Menschen sitzen bei einem Konzert der East Side Music Days 2019 in Berlin (Quelle: rbb/Dietel)
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Audio: Inforadio | 18.08.2019 | Bruno Dietel | Bild: rbb

Kritik | East Side Music Days in Berlin - Musik für Hutgeld unter LED-Werbewänden

Das Fest für Straßenmusik in Berlin - diesen Anspruch haben die East Side Music Days im neuen Unterhaltungsviertel zwischen Ostbahnhof und Warschauer Straße. Wie Subkultur und Hochglanz-Unterhaltung zusammenpassen sollen, versteht Bruno Dietel allerdings nicht.

Ein Brötchen mit Flusskrebsen direkt aus dem Tiergarten: Schon der Food Truck am Eingang macht deutlich, dass die East Side Music Days auch kulinarisch für das Regionale und trotzdem das Exotische stehen wollen. Vor allem handgemacht soll die Musik sein, die schon das fünfte Jahr in Folge zwischen Oberbaumbrücke und East Side Park zu hören ist. Die größte der insgesamt vier Bühnen steht direkt an der Spree, etwa 500 Leute sitzen im Sonnenuntergang auf den Stufen am Wasser und wippen zu Elektropop von Narou, einem Wiener mit Wahlheimat Berlin.

Menschen gehen über den Musikflohmarkt bei den East Side Music Days 2019 (Quelle: rbb/Dietel)
Zum Musikflohmarkt finden nur wenige Besucher (Quelle: rbb/Dietel). | Bild: rbb

Musikflohmarkt und queerer Synthiepop

Die drei kleineren Bühnen sind auf und hinter dem Mercedes-Platz aufgebaut – benannt wie die große Mehrzweckhalle nebenan. Auf dem kleinen Musikflohmarkt mit Gitarren- und Schallplattenständen haben sich die Aussteller sicherlich mehr Publikum erhofft, kaum einer bleibt stehen. Auf der Bühne am Springbrunnen spielt das Duo Neue Deutsche Wahrheit queeren Synthiepop mit pathetischen Texten. Sänger Paul freut sich vor allem über das vielseitige Publikum: "Super bunt gemischt, habe ich das Gefühl. Familien, Jugendliche, Leute in unserem Alter, aber auch ältere Menschen. Das finde ich immer super, weil es für uns schön ist, wenn diese Musik und diese Ästhetik sich möglichst breit fächert."

Französischer Rap und Neosoul mit Trompete

Hinter dem Springbrunnen ist ein Kinderzirkus aus Kreuzberg zu Gast, eine Mini-Skate-Halfpipe ist aufgebaut. Ein paar Meter weiter wummern Bässe wie in einem Berliner Technoclub, die Bühne für DJs lässt beim überwiegend internationalen Publikum Open Air- und Festivalstimmung aufkommen.

Die meisten Menschen bleiben allerdings bei der Bühne stehen, auf der besonders unterschiedliche Musikrichtungen zu hören sind. Die aus Leipzig nach Berlin gekommene Sängerin Yetundey rappt auf Französisch, einige textsichere Fans sind gekommen. YY überzeugen mit einem Live-Trompeter und Neosoul-Sound. Und der Rapper Lexodus erinnert mit seiner Art an den Londoner HipHop-Stil Grime – immer mehr Leute fangen unter einem Meer von Lichterketten an zu tanzen.

Menschen hören ein Konzert bei den East Side Music Days 2019 (Quelle: rbb/Dietel)
Die meisten Zuschauer zieht es zur großen Bühne direkt an der Spree (Quelle: rbb/Dietel). | Bild: rbb

Unterground-Sound neben riesiger Autowerbung

Handgemachte Musik zwischen riesigen LED-Werbewänden, die einen neuen SUV anpreisen. Musikalische Kiezkultur in der Umgebung eines Einkaufsparks mit mehreren Hotels, zwei Mehrzweckhallen und einer neuen Mall. Eigentümer des Geländes und Veranstalter ist die Anschutz Entertainment Group, die Bands spielen für 50 Euro Aufwandsentschädigung, Hutgeld und Verpflegung. Die East Side Music Days sind der Versuch einer kulturellen Belebung des jungen, farblosen Quartiers am Ostbahnhof – so ganz zusammenpassen mag das aber auch im fünften Jahr noch nicht.

Am Sonntag ist der zweite Tag der East Side Music Days zwischen Ostbahnhof und Oberbaumbrücke – Livebands sind von 14 bis 19 Uhr zu sehen, der Eintritt ist frei.

Sendung: Inforadio, 18.08.2019, 8:11 Uhr

Beitrag von Bruno Dietel

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1 Kommentar

  1. 1.

    "...so ganz zusammenpassen mag das aber auch im fünften Jahr noch nicht."

    Ich glaube, das wird im zehnten Jahr durchaus zusammenpassen, wenn die Music Days neben dem morbiden Charme einer verlassenen Pleite-Mall stattfindet. Ich freue mich zumindest schon drauf :-)

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