Schild am Eingang zum Festsaal Kreuzberg in Berlin (Bild: imago-images/Martin Müller)
Audio: Inforadio | 13.08.2019 | Lennart Garbes | Bild: imago-images/Martin Müller

Konzertkritik | Tommy Guerrero - Musikalische Entspannungstherapie im Festsaal Kreuzberg

Tommy Guerrero war Profi-Skater und besitzt sein eigenes Skateboard-Unternehmen. Aber er ist auch Musiker, mit einem ganz eigenen Sound. Sein Berliner Konzert am Montagabend war äußerst lässig - und manchmal etwas langatmig. Von Lennart Garbes

Tommy Guerrero weiß, wie man sich seine Träume erfüllt. Mit 19 Jahren fuhr er zusammen mit Tony Hawk und Steve Caballero in der "Bones Brigade", dem damals berühmtesten professionellen Skateboard-Team der USA. Mit 29 Jahren gründete er sein eigenes Skateboard-Unternehmen Real Skateboard. Und außerdem macht er seit mehr als zwei Jahrzehnten erfolgreich seine ganz eigene Art gitarrenlastiger Downtempo-Rockmusik.

Ein Konzert mit Tommy Guerrero ist dabei zuallererst eine lässige Angelegenheit. Das verdeutlichen im Festsaal Kreuzberg an diesem Montagabend die ungewöhnlich vielen Blumenhemden und "man buns" im Publikum genauso, wie die hippen Kopfbedeckungen und ein - trotz Rauchverbots - gewisser süßlicher Geruch. Auch die vier Musiker auf der Bühne lassen keinen Zweifel daran, dass es ein angenehm entspannter Abend werden soll.

"Musik machen ist ein bisschen wie skaten"

Tommy Guerrero, mit in die Stirn gezogenem Base-Cap und schwarzer Brille mit dickem Rahmen, ist sich seines Publikums und der Wirkung seiner Musik durchaus bewusst. Begleitet wird er von einem Bassisten, einem Schlagzeuger und einem Perkussionisten. Gemeinsam entfalten sie Guerreros außergewöhnliche, tiefenentspannte Idee von Musik. Der US-Amerikaner vermischt Downtempo-Rock und verschiedene lateinamerikanische und afrikanische Stilrichtungen mit Funk, Soul und Jazz. Heraus kommen hypnotisch-treibende Stücke, angeführt von Guerreros Gitarre, allerdings mit viel Raum für Improvisationen.

Musik machen sei für ihn ein bisschen wie skaten, sagt Guerrero während des Konzerts. "Wenn man einen Berg runterrast, ist das ein sehr heikler Moment. Man muss absolut im Moment sein, es ist alles improvisiert in Sekunden. Musik ist für uns genauso. Wir wissen nicht genau wohin es geht und was wir machen, so ist jedes Konzert einzigartig." 

Etwas langatmig, aber nie anstrengend

Gesang gibt es keinen auf diesem Konzert. Guerreros Stücke folgen keiner popmusikalischen Logik von Refrain und Klimax, sondern pulsieren instrumentell von Thema zu Thema, durchzogen von Solos. Das ist manchmal etwas langatmig, dabei aber nie anstrengend. Nur an ganz wenigen Stellen schimmern noch Guerreros musikalische Anfänge als Skatepunker in der Band Free Beer in den 1980er Jahren durch.

Seitdem ist jedoch einige Zeit vergangen. Guerrero ist mittlerweile 52 Jahre alt, hat seine Karriere als professioneller Skateboarder schon lange beendet und ist erfolgreicher Unternehmer geworden. 1997 erschien sein erstes eigenes Studioalbum – mittlerweile sind es neun. Entsprechend gediegen geht es auf der Bühne zu.

Es wird weder viel gesprochen noch viel gestikuliert. Die vier Musiker verstehen es, über ihre Instrumente miteinander und mit dem Publikum zu kommunizieren. Obwohl Momente totaler Ekstase dabei eher ausbleiben, gibt es eigentlich nie einen Grund komplett still zu stehen und nicht zumindest wie Guerrero und sein Bassist rhythmisch mit dem Kopf zu nicken.

Eine Liebesbotschaft zum Abschluss

Zum Ende zeigt der ehemalige Profi-Skater dann aber doch noch das Bewegungstalent vergangener Tage. In bester Skater-Manier springt Guerrero für die Zugabe auf die Bühne. Als musikalische Auflockerung holt er für das letzte Stück noch einen Saxophonspieler dazu.

Nach dem letzten Lied bedankt sich der US-Amerikaner - fast demütig - beim Publikum. "In diesen schwierigen Zeiten geht es darum ganz besonders nett zueinander zu sein", sagt Guerrero. Für die Besucher*innen dieser musikalischen Entspannungstherapie mit hochklassigen Musikern sollte das an diesem Abend kein Problem mehr sein.

Sendung: Inforadio, 13.08.2019, 8 Uhr

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