Mitglieder des Staats- und Domchores Berlin (Quelle: UdK/Staats- und Domchor/M. Heyde)
Audio: Inforadio | 16.08.2019 | Michael Ernst | Bild: UdK/Staats- und Domchor/M. Heyde

Berliner Staats- und Domchor - Mädchen will sich in Knabenchor einklagen

Seit dem Jahr 1465 singen im Berliner Staats- und Domchor Berlin ausschließlich Jungen. Ein neunjähriges Mädchen und ihre Mutter gehen nun juristisch dagegen vor: Der Chor verletzte den Anspruch auf gleiche Teilhabe an staatlichen Leistungen.

Der Staats- und Domchor ist eine Berliner Institution und nach eigenen Angaben die älteste musikalische Einrichtung der Stadt. Gegründet wurde er im Jahr 1465 ("Singeknaben") - unter dem damaligen Kurfürsten Friedrich II. Heute probt und singt er unter dem Dach der Universität der Künste (UdK) - und ist noch immer ein reiner Jungenchor.

Am Freitag nun verhandelt das Berliner Verwaltungsgericht die Klage im Namen einer Neunjährigen, die im Staats- und Domchor singen möchte.

Mutter besteht auf Gleichbehandlung

Mädchenstimmen seien schon häufiger abgelehnt worden, heißt es in einer Mitteilung des Verwaltungsgerichts. Mit der Begründung, dass zwischen Mädchen- und Jungenstimmen anatomische Unterschiede bestünden, "was zu differenzierten Chorklangräumen führe". Aus diesem Grund hat der Staats- und Domchor im Frühjahr die Bewerbung des Mädchens abgelehnt.

Zwar könnte die Neunjährige auch in der Singakademie singen, die ausschließlich Mädchen vorbehalten ist - doch "mit Blick auf das Renommee, die Förderung und das Gesangsrepertoire" der Jungen glaubt die Mutter der Neunjährigen, dass die Förderung dort hinter dem Staats- und Domchor zurückbleibt.

Auswahlkommission ließ Neunjährige vorsingen

Bis Januar 2018 hatte die junge Künstlerin laut Verwaltungsgericht im Kinderchor der Komischen Oper Berlin gesungen; von Februar bis August 2018 in der Domsingschule in Frankfurt am Main - beides gemischte Chöre. Im November 2018 dann bat die Mutter um Aufnahme in den Staats- und Domchor.

Dieser gewährte der Neunjährigen ein individuelles Vorsingen, doch überzeugen konnte sie die Auswahlkommission nicht. Um aufgenommen zu werden, reiche Motivation alleine nicht aus, teilte die Kommission mit. Zudem bestünden aufgrund der Klage Zweifel an einer vertrauensvollen Zusammenarbeit mit den Eltern - Grundlage für die persönliche Ausbildung einer Kinderstimme.

Universität der Künste beruft sich auf "Kunstfreiheit"

Die Klägerin und ihre Mutter machten geltend, dass die Beschränkung auf Jungen sie in unzulässiger Weise diskriminiere, teilt das Gericht weiter mit. Doch die UdK weist das zurück. Die Nichtaufnahme sei nicht allein auf das Geschlecht zurückzuführen.

Vielmehr wäre das Mädchen aufgenommen worden, wenn sich die Auswahlkommission von einer außergewöhnlichen Begabung, hoher Leistungsmotivation und entsprechender Kooperationsbereitschaft der Erziehungsberechtigten hätte überzeugen können - und wenn die Stimme dem angestrebten Klangbild eines Knabenchores entsprochen hätte. Eine Entscheidung darüber zu treffen, falle in den Bereich der Kunstfreiheit.

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Antwort auf [wolfgang] vom 16.08.2019 um 11:18
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60 Kommentare

  1. 59.

    Tobias behauptet, der Staats- und Domchor sei gar kein Knabenchor? Warum wird dann prozessiert?? Wie kommt es, dass alle Veröffentlichungen das behaupten??? Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Staats-_und_Domchor_Berlin - und alllein der Besuch der Konzerte beweist es..... Egal, das Mädchen ist nun gestraft genug - in der Süddeutschen Zeitung wurde die Mutter zitiert, dass ihre Tochter nicht während der Gerichtsverhandlung anwesend sein wollte, weil es schon jetzt stark angefeindet würde. Und auch die Mutter ist gestraft - sie muss die Kosten tragen und ihrer Tochter tröstend zur Seite stehen, die sich nun ganz auf ihre schulischen Leisitungen konzentrieren muss - schließlich muss sie einen super Notendurchschnitt haben, sonst kann auch das Musik-Gymnasium ablehnen... Und sämtliche Chöre wissen Bescheid, die können aufgrund ihrer Vereinsstruktur sowieso ganz frei entscheiden, wen sie aufnehmen wollen... Da hilft irgendwann nur Heirat und Namensänderung...

  2. 58.

    Es ist kein Knabenchor laut Ausschreibung, sondern der Staats- und Domchor. Ich würde mal ehr den Vergleich bringen, dass ich einen Sportclub oder ähnliches an einer Universität eröffne und nur Männer Mitglied werden können. Gleichzeitig lass ich mich aber von Steuerzahlern bezahlen, worunter auch Frauen sind.

  3. 57.

