DDR-Flüchtlinge auf dem Weg in den Westen (Quelle: dpa/Istvan Bajzat)
dpa/Istvan Bajzat
Bild: Video: zibb | 24.07.2019 | Ausreiser Yorck Mäcke

Interview | Buchautorin Jana Göbel - "Ausreisewillige wurden in der DDR systematisch drangsaliert"

Wer der DDR den Rücken kehren wollte, musste sich auf einiges gefasst machen. Denn auf einen Ausreiseantrag reagierte der Staat mit Schikane. Dies sollte der Abkehr dienen - und der Abschreckung anderer. Ein Buch stellt Schicksale Betroffener vor.

rbb|24: Frau Göbel, Sie und Ihre Mitautoren haben für Ihr Buch "Ständige Ausreise" Menschen getroffen, die in der DDR drangsaliert wurden, weil sie einen Ausreiseantrag gestellt hatten. Ist zu dem Thema nicht alles gesagt?

Jana Göbel: Das sollte man meinen. Aber tatsächlich kam mir und meinem Mitherausgeber Matthias Meisner vom "Tagesspiegel" die Idee 2015, als so viele Menschen hier in Deutschland ein neues Zuhause gesucht haben – und ihnen teilweise eine ablehnende Haltung entgegengebracht wurde. Natürlich wurden viele freundschaftlich aufgenommen. Aber es gab eben auch eine Gegenhaltung, vor allem in Ostdeutschland. Mir als Ostdeutsche ist das sehr bitter aufgestoßen, denn ich weiß von vielen Menschen, die aus der ehemaligen DDR ausreisen wollten. Sie waren damals sehr darauf angewiesen, dass sich für sie woanders eine Tür öffnet, durch die sich Möglichkeit ergibt, neu anzufangen. Das, dachte ich, ist ein Grund, nochmal in der Geschichte zurückzuschauen.

Angelika Brauner (Quelle: rbb)
rbb

Wenn man über den "Ausreiseantrag" aus der DDR spricht, klingt das so, als hätte es damals ein feststehendes Prozedere oder gar ein Formular für Ausreisewillige gegeben. War das so?

Es gab überhaupt keine Regelung. Es war sogar bis kurz vor dem Mauerfall gesetzeswidrig, einen Ausreiseantrag zu stellen. Mitte der 70er-Jahre gab es jedoch einen großen Bruch. Denn da hat die DDR zusammen mit 35 anderen Staaten eine Vereinbarung unterschrieben, die mehr Menschenrechte ermöglichte und auch die Reisewege erleichtern und ermöglichen sollte. Und auf dieses Papier, die Schlussakte von Helsinki, haben sich ab dann ganz viele Menschen berufen. Da haben viele zum ersten Mal gesehen, dass es neben den dramatischen und lebensgefährlichen Fluchtversuchen nach internationalem Recht auch eine legale Möglichkeit gibt, das Land zu verlassen. Ab dann ist die Zahl der Ausreiseanträge tatsächlich sehr stark angestiegen.

Was passierte mit DDR-Bürgern, die einen Ausreiseantrag gestellt haben? Ging es ab dann relativ reibungslos?

Für viele begann danach ein Spießrutenlauf. Menschen, die der DDR den Rücken kehren wollten,  wurde das Leben auf vielfältige Weise schwer gemacht. Viele wurden direkt aus ihrer Arbeit entlassen. Insbesondere, wer im Bildungsbereich tätig war, durfte keinen Tag länger bleiben. Eine Lehrerin aus Erfurt musste vier Jahre an der Kasse eines Ladens arbeiten, bis ihr Antrag bewilligt wurde. Das war reine Schikane. Erst als sie nach West-Berlin kam, hat sie wieder als Lehrerin arbeiten können. Auch Studierende sind sofort von der Uni geflogen. Die Kirche hat dann vielen Ausreisewilligen die Tür geöffnet, damit sie überhaupt eine Arbeit hatten. Im Buch schildern wir auch den Fall einer jungen Frau, die kurz vor dem Abitur stand. Als sie einen Ausreiseantrag gestellt hat, musste sie die Schule sofort verlassen. Dann wurden alle Schüler versammelt, und es wurde eine Art Tribunal vollzogen. Sie sollten unterschreiben, dass sie den Kontakt zu dieser "Person" sofort abbrechen.

