Don Giovanni beim Berliner Opernfest. (Quelle: Detlef Kurth Opernfotografie)
Audio: 12.08.2018 | Inforadio | Hans Ackermann | Bild: Detlef Kurth Opernfotografie

Opernkritik | "Don Giovanni" in Berlin - Entschlossen, die Bühne nicht wieder herzugeben

Junge Sängerinnen und Sänger aus 30 Ländern erarbeiten in wenigen Wochen eine Oper, das ist das Konzept der Berlin Opera Academy. Beim zugehörigen Opernfest ebnen sie den Weg für ihre Karrieren - mit "Don Giovanni" im Delphi erfolgreich. Von Hans Ackermann

Näher dran als im großen Saal des Theaters im Delphi kann man dem dramatischen Geschehen nicht sein - wenn Don Giovanni zu Beginn der Oper mit dem Kommandanten ringt und ihn schließlich ersticht. Der Mord wird am Ende des Abends gesühnt, der als Geist wiederauferstandene Komtur zieht den ruchlosen Verführer in die Unterwelt hinab. "Also stirbt, wer Böses tat!" singt dazu das Ensemble. Vorher aber wird nach allen Regeln des Musiktheaters geschworen und gekämpft, gehasst und geliebt - Mozarts 1787 uraufgeführter "Don Giovanni" gilt ganz zurecht als die "Oper der Opern".

Hautnah erlebt man in dieser Inszenierung alles mit. Denn statt weit entfernt auf der ohnehin zu kleinen Bühne des ehemaligen Stummfilmkinos zu spielen, singen die acht Hauptfiguren das Drama mitten im Publikum. Der geräumige ehemalige Kinosaal ist dazu in ein großes Caféhaus verwandelt worden. Darin stehen Tische, von denen etwa ein Drittel mit den Akteuren besetzt ist. An den restlichen Tischen sitzen die Zuschauer, die dadurch schnell und unmittelbar zu Beteiligten werden. Von allen Seiten wird man hier angesungen, in nicht wenigen Szenen wackelt der Fußboden und die Tische beben, wenn die Tochter des Kommandanten mit großer Stimme Rache fordert.

Zuschauer werden Teil der Inszenierung

Für manch einen Zuschauer ist diese Nähe zu Donna Anna oder Leporello - beide Partien erstklassig besetzt - fast ein wenig zu nah. Am Beginn des fast dreistündigen Abends muss man sich tatsächlich erst einmal in die intime Aufführungssituation eingewöhnen, um dann auf wunderbare Weise ein Teil der packenden Inszenierung zu werden.

Wenn sich im zweiten Akt das Netz der Verfolger um Don Giovanni langsam zuzieht, herrscht im Bühnen-Saal dunkle Nacht. Tatsächlich sieht man im violetten Schwarzlicht kaum noch etwas. Doch auch hier gewöhnt man sich schnell mit allen Sinnen ein und plötzlich schärft sich in der Dunkelheit das Gehör ganz enorm - wer braucht bei Mozarts expressiven Arien überhaupt die Augen, um ewig gültige Botschaften zu verstehen?

Ein Opernabend mit dieser außergewöhnlichen Nähe zwischen Sängern und Publikum ist natürlich ein riskantes Unterfangen, das hier aber mit einem hervorragenden Ensemble überzeugend gelingt - einschließlich zweier im Raum verteilten Dirigenten und einer äußerst versierten Pianistin, die mühelos ein komplettes Orchester ersetzt.

Die Sommerakademie bereitet vor

Die Kraft und Intensität, die in jeder Szene erreicht wird, ist sicher die Folge der besonders produktiven Stimmung bei dieser Sommerakademie. Hochmotivierte  junge Sängerinnen und Sänger aus der ganzen Welt kommen für vier Wochen zusammen - und sind offensichtlich fest entschlossen, die Bühne nicht wieder herzugeben. Allerbeste Voraussetzung für größere Karrieren in der Zukunft.

Nach den drei Mozart-Opern - Figaros Hochzeit,  Zauberflöte und Don Giovanni -  steht am kommenden Donnerstag und Freitag dann mit "The Crucible" auch eine zeitgenössische Oper auf dem Programm. Komponiert vom 2013 verstorbenen amerikanischen Komponisten Robert Ward, der hier Arthur Millers Drama "Hexenjagd" vertont hat. Auch diese drei Aufführungen werden noch einmal kurzweilig-modernes Musiktheater präsentieren.

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