    Sehr naiv von ihnen. Man kann auch Personen zum Bewerbungsgespräch einladen, mit der Absicht sie so oder so abzulehnen. Vielleicht einfach mal mit Leuten reden, die im Personalbereich arbeiten.

  4. 56.

    Bin mal gespannt, wann sich die erste Frau in eine Boy Band einklagt. "Take That" würde dem Kampfstil von ultra-Feministen wohl am besten gerecht werden.

    Es geht um einen KNABEN-Chor!!!

    Ich klage ja auch nicht auf ein Steak in einem Vegan-Restaurant.

  5. 54.

    Von welcher Chimäre werden Sie den geritten? Mit Verlaub ,etwas mehr
    Gelassenheit ,weniger Fanatisch und mehr Toleranz.Vor allem geschlechtsspezifische Gelassenheit, liebe Frau.Bitte nicht persönlich meinen mit der lieben Frau.

  6. 53.

    Liebes Team des rbb,
    Sie titeln "Mädchen will sich in Knabenchor einklagen" , aber Sie meinen doch sicher nicht allen Ernstes, dass die Iniative zu der Klage von einem neunjährigen Kind ausgeht?

    Gruß
    Hajakon

  7. 52.

    Die Mutter und Anwältin begründet die Klage mit dem Anspruch auf Bildung.
    Läuft grad ein Bericht im Mittagmagazin. Ich bin gespannt, ob die profilierungssüchtige Mutter in der Eigenschaft als Anwältin, vom Verwaltungsgericht hoffentlich ausgebremst wird.
    Hätte das Mädchen keinen Anwalt als Elternteil, hätte es eh keine Chancen bekommen, also warum soll ihre Tochter nach dem häufigen Wechsel der Chöre (sie werden wissen warum sie nicht mehr dort singen darf) daher dermaßen privilegiert werden sollen.
    Und wenn die Auswahlkommission das Mädel hat gar vorsingen lassen und es abgelehnt wurde, hat die Klage keinen anderen Zweck als die Durchsetzung des Egos einer enttäuschten Heli-Mama.

  8. 51.

    Der Begriff der Kunstfreiheit wird von der Universität missbraucht.

  9. 50.

    Wer hat denn diese Mutter auf dem Gewissen.Die Tochter überblickt nicht was die Mutter ihr damit antut.Warum geht die Tochter nicht in einen gemischten Chor ? Warte nur bis sich ein Junge in die Nationalmannschaft der Frauen einklagt.Die Mutter hat ein sehr starkes Bedürfnis sich wichtig zu machen.Die Gerichte müssen sich damit beschäftigen.

  10. 49.

    Liebe Heike, sobald ein Urteil fällt, werden wir natürlich sofort darüber berichten. Noch dauert die Verhandlung an. Beste Grüße

  11. 48.

    soeben in BZ gelesen---
    Die Mutter des Mädchens, Dr. Susann Bräcklein, ist gleichzeitig die Anwältin.
    „Ich bin die Mutter der Klägerin. Meine Tochter hat mich gebeten, sie zu vertreten“, sagte sie vor Gericht.

  12. 47.

    Lieber rbb, ich habe gerade in den Nachrichten gehört, das heute das Urteil gesprochen wird. Es wäre nett wenn Sie uns hier eine Info zukommen lassen würden.

  13. 46.

    Oh je. Sinn oder Unsinn, Recht oder kein Recht. Vielliecht möchte der Zuhöhrer eines Knabenchors auch einfach keine Mädchenstimme hören!? Wenn ich ins Fussballstadion gehen, möchte ich ja auch kein Damenvolleyball schauen.

  14. 45.

    Nicht zu fassen! warum müssen sich gerichte denn nun auch noch damit beschäftigen?
    Es gibt mädchenchöre - soll sie doch dahin gehen!
    Habe für das verhalten der mutter gar kein verständnis!
    Kann mich Helmut Krüger nur anschliessen.
    Warum kapiert das die Mutter nicht?!

  15. 43.

    Bei allen Versuchen, Erfolgen und Misserfolgen, was die Emanzipation und die sinnvolle Nivellierung der Geschlechtsunterschiede angeht: So überfällig die gleichrangige Besetzung in Vorstandsetagen ist, um die Festungsmentalität der eingeschworenen Herrenrunde endlich zu überwinden, so gibt es doch wohlverstandene Bereiche, die geschlechtsspezifisch bleiben werden. Ich denke da an die Hebammen einerseits und an der Gerüstbauer andererseits. 50 % Quoten in diesen Bereichen wären genauso unsinnig, wie aus stimmlich vorgeprägten Chören so ziemlich mit aller Gewalt etwas anderes zu machen.

    Eine Veränderung kann nur aus der Kunst selber kommen. Alles andere ist Bevormundung, und niemand leidet wirklich drunter, sänge er oder sie spezifisch dort nicht mit.

  16. 42.

    Oh Gott, was konsumieren Sie denn so den Ganzen Tag? Yellopress und die BLÖD? Aber im Dunkeln ziehen Sie sich nicht auch noch zufällig aus, oder?

  17. 41.

    DDas nenne ich ins Schwarze getroffen. Ganz im Sinne von Monty Python. In deren „Das Leben des Brian“ werden alle relevanten Weltprobleme - von Anbetung bis Rettung - mit dem gleichen Ernst behandelt. Die Geschlechterfrage bildet einen Schwerpunkt!

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