Birgit Liedtke im Konzert. (Quelle: Andreas Felber)
Audio: Inforadio | 03.08.2019 | Hans Ackermann | Bild: Andreas Felber

Konzertkrtitik | Birgit Liedtke in der Bar jeder Vernunft - Wie aus Zwischenräumen Freiräume werden

Beim 5. Frauensommer in der Bar jeder Vernunft war am Freitag die Wiener Sängerin Birgit Liedtke zu Gast. Nach ihren Geschichten aus dem Zwischenraum hofft Hans Ackermann auf einen weiteren Auftritt in Berlin.

"Jetzt bis du fort und meine wunderbare Zukunft ist dahin", singt Birgit Liedtke zu Beginn ihres Auftritts am Freitag in Berlin. Aus heiterem Himmel ist sie plötzlich allein und verlassen, findet sich irgendwo im Nirgendwo wieder. An diesem deprimierenden Ausgangspunkt beginnt die Wienerin ihre philosophisch-künstlerische Betrachtung des "Zwischenraums". Ein komischer Ort sei das, wie sie den rund 200 Zuhörern in der gut gefüllten Bar jeder Vernunft erzählt. All dieses "Zwischen". Zwischen den Stühlen, zwischen den Fronten - ja, wo ist man denn da, da ist ja nix! Links ist was, rechts ist was, davor, dahinter - aber der Zwischenraum, "der entzieht sich".

Mit nachdenklichen Texten gestaltet Birgit Liedtke einen anspruchsvollen Poesie- und Musikabend. Es geht um eine ernste Lebenssituation, in die man jederzeit geraten kann: eine Beziehung, die endet, ein Arbeitsplatz, der verloren geht, eine Heimat, die man verlassen muss - schon ist man dort, wo erstmal nichts ist. Es sei denn, man füllt diesen Freiraum, kreativ wie Kinder, mit Inhalt. Dann können aus den Zwischenräumen, wie die Künstlerin freudig erklärt, plötzlich "Spielräume" werden.

Elektro, akustische Gitarre und Animationen

Musikalisch kann man Birgit Liedtke der Einfachheit halber dem Chanson zurechnen. Tatsächlich modernisiert sie dieses Genre nach Kräften - von elektronischer Kammermusik, die sie selbst am Computer komponiert, bis zum guten alten Lied mit akustischer Gitarrenbegleitung. Letzteres Instrument darf sie sich in ihren Programmen ruhig noch öfter umhängen - die puren Lieder gehören zu den stärksten musikalischen Eindrücken des Abends.

Birgit Liedke ist aber auch Filmemacherin und fügt ihrer Performance immer wieder Videoprojektionen hinzu. Wie beim Lied vom Fischauge - eine gruselige Kindheitserinnerung an das Mittagessen -, das auf der Bühne multimedial dargestellt wird, in einem Animationsfilm mit Forellen auf Porzellantellern.

Liedke erzählt persönliche Geschichten und offenbart tiefste Gedanken; man kommt der Künstlerin im Laufe des perfekt inszenierten Abends irgendwie näher, spürt aber auch ihre Distanz: "Außer dass ich hier singe, ist nicht viel los hier", eröffnet sie launig dem Publikum. Diese Schroffheit ist allerdings nur gespielt. Und so bleibt die Stimmung im Spiegelzelt gut, ohne aber irgendwann auch einmal ausgelassen zu werden.

Am Ende des Konzerts macht die vielseitige Künstlerin noch einmal Mut: In all den Zwischenräumen, die sich manchmal auftun würden, könne man auch echte Überraschungen erleben: "Manchmal entdeckt man etwas, das die ganze Zeit über schon da war. Man hat es nur vorher nicht bemerkt."

Birgit Liedtkes Auftritt beim 5. Frauensommer war zugleich das Berlin-Debüt dieser klugen Künstlerin aus Wien - die hoffentlich bald wiederkommen wird.

Beitrag von Hans Ackermann

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