Lauryn Hill beim Glastonbury Festival am 28. Juni 2019 (Quelle: imago images/Matrix).
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Audio: Inforadio | 30.08.2019 | Henrike Möller | Bild: imago images/Matrix

Konzertkritik | Lauryn Hill im Tempodrom - Rückkehr einer Soul-Legende

Ende der 90er Jahre war sie ein Weltstar: Lauryn Hill. Dann wurde es still um die einstige Fugees-Frontfrau. Am Donnerstag brachte sie ihr legendäres Album "The Misseducation of Lauryn Hill" wieder auf die Bühne - mit politischer Botschaft. Von Henrike Möller

 

Lauryn Hill lässt sich bitten. Um halb zehn betritt sie endlich die Bühne - und damit eine gute Stunde später als erwartet. Doch der Ärger ist schnell verflogen. Was Lauryn Hill an diesem Abend im Tempodrom abliefert, gehört definitiv zu ihren Glanzstunden.

In der Vergangenheit mag sie Konzerte vergeigt haben: Als sie 2012 das letzte Mal in Berlin war, wurde sie ausgebuht, weil ihre Stimme nicht mitgemacht hat. Am Abend zuvor in Köln soll sie viel Zeit damit verbracht haben, Hasstiraden auf den Tontechniker abzulassen, weil der ihrer Meinung nach seinem Job nicht richtig nachgekommen ist. Bei ihrem Gig am Donnerstagabend in Berlin läuft aber alles reibungslos.

Schon 2012 trat Lauryn Hill im Berliner Tempodrom auf (Quelle: dpa/Britta Pedersen).
Schon 2012 trat Lauryn Hill im Berliner Tempodrom auf. | Bild: dpa/Britta Pedersen

Präsenz auch in der letzten Reihe spürbar

Von Anfang an versprüht Lauryn Hill eine Energie, Präsenz und Körperlichkeit, die auch in den letzten Reihen noch zu spüren ist. Ihr Gesang ist makellos. Vielleicht ein bisschen kratziger als früher, aber kraftvoll und vollmundig. Ihr Rap flowt noch genauso wie damals in den Neunziger Jahren, als ihre Karriere mit den Fugees begann.

Sie trägt ein kurzes, weißes Kleid, das ein bisschen aussieht wie das Federkleid eines Vogels. Über ihren Augenbrauen schweben rote Herzen so groß wie die Gläser einer Sonnenbrille. Bei jeder Bewegung flattern sie. Und Lauryn Hill bewegt sich viel. Lässig und jugendlich groovt die 44-Jährige über die Bühne.

Alte Songs, neuer Sound

Seit 21 Jahren performt Lauryn Hill nun schon "The Miseducation Of Lauryn Hill" ihre erste und einzige Platte. 1998 ist sie erschienen und bescherte ihr fünf Grammys. Lauryn Hill spult ihre alten Tracks im Tempodrom aber nicht einfach runter. Sie hat die Songs über die Jahre mitreifen lassen. Aus der ehemaligen Queen of Hip Hop ist eine Soul-Diva geworden. Die neuen Versionen haben mit den Originalen nur noch wenig zu tun. War ihr Grund-Sound früher erdig, urban und laid-back, atmet er heute den Geist einer Big Band.

Das liegt auch an der veränderten Instrumentierung. Neben Keys, Drums, Bass, Gitarre und drei Backgroundsängerinnen steht auch ein Bläser mit auf der Bühne. Lauryn Hill und ihre Band geben sich in fast jedem Stück langen Improvisationen hin. Kaum ein Track, der unter fünf Minuten dauert. In Summe spielt sie anderthalb Stunden.

Politische Botschaft

Begleitet wird die Musik von Videos, die People of Color in den Mittelpunkt rücken, meistens junge Menschen - beim Musikmachen, beim Tanzen. Was wie ein subtiles politisches Statement wirkt, wird dann aber konkreter: Während des Tracks "Forgive Them Father" laufen Clips, die Polizeigewalt gegen Schwarze zeigen. Man sieht, wie Männer grundlos geschlagen werden. Es sind Szenen, die nur schwer anzuschauen sind.

Lauryn Hill selbst bleibt in ihren Bühnenstatements allerdings unpolitisch. Zweimal setzt sie zu längeren Reden an. Sie erzählt von ihrer Kindheit, ihren musikalischen Vorbildern und warum sie sich nach dem gigantischen Erfolg ihrer Soloplatte Anfang der Nullerjahre so lange eine Auszeit genommen hat. Die Musikindustrie habe sie wie ein Objekt behandelt, sagt sie. Sie könne aber als Künstlerin nur Liebe geben und ihre Musik weitertragen, wenn auch sie genug emotionale Nahrung bekäme: "Kunst machen zu dürfen, ist ein Segen - aber nicht auf Kosten meiner seelischen Gesundheit und meiner Integrität."

Als Lauryn Hill am Ende noch zwei Tracks ihrer ehemaligen Band Fugees spielt - "Ready Or Not" und "Killing Me Softly" - ist das Publikum endgültig beseelt. Viele Frauen sind darunter, viele People of Color, der Altersdurchschnitt liegt zwischen 30 und 40 Jahren. Nur ein Wermutstropfen bleibt: Dass Lauryn Hill bisher nur eine Platte herausgebracht hat.

Beitrag von Henrike Möller

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2 Kommentare

  1. 2.

    Danke lieber rbb, für diese tolle Konzert Kritik. Lauryn Hill war bei den Fugees als Front- Frau großartig. Als Solo Künstlerin ist sie einzigartig. Schade das ich nicht dabei gewesen bin, aber die Arbeit hatte es verhindert:-(

  2. 1.

    Also, dass alles reibungslos lief, würde ich nicht unterschreiben! Es gab massive Tonprobleme, sodass man sie erst ganz schlecht und dann nur, wenn die Band nicht zu aktiv war, hören konnte. Aber auch die Einzelinstrumente konnte man bei ihren Soli nicht hören! Der Tonmann, der dreimal auf die Bühne schlich und der ansehnlich gernervten aber mega professionellen Miss Lauryn Hill etwas ins Ohr geflüstert hat, konnte die Probleme wohl auch nicht beheben.
    Manche Leute haben sogar das Tempodrom nach ein paar Liedern verlassen, weil sie es nicht ertragen konnten.
    So war es letztlich auch nicht verwunderlich, dass es keine Zugabe gab und sie nur noch so auf die Bühne kam...
    Sehr schade das Ganze! Ich hatte sie damals vor 20 Jahren schon gesehen, was wirklich eine Glanzstunde war. gestern leider nicht annähernd.

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