Diese Schikanen wurden also ganz systematisch eingesetzt?

So hat man versucht, den Leuten zu zeigen, dass ein Ausreiseantrag etwas ganz Schlimmes ist. Aber man hat auch dem Umfeld gezeigt, wie es demjenigen ergeht, der einen solchen Antrag stellt.

Außerdem wurden die, die einen Ausreiseantrag gestellt hatten, immer wieder vorgeladen, um ihnen die Ausreise auszureden. Ein häufiges Argument war, dass man es seinen Kindern nicht antun könnte, in den Westen zu gehen. Dort gebe es Drogen, Kriminalität, Arbeitslosigkeit und große Armut. Es gab auch Fälle, wo die Staatssicherheit versucht hat, die Ausreisewilligen zu erpressen. Eine Frau sollte schneller ausreisen dürfen, wenn sie ihre Arbeitskollegen bespitzelt. Die hat dann gesagt, sie komme aus dem Osten, sei Schlange stehen gewöhnt und könne warten.

Beeinflussen solche Erlebnisse diese Menschen bis heute?

Wir haben festgestellt, dass die meisten - es haben ja viele Journalisten aus ganz Deutschland für das Buch Menschen porträtiert - in sich eine große Stärke haben. Denn sie haben sich und ihrem Umfeld bewiesen, dass solche Repressalien sie nicht brechen können. Am Ende, so ist es in ganz vielen dieser Geschichten zu lesen, fühlen sich die meisten als jemand, der etwas bewältigt hat. Als jemand, der sich dem System entgegengestellt hat und trotzdem seinen Weg gegangen ist. Das sind Menschen mit einer Art innerer Kompass. Den muss man haben, um diese Situation auszuhalten. Denn es hat ja teilweise bis zu fünf Jahren gedauert, bis sie ausreisen durften.

Wie haben die Betroffenen diese jahrelange "Zwischenzeit" erlebt?

Ganz unterschiedlich. Einige haben schnell ihr Hab und Gut unter die Leute gebracht. Sie haben beispielsweise versucht zu klären, wer das Auto – was ja damals ein rares Gut war – nimmt, wenn sie gehen. Manche haben über eine lange Zeit in einer fast leeren Wohnung gelebt, immer in der Erwartung, dass es bald losgeht. Andere wiederum haben genauso weitergelebt wie zuvor. Sie fanden, dass man das Leben nicht anhalten und sich in eine Wartezone begeben kann. Aber man war tatsächlich in einer Wartezone. Keiner wusste, wie lange es dauern würde. Der Staat hat die Länge dieser Wartezeit willkürlich bestimmt, um die Menschen systematisch zu drangsalieren. Wir haben einen Regisseur aus der alternativen Theaterszene porträtiert, der kurz vor der Premiere seines Stückes ausreisen musste. Es ging darum, die Menschen zu erniedrigen. Denn dann musste es ganz schnell gehen. In dem Fall hatte der Mann 24 Stunden, um das Land zu verlassen. Da konnte man sich noch nicht mal richtig verabschieden.

Christian Paul (Quelle: rbb)
rbb

Gibt es ein Schicksal, das Sie besonders berührt hat?

