Stellungnahme hatte Jirka seine Entscheidung auch schriftlich begründet.

Zu seiner Motivation habe das Kind gesagt, es wolle einmal etwas Neues machen - das reiche aber nicht aus, führte Jirka vor Gericht aus, denn die Belastung mit Proben und Auftritten sei sehr groß. Beim Vorsingen habe sich gezeigt, so der Chorleiter weiter, dass das Mädchen nicht zur Ausrichtung und zum Klangbild des Chores passe. Das treffe nicht auf jedes Mädchen zu, weil es auch solche gebe, die Jungenstimmen hätten.

"Bei uns kommen uns auch Jungs im Rock zur Probe, da wird niemand diskriminiert", sagte der Chorleiter, bevor er zur nächsten Probe aus dem Gerichtssaal eilte. Wenn alles gepasst hätte, wäre die Neunjährige auch aufgenommen worden. In der 554 Jahre währenden Geschichte des Chores wäre sie damit allerdings das erste Mädchen überhaupt gewesen.

"Klägerin" steht auf dem Schild im Plenarsaal des Verwaltungsgerichtes am 16.08.2019. Eine Mutter will, dass der Staats- und Domchor zu Berlin ihre Tochter aufnimmt. (Quelle: dpa/Paul Zinken)

Streit um gleiche Teilhabe an staatlichen Leistungen

Nach Angaben des Staats- und Domchores, der als älteste musikalische Einrichtung Berlins gilt, sind Mädchenstimmen schon häufiger abgelehnt worden - mit der Begründung, dass zwischen Mädchen- und Jungenstimmen anatomische Unterschiede bestünden, was zu einem veränderten Klangbild führe. Auch sei es "pädagogisch und musikalisch kontraproduktiv", Mädchenstimmen auf Jungenstimmen und umgekehrt zu trimmen, sagte der Chorleiter vor Gericht. Vielmehr müsse man den Kinderstimmen Raum für ihre natürliche Entwicklung geben.

Die Mutter der Neunjährigen hatte das Vorsingen nicht abgewartet, sondern schon vorher Klage eingereicht. Das Mädchen fühle sich aufgrund ihres Geschlechtes diskriminiert. Zudem ist die Mutter der Meinung, dass der Chor mit seiner Entscheidung das Recht auf gleiche Teilhabe an staatlichen Leistungen verletze.

Verfahren könnte in die Berufung gehen

Die Anwältin der UdK, Beate Harms-Ziegler, zeigte sich über das Urteil erfreut, weil es die Kunstfreiheit stärke und das Klangbild des Chores schütze. In diesem Rahmen habe der Dirigent "die Wahl der Stimminstrumente, wenn Sie so wollen", sagte die Juristin dem rbb.

Der neunjährigen Klägerin steht es nun offen, in Berufung vor dem Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg zu gehen. Dort könnte anders entschieden werden, da es sich um einen der seltenen Fälle handelt, in denen die Grundsätze des Gleichbehandlungsgebots (Art. 3 Grundgesetz) in Konflikt mit der Kunstfreiheit (Art. 5 Grundgesetz) geraten.

Sendung: Abendschau, 16.08.2019, 19.30 Uhr

Beitrag von Ulf Morling

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69 Kommentare

  1. 69.

    Ohweh, jetzt sind die Thomaner dran.

    https://www.mdr.de/sachsen/leipzig/leipzig-leipzig-land/maedchen-vorsingen-thomanerchor-100.html

    Die schleift ihre Tochter tatsächlich durch die ganze Republik!

  2. 68.

    Falsch. Das ist genau der Punkt, an dem jeder klassische Klangkörper ein Höchstmaß an Präzision investiert und von seiner entscheidenden Jury fordert. Um eben genau das charakteristische Klangbild zu erhalten. Nicht jeder Junge, der halbwegs geradeaus singen kann, wird damit ein geeignetes Mitglied des einen Knabenchores sein - des anderen aber vielleicht schon. Mit dieser Tatsache durften sich schon Generationen abgelehnter (und des wegen nicht einer Psychose anheim gefallene) Jungen auseinandersetzen, ohne, dass sie zu einer Klage greifen, um ihr vermeintliches Recht durchzusetzen.

  3. 67.

