Die Autorin Sabine Rennefanz (r) und die Schaupielerin Kathleen Morgeneyer lesen zusammen im Deutschen Theater "Die Geschichte hat uns wieder" (Bild: Arno Declair)
Audio: Infopradio | 26.08.2019 | Hans Ackermann | Bild: Arno Declair

Saisoneröffnung im Deutschen Theater - Geschichten aus dem "Reiß-dich-zusammen-Land"

Kathleen Morgeneyer und Sabine Rennefanz wurden in den 1970er Jahren in der DDR geboren und gehören zur sogenannten "Nachwende-Generation". Im Deutschen Theater haben beide eindrucksvoll aus ihrem Leben berichtet. Von Hans Ackermann

Fast ein wenig schüchtern kommen die beiden Frauen auf die Bühne. Die Zurückhaltung der beiden ist verständlich - immerhin werden sie dem Publikum in den folgenden Minuten ihre private Lebensgeschichte erzählen. Keine Fiktion, sondern eigene Erlebnisse. Manches davon erscheint zunächst banal, wie der Spaziergang mit der Familie, an den sich Kathleen Morgeneyer zu Beginn der Lesung erinnert: "Wir laufen durch den Wald, meine Mutter, mein Bruder, mein Stiefvater und ich."

Der Stiefvater war dort im thüringischen Wald allerdings Grenzsoldat, erfährt man wenige Sätze später. "Mein Stiefvater sagt, meine größte Angst war, dass der neben mir abhauen wollte und ich mit müsste oder ihn verpfeifen müsste oder auf ihn schießen müsste - und das in Sekundenschnelle zu entscheiden."

Perspektivwechsel sorgen für Spannung

Die Grenzzäune sind längst abgebaut, aber die Erinnerungen des Stiefvaters leben auch im Kopf der Tochter weiter. "Dann plötzlich gingen die Leuchtraketen los - Rot, Alarm, Grenzübertritt, Riesenverwirrung und Angst."

Würde Kathleen Morgeneyer in solchen kargen Sätzen nur ihre Kindheit schildern, man würde dem recht monotonen Vortrag vielleicht nicht allzu lange folgen. Doch gibt es immer wieder interessante Perspektivwechsel - etwa wenn die Schauspielerin ihren jüngeren Bruder erzählen lässt und dabei auch dessen aggressive Haltung verstörend echt darstellt. Schon zu DDR-Zeiten ist er immer weiter abgedriftet, bis hin zum rechtsradikalen Holocaust-Leugner. Auch geschwisterliche Eifersucht kommt zum Vorschein. "Meine Schwester redet ja immer gern über mich. Ich bin der Rechtsradikale, der Rechte, ich hatte die Glatze und die Ahnentafel und die Bomberjacke und die Waffe im Haus und die Kathleen, die war der Engel."

Strich über dem Wahlzettel

Kathleen Morgeneyer wurde 1977 in der DDR geboren, Sabine Rennefanz ist Jahrgang 1974. Und auch Rennefanz erinnert sich an Eltern und Geschwister, erzählt in der Lesung ausführlich die Geschichte ihrer Großmutter. Bei deren Begräbnis wird das emotionale Dilemma der DDR besonders deutlich. "Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Meine Tanten, Onkel und Cousinen wissen auch nicht, was sie sagen sollen. Wir haben keine Worte, keine Sprache, keine Stimme für das, was wir sagen hätten müssen - wir kommen aus dem Reiß-dich-zusammen-mach-bloss-kein-Theater-Land."

Sabine Rennefanz hat sich bereits 2013 auf sehr individuelle und pointierte Weise mit der Nachwende-Generation beschäftigt. "Eisenkinder" hieß ihr vielbeachtetes Buch. Auch die Lesung schlägt einen weiten Bogen von der Kindheit in der DDR bis zur Gegenwart - und den bevorstehenden Wahlen in Brandenburg und Sachsen. Von Kathleen Morgeneyer erfährt man im Verlauf der Lesung, dass man in ihrer Familie die AfD wählt, während der Vater von Sabine Rennefanz auf andere Weise sein Enttäuschung zum Ausdruck bringt - wie die Tochter im stets schwierigen Dialog mit dem Vater erfährt. "Hast Du mal die NPD gewählt oder eine andere rechte Partei? Nein, noch nie, werde ich auch nie machen. Das Kapitel war ja wohl schlimm genug. Ich gehe in die Kabine und mache einen dicken Strich über den Wahlzettel. Ich will mit denen da oben nichts mehr zu tun haben!"

Die beiden Autorinnen sprechen diesen und auch andere Dialoge mit verteilten Rollen, verhelfen dem authentischen, aber manchmal auch etwas steifen Theaterabend damit zu mehr Leben.

Sendung: Inforadio, 26.08.2019, 7 Uhr

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3 Kommentare

  1. 3.

    Gabs in der DDR kein "Reiß-dich-am-Riemen!"?

  2. 1.

    Ein Stück oder einen Film über die DDR, das/der mal ohne die üblichen Klischees wie Grenze, Stasi usw. auskommt, würde ich mir ansehen. Was mir jedoch immer wieder präsentiert wird, hat zu 98% nichts mit dem zu tun, was ich in der ersten Hälfte meines Lebens erlebt habe. In meinem Umfeld spielten weder Fluchtabsichten noch Stasi oder Rechtsextremisten eine Rolle. Wir waren auch nicht "privilegiert" oder "systemnah". Diese offiziösen DDR-Darstellungen gehen mir inzwischen massiv auf die Nerven.

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