Besonders bewegt hat mich die Geschichte der Familie Paul aus Magdeburg. Da kann man sehen, dass sich Menschen, wenn sie einen festen Willen haben, von nichts abbringen lassen. Die Pauls haben drei Fluchtversuche mit ihrem Trabbi unternommen. Alle sind gescheitert. Sie haben in Ungarn versucht, über die Grenze nach Österreich zu kommen. Dann wollten sie von Bulgarien in die Türkei fahren. Sie sind jeweils an der Grenze zurückgeschickt worden, nachdem sie zum Beispiel behaupteten, sich verfahren zu haben. Danach wollten sie im August 1989 über die besetzte Botschaft in Prag ausreisen. Sie waren mit ihren Kindern über den Zaun geklettert und befanden sich in der Botschaft. Weil dort aber die Zustände so dramatisch waren, wollten sie das ihren Kindern nicht zumuten und sind wieder in die DDR zurückgekehrt. Anschließend haben sie einen Ausreiseantrag gestellt. Wenige Tage, nachdem ihre Ausreise bewilligt wurde, fiel die Mauer. Es ist eine Form von Gewalt, wenn man Menschen in einem Leben festhält, gegen das sie sich entschieden haben.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Sabine Priess, rbb|24

Sendung: zibb, 25.07.2019, 18:30 Uhr

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77 Kommentare

  1. 77.

    Wo wird die hier Stalin positiv dargestellt? Können Sie dies nicht belegen, wäre es eine gemeine Unterstellung ihrerseits.

  2. 76.

    Ach herrjeh..... hier werden die DDR und sogar Stalin positiv dargestellt. In einem freien Land muss man das aber aushalten können. In diesem Sinne: Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.

  3. 75.

    Was sie übertriebenes Wahlversprechen von Kohl nennen ist eben eine Lüge.
    Sie schreiben:
    Wie lange ein neutrales Deutschland in Nachbarschaft zum kommunistischen Machtbereich bestanden hätte kann sich auch jeder ausrechnen.
    Antwort: Haben Sie schon einmal was einem Land Österreich gehört?
    Sie schreiben:
    Im übrigen hatten die Menschen noch bis 1961 Zeit, ins demokratische Deutschland zu wechseln.
    Antwort: Wären die Stalinnoten angenommen worden, dann hat es gar kein Mauer gegeben.
    Wenn sie mit Ostdeutschen redeten, dann erklären sie doch bitte den Erfolg der AfD.

  4. 74.

    Folgender Witz wird in Potsdam erzählt: Lehrer fragt Schüler an Jauchs Katholischen Marienschule in Potsdam.
    Wie wird jemand genannt der gegen die Politik der Regierung ist?
    Schüler fragt: In welchem Land?
    Lehrer verwundert: Warum spielt dies den eine Rolle?
    Schüler: heute Jammer-Ossi
    in der DDR waren das Oppositionelle

  5. 73.

    Warum keine Antwort dazu was Potsdamer schrieb vom 05.08.2019 um 01:07:
    Der Westen hingegen verstieß täglich gegen die Schlussakte von Helsinki indem er die DDR nicht anerkannte und sich ständig in die inneren Angelegenheiten einmischte.

  6. 71.

    Ah jo, bis 1989 Menschen in Arbeit, Arbeit von der jeder Leben konnte. Heute ist das anders, da müssen die Menschen betteln gehen für Abfälle bei der Tafel. Bürger sich keinen Urlaub leisten können. Aber Schuld ist daran natürlich die DDR, 30 Jahre später. Wo ist da Logik nur?

  7. 70.

    Ihre BRD schob Menschen dafür in ab wo ihnen laut amnesty international der „Tod durch unmenschliche Haftbedingungen, Folter oder Hinrichtung“ drohte.

  8. 68.

    Nein, das ist mir dann wohl wie der gesamten objektiven Öffentlichkeit verborgen geblieben. Aber Sie machen mich neugierig. Wie war das denn mit den Westagenten und der katholischen Kirche ? *zurücklehn*

  9. 67.

    Der Kredit war nötig, weil es da einen Zusammenarbeit von Westagenten mit der kath. Kirche gab.
    Wenn Sie nur halb so schlau sind wie sie denken, dann wissen sie was ich meine.