    Sie wurde abgelehnt, weil ein reiner Knabenchor eine andere Klancharakteristik besitzt und pflegt als ein gemischter Kinderchor. Es sollte doch nun mittlerweile klar sein, dass dies eine nicht von der Hand zu weisende Tatsache ist. Natürlich muss diesen Sachverhalt nicht jeder musikalischen Traditionen ferner Mensch verstehen. Ändert aber nichts daran, dass sich Ensemble zur Wahrung der eigenen Klangcharakteristik immer wieder gegen solche Versuche wehren werden. Im Übrigen machen klassische Orchester nichts anderes: es wird nach fachlicher Eignung eingeladen zu einem Probespiel und selbst wenn die Leistung den Anforderungen entspricht kommen neben einer menschlichen auch Kriterien der klanglichen Eignung bei einer Entscheidung für oder gegen einen Kandidaten zum Tragen. Hier mit einer Quote argumentieren zu wollen ist blanker Nonsens.
    Es wird der "Karriere" des Mädchens keinen Abbruch tun, ihre stimmliche Entwicklung außerhalb eines Knabenchores voranzutreiben. Alles gut.

  4. 66.

    Was für ein absurder Fall.
    Wer weiß schon, was die Mutter/Anwältin für Traumata mitsich herumschleppen, wieviel Ablehnung sie erfahren hat.
    Nun muss es die Tochter ausbaden.
    Meint wirklich auch nur einer, dass das Mädchen, die sich in einen Chor, Verein u.a. einklagen, akzeptiert wird?
    Hey, du kannst zwar nicht singen, aber wir schleppen dich durch? Weil deine Mutter es auf deinen Rücken durchsetzte?
    Was denkt sich aber dabei ihre Mutter/Anwältin? Den haben wir's gezeigt?
    Wirklich, zwei bedauernswerte Personen.
    Opfer des ganzen Gender- und MeToo-Wahns.

  5. 65.

    Es ist traurig, wie wir mit unseren Traditionen umgehen.
    Leider fehlt manchen Menschen in ihrem Gleichmachungswahn das Gespür dafür. Hauptsache ideologisch begründet "Gesicht gezeigt", durchgegendert und auf der richtigen Seite der Geschichte stehend - kennen wir alles schon. Aber halt, selbst in der DDR hatte man noch einen Funken Ehrfurcht vor seinen kulturellen Traditionen: Die diversen Knabenchöre wurden gehegt und gepflegt, waren sie doch auch Kulturbotschafter. Wer würde heute in Japan oder Argentinien einen gemischten Knabenchor mit allerlei anderen der 53 Geschlechter hören wollen, auch wenn er schon 500 Jahre besteht?
    Übrigens:
    Entsetzlich, wie Frau Mama schon im Dezember v. J. im tagesspiegel auf die Thomaner losgelassen wurde und ihnen mit einer Klage drohte, wenn sie nicht bald Mädchen aufnehmen. Da hat sie noch elegant verschwiegen, dass es ihr eigentlich doch nur um ihre eigene Tochter ging... das wird noch mal ganz großes Kino, wette ich.

  6. 64.

    Schade, immer dann wenns lustig werden könnte.

  7. 63.

    Hier ist es u. A. zu lesen:
    https://www.rbb24.de/kultur/beitrag/2019/08/berlin-staats-domchor-eltern-eines-maedchens-klagen-auf-aufnahme.html

    Wer suchet, der findet...... Auch die Nadel im Heuhaufen ohne jedes Wort aufs Silbertablett zu legen.

  8. 61.

    Man kann sich ja nur hier auf den Text vom RBB beziehen, aber wenn selbst der Dekan von UdK sagt "Niemals kann ein Mädchen in einem Knabenchor mitsingen.", dann klingt das nicht danach, dass es um Talent ging.
    In welchem Absatz steht, dass sie wegen fehlendem Talent nicht genommen wurde? Ich lese nur raus, man hätte Angst, dass sich das Klangbild verändere. Aber das Klangbild ändert sich bei jeder Neubesetzung.

  9. 60.

    Ich sehe nach wie vor nicht, dass das Mädchen diskriminiert wurde. Dieser Knabenchor hat eine lange Tradition. Die darf die Mutter des Mädchens einfach mal akzeptieren.

