15.08.2018, Berlin, Deutschland, Pop-Kultur Musikfestival auf dem Gelände der Kulturbrauerei. (Quelle: imago images/Stefan Zeitz)
Bild: Audio: Inforadio | 22.08.2019 | Steen Lorenzen

Konzertkritik | Berliner Festival Pop-Kultur - Walkürenritt im Western-Style

Mit einer Premerie hat am Mittwoch die 5. Ausgabe des Pop-Kultur-Festivals in Berlin begonnen: Wagners "Ring des Nibelungen" wurde auf unterhaltsame 60 Minuten eingedampft. Und der Abend bot noch weitere Highlights - beispielsweise Anna Calvi. Von Steen Lorenzen

Jens Friebe sieht etwas blass aus. Nun gut, er ist kalkweiß geschminkt, das kann allerdings nicht über seine Anspannung hinwegtäuschen. "Wird das gut gehen?", scheint er sich zu fragen. Oder wird er mit dem "Ring des Nibelungen" bei der Eröffnung des Berliner Pop-Kultur-Festivals eine Bauchlandung erleben?

Walkürenritt im Italo-Western-Sound

Songschreiber und Indie-Pop-Musiker Friebe hat zusammen mit der Band 21 Downbeat Wagners größenwahnsinniges, 16-stündiges Werk auf 60 Minuten geschrumpft. Die zehn Musiker auf der Bühne im Kesselhaus der Kulturbrauerei hätte Wagner bei seiner Inszenierung allein für sechs Harfen und vier Tenor- und Basstuben gebraucht. Doch Friebe und die Hausband des inklusiven Rambazamba-Theaters haben den Helden und Göttern eine knackige Fassung abgerungen.

Wer Wagners Opulenz nicht mag oder sich an den oft geschundenen Frauenfiguren in seinem Werk stört, darf aufatmen. Brünnhilde steht ihre Frau in dieser Neufassung, die sich insgesamt durch musikalische Ironie, manchmal auch Demontage auszeichnet. So klingt der berühmte Walkürenritt eher nach Italo-Western und Alberichs Tarnhelm bekommt eine schöne Technohymne verpasst. An dramatischen Wende- und Höhepunkten mangelt es trotzdem nicht. Zumal die Geschichte auch noch auf der Leinwand nacherzählt wird – auf wilde, witzige und erotische Weise vom Rambazamba-Ensemble.

Im Auftrag des Festivals

Der leider nur mäßig besuchte Nibelungen-Auftakt ist eine von 15 Auftragsarbeiten des Festivals, das kein Branchentreffen mit angehängtem Musikprogramm ist, sondern Künstlerinnen und Künstler fördern, aber auch mit solchen Arbeiten herausfordern will. Dafür fließt Geld aus öffentlichen Töpfen.

Auf diese Weise ist schon Großes entstanden, wie letztes Jahr das Album "Exoterik" der Band "Die Türen". Ein epischer Ritt zu Kraut-, Indierock und Disco-Rhythmen, entstanden im brandenburgischen Ringenwalde und mit freundlicher Unterstützung des Pop-Kultur-Festivals. Die noch sehr unbefriedigende Rohfassung gab es letztes Jahr beim Festival zu erleben.

Ätzende Rap-Satire und Kissenschlacht

Eine Rohfassung ihres Schaffens zeigt dieses Jahr das Wiener Duo Klitclique. Die Rapperinnen Gudit und Schwanger begeben sich für drei kurze Konzerte im Laufe des Abends in das Rampenlicht eines kleinen Theaterraums. Auf manchen neuen Playbacks trudeln ihre Zeilen noch ohne erkennbares Ziel aus. Doch ein Hit wie die ätzende Rap-Satire "Der Feminist" zeigt das Potential des Duos.

Gendergerechtigkeit ist zum Normalfall bei diesem Festival geworden. Auch mit den größeren Namen setzt das Festival in diesem Jahr wieder die entsprechenden Zeichen. Mykki Blanco, der sich im Geschlechterdschungel frei und wortreich bewegt, verbringt einen Teil seiner Show tanzend und rappend mitten im Publikum, bevor er zurück auf der Bühne zwischen zerfetzten Kissen weitermacht.

Gebärdendolmetscherin von Anna Calvi avanciert zum Kult

Den größten Andrang im Kesselhaus gibt es aber beim Konzert von Anna Calvi. Mit wilder Lockenmähne, schwarzem Anzug und knallrotem Lippenstift betritt die Gitarrenvirtuosin die Bühne und zersägt alle überholten Genderrollen und -klischees. Dass bei ihrem Konzert die Leinwandprojektionen ausfallen, stört nicht weiter. Neben dem Anna-Calvi-Trio übernimmt nämlich Gebärdendolmetscherin Laura Schwengber die Visualisierung von Calvis Songs.

Als besonderer Service für Gehörlose beim Pop-Kultur-Festival eingeführt, ist die Performance von Schwengber mittlerweile Kult geworden. Beim Konzert von Anna Calvi bekommt sie eine besonders poetische Note, als die Gesten von Sängerin und Dolmetscherin sich beim Song "Wish" angleichen.

Sendung: Inforadio, 22.08.2019, 07:55 Uhr

Beitrag von Steen Lorenzen

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