  10. 64.

    @18: Ich habe in der DDR keine tägiche Bevormundung gespürt. Und dass man in der Schule vom Lehrer bzw. auf Arbeit vom Chef gesagt bekommt, was man machen soll, ist normal und nicht nur in der DDR so.
    @mehrere: Man man sollte nicht alle Stasi-IM als Verbrecher bezeichnen. Denn kaum jemand wurde Stasi-IM. um Verbrechen zu begehen oder anderen zu schaden, sondern weil sie erpreßt wurden. Nicht alle IM haben ihre Mitmenschen denunziert und angeschwärzt, sondern auch von Verdächtigungen staatsfeindlicher Handlungen entlastet. Ich kenne einen ehemaligen Stasi-IM, der von der Stasi geworben wurde mit dem Versprechen, seine Scheidungskinder wieder zu sehen. Wer wird da nicht schwach? Er entlastete Menschen von Verdächtigungen.
    Die Stasi schikanierte nicht nur die Oposizion. Sie deckte auch echte Verbrechen auf, wie z.B. Spionage vom Westen, Wirtschaftssabotage usw.

  11. 63.

    Ausreisewillige wurden mitunter verhaftet, und was tat die "böse" Bundesrepublik Deutschland? - "Mehr als 3,5 Milliarden Mark zahlte die Bundesrepublik, um insgesamt 33.755 Häftlinge aus der DDR frei zu bekommen." https://www.welt.de/kultur/history/article110977513/95-847-Mark-verlangte-die-DDR-fuer-einen-Haeftling.html

  12. 62.

    Informationen aus erster Hand ? Die braucht man wohl kaum um übertriebene Wahlversprechen zu entdecken. Das sagt einem allein schon der gesunde Menschenverstand. Wie lange ein neutrales Deutschland in Nachbarschaft zum kommunistischen Machtbereich bestanden hätte kann sich auch jeder ausrechnen. Es war wohl eher so, dass zum Glück die freien Westbürger zum Glück nicht an Stalin verkauft wurden. Im übrigen hatten die Menschen noch bis 1961 Zeit, ins demokratische Deutschland zu wechseln. Zum Leidwesen der Machthaber in Ost-Berlin haben von der Möglichkeit ja auch viele Gebrauch gemacht.

    Im übrigen war ich sowohl vor als auch nach der demokratischen Revolution in Ostdeutschland und kann die Entwicklung erkennen. Die Leistung der meisten Ostdeutschen nötigt mir großen Respekt ab. Da kann ich das ewige Gejammere einiger weniger gut ertragen.

  13. 61.

    Karl Eduard von Schnitzler hätte wohl ähnlich "argumentiert". Allein Ihre Wortwahl wie "Westregime" zeigt schon, welche politische Ecke sie bevorzugen. Kleiner Tip: Wenn das Pferd tot ist, sollte man absteigen.

  14. 60.

    Die Experten der Bundesbank sahen also die kommunistische Planwirtschaft der sozialen Marktwirtschaft überlegen ? Darauf muss man erst mal kommen. Wenn Sie meinen, dass die Bundesbank vor einem zu schnellen wirtschaftlichen Zusammenschluss gewarnt hat haben sie recht. Das war aber politisch damals nicht möglich und zum Glück hat man das auch nicht versucht, wie schon der Moskauer Putsch von 1991 gezeigt hat.

  15. 59.

    Dass die Planwirtschaft die DDR an den Rand des Ruins geführt hat wollen Sie heute wohl nicht mehr wahrhaben ? Es wäre wohl schon 1983 zu Ende gewesen wenn nicht nochmal der Milliardenkredit von Strauß geholfen hätte.

  16. 58.

    Zitat "Bruno"
    Wer nach einer vermeintlich objektiven Darstellung verlangt, hat ein bedauerliches Bildungsdefizit
    Selten zu einen Unsinn gelesen.

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