  10. 59.

    Nein, es wurde wegen der des Talents abgelehnt. Das Mädel ist stimmlich durchs Raster gefallen.
    Sie wurde ja zum Vorsingen eingeladen.
    Wer lesen, das Gelesene auch verstehen kann, ist klar im Vorteil.
    Mochtest Du jetzt Staatstrauer ausrufen, wegen einer erfolglos klagenden, profilneurotischen Mutter, die ihrer Tochter nur noch mehr Druck macht und die (hoffentlich nicht), wenn sie dem Druck u. U. nicht standhielte, ein Fall für Psychologen werden könnte?
    Gehe raus, treff Dich mit Freunden, mache Party und reite bitte nicht dauernd auf dieser Diskriminierungswelle. Die bricht sich irgendwann am Strand der Realität.

  11. 58.

    Berlinerisch sollte heutzutage nicht mehr abwertend sein. Spricht Bände, wer mit Kindern zu tun hat wüsste, dass das gar nicht mehr geht und man damit Gefühle verletzt. Im Übrigen wurden auch Jungs oft so betitelt.

  12. 57.

    Göre gehört schon lange zu den Worten, die man nicht mehr sagen sollte. Ja, gehörte zum Berlinerischen, aber zu Zeiten, als Kinder von Erwachsenen noch komplett dominiert und nicht für voll genommen wurden und noch geschlagen werden dürften. Hätte man jemals Göre zu meinen Kindern, Enkeln oder den Nachkommen von Familienangehörigen oder Freunden gesagt, wär derjenige-zurecht-aber angezählt worden. Das ist respektlos. P.S.: Damals sagte man auch "Männeken". So möchte auch kein Mann genannt werden.

  13. 56.

    Warum sollte ich ein Wurbürger sein? In Gutachter hat festgestellt, dass sie die Qualifikation für diesen speziellen Chor nicht hat. Sie könnten schließlich auch kein objektiver Journalist sein, weil Sie nur Ihre eigene Meinung zulassen. Und jetzt ist Ruhe im Karton und Sie gehen in den Keller und backen sich ein Eis drauf!

  14. 55.

    Das war mein erster Kommentar hier überhaupt. Wenn also Gören schon für Sie ein Unding sind. Wie wäre es mit Blagen Koten, Bälger, Knirps? Hoffentlich tun Sie sich jetzt nichts an? Aber Kinder werden überall so genannt. Ihnen würde ich allerdings zu 4trauen, das Sie Ihre Kinder Siezen!

  15. 54.

    Das ist ja gerade die Diskriminierung, die sie selber beschreiben. Das Mädchen wurde nur abgelehnt, weil es ein Mädchen ist. Es spielt also keine Rolle, ob das Mädchen mit der gleichen Stimme singen kann, wie ein Junge, der dort genommen wurde.
    Dann ist das Leistungprinzip völlig außer Kraft gesetzt. Im Berufsleben funktioniert das dann auch? Also die Bewerberin erfüllt die Voraussetzungen, aber wir sind halt alles Männer und sie ist eine Frau.

  16. 53.

    Troubadix auch nicht.

  17. 52.

    Göre ist abwertend, vorallem wenn man sich den Kommentar von ihnen durchliest. In ihrem Sozialenumfeld bezeichnen sie regelmäßig Mädchen als Gören? Natürlich nur für den Fall, dass sie ein Sozialesumfeld besitzen.

  18. 51.

    Es gibt immer Vorteile und Nachteile. Wenn ein Miethaus durch Vernachlässigung fast auseinander fällt, dann würden sich die anderen Mieter über einen Juristen im Hause freuen. Und was ist das Problem hier, die Frau kann doch klagen, wie leben in einem Rechtsstaat, der Richter entscheidet doch dann letztlich.
    Und hier gibt es ja zwei Aspekte. Wurde das Mädchen abgelehnt, weil es nicht die Leistung im Bereich der Stimme bringt oder wurde sie abgelehnt, weil sie ein Mädchen ist. Beim zweiten Fall ist es Diskriminierung und Klagefähig.

  19. 50.

    Psssst, der kann doch nüscht dafür sein...... Der is nich von hier, der tut nur so..... .. Der spricht doch keen Berlinerisch.....

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