Die Band Kettcar spielt ein Open-Air-Konzert im Waschhaus in Potsdam am 8. August 2019. (Bild: imago images)
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Konzertkritik | Kettcar im Waschhaus Potsdam - Gut genährt in die Indie-Nostalgie

Nach 16 Jahren ist die Hamburger Indie-Rock-Band Kettcar am Donnerstag ins Potsdamer Waschhaus zurückgekehrt. Victor Buzalka erlebte ein kurzweiliges, politisches - aber auch kontrastreiches Konzert.

Schon die Eröffnung des Freiluft-Konzertabends im Potsdamer Waschhaus fällt energetisch aus: Die einst totgesagte Indie-Rock-Band Muff Potter aus Münster kehrt nach einer fast zehnjährigen Pause als erstes auf die Bühne zurück. Die Band verbindet mit Kettcar nicht nur eine langjährige Freundschaft, sondern auch viele gemeinsame Konzerte und das berüchtigte Indie-Plattenlabel "Grand Hotel van Cleef". Während Muff Potter den riesigen Konzert-Innenhof vor dem Waschhaus mit kraftvollen Stakkato-Gitarren-Riffs und sozialkritischen Texten beschallen, findet sich das gutbürgerliche Potsdamer Publikum langsam auf dem Gelände ein. Die Laune ist hervorragend.

Kettcar: Sänger Marcus Wiebusch und Bassist Reimer Bustorff auf einem Konzert am 04.08.2018 (Bild: dpa/Michi Reimers)
Sänger Marcus Wiebusch und Bassist Reimer Bustorff Bild: dpa/Michi Reimers

Hamburger Charme statt Hamburger Schule

Dann beginnen Kettcar ihren Auftritt - bei aufgehendem Halbmond - mit einem opulenten Bühnen-Einlauf, begleitet von epischer Klaviermusik, viel Nebel und buntem Lichtgewitter. Dieser Auftakt wirkt eher wie ein Scherz, geben sich die fünf Hamburger auf der Bühne doch sonst eher selbstironisch und trocken - doch danach geht es direkt los mit Indie-Rock-Hymnen vom Feinsten.

Die entschlossene Stimme und der lyrische Sprechgesang von Marcus Wiebusch sind unverkennbar; die abgestimmten Akkorde von ihm und Gitarrist Erik Langer bilden einen melancholischen Klangteppich. Bruder Lars Wiebusch steuert am Keyboard neben bewegenden Klaviereinlagen und Indie-Pop-Melodien auch mal elektronische Beats, sowie englischsprachige Samples zu den Liedern bei. Die Rhythmusfraktion bestehend aus Reimer Bustorff am Bass und Schlagzeuger Christian Hake kommt an diesem Abend mit einem sehr klaren und doch bassigen Sound bei Kettcar-Klassikern wie "Benzin und Kartoffelchips" besonders gut zur Geltung.

Laut Aussage von Sänger Marcus Wiebusch zählt sich die Band tatsächlich gar nicht zur Musikbewegung der sogenannten Hamburger Schule, der sie immer wieder zugeordnet wird. Der Hamburger Charme der Band lässt sich an diesem Sommerabend in der Schiffbauergasse an der Havel allerdings nicht von der Hand weisen.

Politische Statements

Mit dem Lied "Sommer '89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)" geben Kettcar an dem Abend ihr erstes politisches Statement ab. Als Sänger Wiebusch dem Publikum erklärt: "Menschen durch Zäune zu helfen, das ist ein humanistischer Akt. Wir lassen uns nicht davon abhalten Menschen zu helfen, aus dem Mittelmeer und über Grenzen" geht ein Raunen durch das Publikum, aber es wird auch applaudiert. Auch mit dem Song "Der Tag wird kommen" machen sich Kettcar für die Schwachen und Unterdrückten, Minderheiten und Verfolgte stark und richten sich ganz entschieden gegen "homophobe Vollidioten, dumme Hater, Schreibtischtäter und arme Herdentiere". Die Band hat eindeutig eine linke politische Agenda und diese wird bei dem Konzert nicht nur durch die kopflastigen Texte von Wiebusch gegen "Ego-Zyniker, Pegidisten und besorgte Bürger", sondern auch durch die zahlreiche Interaktionen mit dem Publikum und durch eingespielte Musikvideo-Clips sehr deutlich, die auf eine geteilte Leinwand hinter der Band projiziert werden.

Diese politischen Statements kommen gut an bei dem Publikum, dass für eine Konzertkarte an der Abendkasse 39 Euro zahlen musste. Um den Indie-Abend abzurunden, besteht für die Gäste auch gleich noch die Möglichkeit für die Seenotrettung im Mittelmeer zu spenden, sich Indie-Fanartikel zu kaufen, sowie sich über die politische Linke in Potsdam zu informieren und Currywurst zu essen. Diese Angebote nutzen die sportlich und doch elegant gekleideten Potsdamer sehr gerne vor, während und nach dem Konzert. "Früher wurde noch in die Ecke gekotzt, heute gibt es Naturkosmetik auf unseren Festivals", bilanzierte Sänger Wiebusch.

Kettcar spielen als große Nostalgiker natürlich auch noch einen Emo-Block aus alten Liebesliedern wie "Balu", der laut Bustorff bei jedem Konzert für die Frauen gespielt werden müsse. Und spätestens bei einem ihrer größten Hits "Im Taxi weinen" singt das Publikum lauthals mit: "Das Gegenteil von gut ist gut gemeint", so dass das Indie-Herz sicher bei allen Konzertbesuchern höher schlägt.

Die echten Indie-Fans stehen auf dem Dach

Bevor Kettcar als Zugabe für die rund 1.100 zahlenden Gäste noch einen ihrer erfolgreichsten Gassenhauer mit dem maritimen Thema "Landungsbrücken raus" zum Besten geben, deutet Bassist Bustorff auf das angrenzende Parkhaus, direkt neben dem Open Air Gelände - auf dem Dach stehen tatsächlich ein paar junge Erwachsene, die das ganze Konzert von ganz oben und für ganz umsonst mitverfolgt haben: echte Indie-Helden mit zerzausten Haaren, Dosenbier und Klappfahrrädern. Irre - dazu fällt Wiebusch sicher gleich wieder eine gute Geschichte von früher ein.

Beitrag von Victor Buzalka

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