Badehaus Berlin (Quelle: imago)
Audio: Inforadio | 20.08.2019 | Bruno Dietel | Bild: imago

Konzertkritik | "Ocean Alley" im Badehaus - Surfrock mit Bescheidenheit

In ihrer australischen Heimat sind die Tourneen der Reggae-Rockband "Ocean Alley" ausverkauft, der größte Radiosender des Landes hat einen ihrer Songs zur Nummer 1 des Jahres 2018 gekürt. Jetzt soll auch in Europa der Durchbruch gelingen. Von Bruno Dietel

Dieser Club ist viel zu klein für "Ocean Alley". Die sechs Musiker passen am Montag kaum auf die schmale Bühne im ausverkauften Badehaus auf dem Berliner RAW-Gelände. Die Band selber ist hinter grellem Licht und dichtem Nebel erst nur als Silhouette zu erkennen – der Sound dafür umso schnörkelloser und klar, sauber und unverzerrt.

Unverkrampft und lässig

Die Leadgitarre schwebt vollkommen befreit und gelöst über der Band, darunter diffizile, feine Keyboardlinien. In den Strophen liefern sich Gesang und Gitarre ein vorsichtiges "Call-and-Response"-Spiel. Nichts ist von stampfender Rock'n'Roll-Schwerfälligkeit zu hören, es ist vielmehr eine unverkrampfte Lässigkeit.

"Ocean Alley" könnten mit ihrem sehr aufgeladenen, ausgefuchsten, intensiven Sound auch die großen Rockgesten fahren und die Stars aus Übersee raushängen lassen. Sie bleiben aber auf der Bühne angenehm unprätentiös und bescheiden, und spielen diesen Abend wie einen Tanz aus der lockeren Hüfte.

Wie Bob Marley und Jack Sparrow zusammen

Sänger Baden Donegal strahlt mit Dreadlocks und Strickmütze eine Anmutung wie jemand irgendwo zwischen Captain Jack Sparrow aus Fluch der Karibik und Bob Marley aus – gesegnet ist er mit der Stimme eines jungen Eric Clapton.

Die dicke Prise Jazz und Blues im Klang von "Ocean Alley" lockt ein Publikum ins Badehaus, das zum großen Teil unter 30 ist – und das sich von häufigen Takt- und Tempowechseln, einem Reggae-Offbeat, unvermittelten Brüchen mitten in Balladen und Hammondorgel-Soli nicht irritieren, sondern erst recht begeistern lässt. Das wird vor allem auch daran liegen, dass "Ocean Alley" von Auftreten und Klang bis hin zur Ansprache ihrer Fans sehr organisch wirken. Sich verstellen oder eine Rolle einnehmen, wollen sie auf der Bühne offenbar nicht - sondern echt sein.

Durchgeschwitzte Band, durchgeschwitzte Fans

Sänger Baden erkennt einige Gesichter vom letzten Konzert in Berlin wieder, die Band aus Down Under hat sich in Berlin schon eine kleine Fangemeinde erspielt. Das Konzert im Badehaus ist restlos ausverkauft, nach gut einer Stunde verabschieden sich die durchgeschwitzten "Ocean Alley" vom ebenso durchgeschwitzten Publikum. Es wird das letzte Mal gewesen sein, dass man diese Australier in so einer kleinen und intimen Location in Berlin zu sehen bekommen hat.

Sendung:  Inforadio, 20.08.2019, 7.55 Uhr

Beitrag von Bruno Dietel

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Das könnte Sie auch interessieren

Die amerikanische Band Algiers auf ihrem Konzert in Kopenhagen (Quelle: dpa/Malthe Ivarsson)
dpa/Malthe Ivarsson

Konzertkritik | Algiers im Lido - Kein Platz für Schubladendenken

Die amerikanische Band Algiers hat in Europa noch eine eher kleine Fangemeinde. Dabei ist ihr vielschichtiger Sound aus Soul, Gospel und Postpunk eine echte Entdeckung. Und sie haben etwas zu sagen - gegen Polizeigewalt und Alltagsrassismus. Von Magdalena Bienert